Zitate   Aphorismen   Lebensweisheiten

Zitate von Goethe (256), Nietzsche (295), Krishnamurti (316) u.a.
Anmerkungen zur Philosophie dieser Zitate-Sammlung

Zitate, Aphorismen, Lebensweisheiten:
Der kürzeste Weg zum Verstehen


Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.
J. W. von Goethe, Die Wahlverwandtschaften

Am Anfang war das Ei. Aus ihm schlüpfte die Henne. Am Anfang war die Henne. Aus ihr kroch das Ei.
Am Anfang war das Licht. Am Anfang war das Wort. Am Anfang war die Erfahrung. Am Anfang war der Gedanke. Am Anfang war ...

Wie selbstverständlich gehen wir davon aus, dass dem Begriff Anfang unzählige Lebenswirklichkeiten entsprechen. Doch haben wir je in unserem Leben schon einmal etwas wirklich anfangen sehen? "Die Tagesschau fängt täglich um 20:00 Uhr an", könnte man entgegnen. Aber fängt sie in Wirklichkeit nicht schon in dem Augenblick an, wo Nachrichtenredakteure sich überlegen, welche Nachrichten gesendet werden sollen, oder wo Reporter in aller Welt Beiträge für die Sendung erstellen, oder wo überall in der Welt Dinge geschehen, die als meldungsrelevant eingestuft werden usw.?

Das Leben selbst kennt keinen Anfang. Anfang ist ein logischer Begriff und dient dem Zweck, Lebenswirklichkeit zu definieren, das heißt zu begrenzen in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Durch diese Begrenzung bekommt die Tagesschau einen "Anfang" und ein "Ende" und ermöglicht es so dem Zuschauer, im richtigen Moment hinzuschauen. Dies ist jedoch eine rein konventionelle Festlegung, die ausschließlich der Berechenbarkeit dient. Die Tagesschau wird um 20:00 Uhr gesendet, aber das ist nur ihr Anfang im technisch-organisatorischen Sinne. Das Leben selbst kennt weder Anfang noch Ende, sondern nur Prozesse. Für den Umgang mit Zitaten ist das eine Erkenntnis von fundamentaler Bedeutung, wie wir später sehen werden.

"Das Wahre ist das Ganze", hat der deutsche Philosoph G.W.F. Hegel einmal "festgestellt" und so auf prägnante Weise bewusst gemacht, dass Feststellungen niemals wahr sein können. Sämtliche Aussagen und Interpretation sind eingebettet in einen hermeneutischen Zirkel, einem unbegrenzten Verstehensprozess, der seinen Grund in der Tatsache hat, dass jeder Kontext gegen unendlich geht, wie Mathematiker es ausdrücken würden, oder dass alles mit allem verbunden ist, wie wir es aus Philosophie und Spiritualität kennen. Ein einzelner Satz wie etwa ein Zitat, Aphorismus oder Spruch kann deshalb niemals wahr sein. Der auf das obige Hegel-Zitat folgende Satz lautet konsequenterweise: "Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen." Es gibt demzufolge keine Wahrheit, sondern nur Wesen, deren Entwicklung auf das Wahre ausgerichtet ist. Daraus resultiert, dass jedes Verstehen immer ein begrenztes ist und dass die Qualität des Verstehens abhängig ist von der Enge oder Weite des jeweiligen Verstehenshorizonts, das heißt der Nähe zum Wahren und Ganzen.

Wenn wir uns mit Zitaten, Aphorismen, Sprüchen oder Lebensweisheiten beschäftigen, kann es also nicht darum gehen, zwischen wahren und falschen Aussagen zu unterscheiden, sondern nur darum, unseren individuellen Verstehenshorizont zu erweitern. Dies kann prinzipiell auf zweierlei Weise geschehen: Zum einen können wir unsere Erfahrungen zur Sprache bringen, sei es, dass wir sie anderen im Gespräch unmittelbar mitteilen, sei es, dass wir sie aufschreiben. Dabei stehen dann unsere Erfahrungen am "Anfang" und die Gedanken am "Ende". Umgekehrt können wir aber auch die in Sprache übersetzten Erfahrungen zum Ausgangspunkt nehmen, indem wir über unsere eigenen Gedanken oder die anderer Autoren nachdenken. Diese auch Reflexion genannte Tätigkeit ermöglicht es, unsere bisherigen Erfahrungen mit einem neuen Gedanken zu konfrontieren, der schließlich dazu führen wird, dass wir uns entweder in unserem Denken bestätigt fühlen oder dass wir unser bisheriges Denken aufgeben zugunsten von Gedanken, von denen wir uns neue und bessere Erfahrungen versprechen.

Als ein Bemühen um gedankliche Klärung bietet das Reflektieren die Möglichkeit, uns von alten Gedankenmustern zu befreien, auf deren Basis wir eine Wirklichkeit konstruiert haben, die wir nicht mehr wollen. Die formelhafte Aussage des deutschen Philosophen Ernst Bloch "Not lehrt Denken" ist in der Tat das häufigste Motiv, warum wir über bestimmte Dinge nachdenken. Solange wir in einem Paradies leben, tun wir gut daran, einen großen Bogen zu machen um den Baum der Erkenntnis samt seiner bitteren Früchte. Wo alles im Fluss ist, wäre Denken kontraproduktiv. Sinn machen kann es nur dort, wo etwas Wesentliches in unserem Leben ins Stocken geraten ist, und nur dann, wenn das Denken qualitativ hochwertig ist. Mein persönliche Philosophie gegen die heute weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten Gedankenlosigkeit und Hyperreflexion lautet deshalb: "Man sollte so denken, dass man möglichst wenig denken muss."

Wie aber kann man die Qualität des eigenen Denkens verbessern? Ein besonders geeignetes Mittel scheint mir darin zu bestehen, sich mit einzelnen prägnanten und aussagekräftigen Gedanken tiefgründig auseinanderzusetzen, seien es die eigenen oder die anderer Autoren. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass man zunächst einmal gutes "Gedankenmaterial" zur Verfügung hat, welches dazu taugt, die Denkfähigkeit qualitativ zu steigern. Dazu gehört nach meiner Auffassung vor allem, dass ein Zitat uns stark berührt und dass es keine überflüssigen Sprachbarrieren enthält, die uns sein Verstehen erschweren. Natürlich schließt das nicht aus, dass bestimmte Zitate nur von einem kleinen Leserkreis verstanden werden können, da sie einen weiten Verstehenshorizont voraussetzen. Würden sich die Autoren diesbezüglich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränken, dann gäbe es bald nur noch Literatur auf Bildzeitungsniveau.

Dennoch kann ich Leser gut verstehen, die fluchend vor einem Zitat sitzen wie: "Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug." So erging es mir, als ich zwei Jahre nach Studienbeginn mutig-naiv an einem Hegel-Kolloquium über die Phänomenologie des Geistes teilnahm. Völlig verwirrt saß ich dort vor einem kryptischen philosophischen Text in deutscher Sprache, von dem ich nicht einen einzigen Satz verstand. Nach der ersten Sitzung dachte ich mir: "Entweder ist dieser blöde Hegel beschränkt, oder ich bin es." Am Ende des Kolloquiums musste ich schließlich eingestehen, dass ich selbst der Beschränkte war. Wenn Sie also in dieser Sammlung auf "beschränkte" Zitate stoßen, kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung nur empfehlen, sich entweder zum Verständnis durchzubeißen oder den Text einfach beiseite zu legen, wenn Sie ihn für sinnlos halten, und dabei immer die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass er einfach nur außerhalb der Reichweite Ihres gegenwärtigen Verstehenshorizonts liegt: "Denn je höher eine Wahrheit ist, von desto höherer Warte mußt du Ausschau halten, um sie zu begreifen." Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste

Die meisten Menschen verstehen unter "Verstehen" die Projektion ihrer eigenen Gedanken und Gefühle auf das Objekt ihres Verstehens. Auf diese Weise werden andere als bloße Stichwortgeber missbraucht, um das im eigenen Innern auf Äußerung lauernde Gedankengut loszuwerden. Das gilt gleichermaßen für Gespräche wie für die Interpretation von Zitaten, Aphorismen und sonstigen Texten. Mit Verstehen hat das aber nichts zu tun, denn um einen Menschen und seine Gedanken wirklich zu verstehen, muss man ihnen den eigenen geistig-seelischen Innenraum frei zur Verfügung stellen, in den hinein sie sich verstehen können. Man selbst ist dabei nur der Zeuge eines Verstehensprozesses, der Ort, wo wirkliches Verstehen sich ereignet:
"Wann verstehst du einen Menschen? Du mußt ihn mitmachen [...]. Du mußt sein wie er: aber nicht du in ihn hinein, sondern er in dich hinaus! Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Ein sicheres Anzeichen für einen engen Horizont des Verstehens ist die Wut, die man empfindet, wenn man ein Zitat zwar zu verstehen glaubt, doch völlig anderer Meinung ist als der Autor. "Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn", hat Goethe in seinen Wahlverwandtschaften treffend bemerkt. Es ist also völlig natürlich, anderer Meinung zu sein, krankhaft ist allein, wenn man sich über die Meinungen anderer aufregt. Beim Umgang mit Zitaten, Aphorismen oder Sprüchen sollte es allein darum gehen zu prüfen, inwieweit eine bestimmte Aussage mit unseren Erfahrungen übereinstimmt. Tut sie dies, dann können wir uns über die Bestätigung von außen freuen, tut sie es nicht oder nur bedingt, dann sollten wir dankbar dafür sein, dass uns eine Gelegenheit gegeben wird, unseren Erfahrungshorizont zu überprüfen und gegebenenfalls zu erweitern. Stellen wir dann fest, dass die Gegenposition für unsere eigene Lebenswirklichkeit keine Bedeutung hat, können wir sie völlig unaufgeregt ignorieren.

Der schwierigste doch vielleicht auch lohnenswerteste Umgang mit Sprüchen und Aphorismen ist der, selbst welche zu schreiben. Dabei sollte es zunächst keine Rolle spielen, ob die schriftlich fixierten Gedanken auch für andere von Bedeutung sein könnten. Als ich kürzlich einen zwölfjährigen Schüler bat, mir spontan in einem Satz zu sagen, was seine Eltern für ihn bedeuten, kam prompt die Antwort: "Meine Eltern sind Wolken, die mich tragen." Dieser Satz hat mich spontan gerührt. Und der Glanz in den Augen des Jungen verriet mir sein Gespür dafür, dass er gerade ein Heilmittel selbst erzeugt hatte, das ihm in Stunden des Zweifels immer eine wertvolle Hilfe sein wird. Die anglikanische Sprachwurzel von heil ist whole, was sowohl ganz und vollständig bedeutet als auch gesund und heil. Insofern ist jeder klare Gedanke, den wir selbst fassen, ebenso heilsam wie tiefgründige Gedanken anderer, die wir verstehen, die unser Handeln bestimmen und so unser Leben verändern.

Ob es sich nun um unsere eigenen klaren und prägnanten Gedanken handelt, oder um gelungene Formulierungen anderer Autoren: In jedem guten Spruch schlummert ein "Heilmittel". Das trifft sowohl auf Sprüche zu, die erbaulich sind, sei es, dass sie uns erheitern oder Urvertrauen vermitteln, sei es, dass sie uns konkrete Wege aufzeigen, wie wir unser Leben positiv verändern können. Aber auch kritische Aphorismen können in zweifacher Weise heilsam sein. Sie können uns auf negative Umstände aufmerksam machen, denen wir ausgesetzt sind, ohne unmittelbar etwas daran ändern zu können. Auf diese Weise ermöglichen sie uns, eine gelassene Haltung dazu einzunehmen. Ebenso können sie uns auf negative Umstände hinweisen, die innerhalb unseres Einflussbereichs liegen und durch weises beherztes Eingreifen positiv verwandelt werden können. In diesem Sinne geben sie uns ebenso wertvolle Orientierungspunkte für Veränderungen in unserem Leben wie die erbaulichen Sprüche, denn Verstehen heißt Heilen.

Haben Sie heute schon einen heilsamen Gedanken entdeckt? Wenn nicht, wünsche ich Ihnen viel Freude bei der Lektüre!

Herzliche Grüße

Andreas Tenzer, im August 2010

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