61 Zitate mit Interpretation
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Der Text sollte vor allem inhaltlich auf das Zitat Bezug nehmen und nicht nur Ihre Meinung zu dem angesprochenen Thema beinhalten.
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Aber jene, die mich mit überfließendem Herzen lieben, erzielen das Versunkensein in mich, und da sie dann in mir wohnen, wird ihnen offenbar, dass ich zugleich in ihnen wohne.
Bhagavadgita: Übersetzung von Peter Kobbe, 3. Aufl. München: Goldmann (Arkana), 2002, S. 135, 9.29
(mich = Krishna)
ISBN: 3442216079
Info: Autor Thema ⇓- Bhagavadgita (20)
- Bhakti (15)
- Herz (110)
- Hinduismus (10)
- Hingabe (21)
- Krishna (3)
- Liebe - Lieben (251)
- Offenbarung (25)
- Versenkung > Meditation (4)
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Interpretation:
Bhagavadgita-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 2
Nimm eine Wohnstätte in Mir und Ich wohne zugleich in Dir. Liebe Mich und Ich liebe Dich. Liebe Dich und Ich liebe Dich. Was immer du tust, Ich liebe Dich, denn mein überfließendes Herz kennt keine Grenzen. Finde Dein Zuhause in Mir und Ich bin allzeit bei Dir, woimmer du auch sein wirst, wo immer du auch Wohnung nimmst. Und findest du nicht Dein Zuhause, so bin Ich dennoch allzeit bei Dir, denn ich wende mich nicht ab von Dir, selbst dann nicht, wenn du leidest.
Warum aber leidest du noch, da ich doch bereits da bin, hier in deiner Wohnstätte? Warum bist du noch ein Suchender und Herumsträunender, der nach seiner Wohnstätte, nach seinem Zuhause sucht?
Eine Wohnstätte zu nehmen, bedeutet schlicht, zu lieben und freudvoll zu leben, wach und aufrichtig, weise und aktiv. Wer den Ort liebt, in dem die Wohnstätte sich befindet, wird zugleich von dem Ort geliebt, in dem die Wohnstätte sich befindet. Wer das Leben liebt, empfindet sich gleichsam geliebt vom Leben. Selbst, wenn er schlechte Erfahrungen mit Menschen in diesem Leben gemacht haben sollte, er wird, wenn er dieses Leben an sich liebt, wenn er erfüllt ist von Lebendigkeit und Wohnstätte in diesem Leben genommen hat, nicht verbittert und nicht zynisch sein, denn wenn seine Liebe zu diesem Leben, zu dieser Wohnstätte, wirklich aufrichtig ist, wird auch diese Wohnstätte, dieses Leben, diese Liebe in ihm wohnen und ihn erfüllen. Ist es vielleicht nicht so?
Das Herz wird Ihm überfließen, denn es gibt keine Grenzen, Hindernisse und Widerstände in Seinem Herzen, die das Überfließen der Liebe verhindern könnten. Sein Herz fließt ihm über, denn er führt keine Trennungen ein, errichtet keine Mauern, zieht keine Grenzen. Daher fließt Dem das Herz über, der dieses Leben, das Gott gegeben ist, schlicht liebt, ohne Sentimentalität, ohne unrealistisch zu sein, sondern in vollem Bewusstsein der Dinge und Undinge in diesem Leben, der Grausamkeiten und der Ungerechtigkeiten. Liebe, die mit überfließendem Herzen gelebt ist, ist die einzige Gerechtigkeit, denn sie kommt nicht vom Menschen, sondern vom Dem Einen, der in jedem Menschen wohnt, doch den die meisten Menschen nicht beachten, nicht gewahren, nicht verspüren, denn sie leiden (noch).
Das überfließende Herz berührt alle Menschen guten Willens, die offen und aufrichtig ihr Leben begehen. Und weil das überfließende Herz die Menschen berührt, werden keine Grenzen errichtet, denn wer wollte sich nicht liebend berühren lassen und die Grenzenlosigkeit und Freude darin erkennen wollen?
Liebe ist ein Versunkensein, das nicht passive Abwesenheit bedeutet, sondern das ein Aufgegangensein der Saat göttlicher Wirklichkeit ist. Der Mensch der Liebe, ist aufgegangen, er ist erwachsen geworden, daher kann Er Liebe zugleich in sich wohnen lassen, denn in Ihm ist der innere, unendliche Raum der Liebe. Das Leben und die Liebe, die in Ihm wohnt, ist nicht verschieden von der Wirklichkeit an sich, die Leben und Liebe ist. Leben und Liebe ist raumlos und zeitlos. Daher kann Es im Menschen wohnen, der in der Liebe und in diesem Leben wohnt. Ist es vielleicht nicht so?
Warum zeigt die Welt des Menschen, dass der Mensch keine Wohnung zu haben scheint, dass er kein Zuhause zu haben scheint, dass er sich in seinem Leben und mit seiner Liebe nicht wohl zu fühlen scheint und rebelliert, streitet, kämpft, leidet?
Versunken in dieses Leben zu sein, mit überfließendem Herzen zu lieben, überall Zuhause zu sein, wer dies lebendig erfährt, erfährt die Güte Gottes und des Lebens, ohne Botschaftsattitüde, ohne Mission, ohne sentimentalen, naiven Glauben, doch völlig realistisch und vernünftig den Dingen und Undingen des Lebens und der Welt gegenüber.
Jeder Mensch (und jedes Ding und Wesen) beherbergt den Einen, den Gütigen, den Schönen, den Einen Liebenden als Gast. Und der Gast ist unendlich geduldig, bis er beachtet wird, bis er erkannt ist, dann fließt seine grenzenlose Liebe über in die Wohnung des Menschen Herz. Ist es vielleicht nicht so?
Thomas Fürniß im Juli 2010 -
Als gut gilt heute, was uns die Illusion gibt, daß es uns zu etwas bringen werde.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 740
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (44) -
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 14
Eine Leistungsgesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass der Wert eines Menschen wesentlich durch das bestimmt wird, was innerhalb dieser Gesellschaft als Leistung definiert ist. Das Besondere an der heutigen Leistungsgesellschaft besteht darin, dass Leistung im wesentlichen mit Produktivität gleichgesetzt wird.
Eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern, die von Sozialleistungen abhängig ist, gilt innerhalb dieser Gesellschaft als negatives Produktivelement, da sie nicht nur kein Geld erwirtschaftet, sondern auch noch von anderen erwirtschaftetes Geld verbraucht. Soviel diese Frau auch täglich leisten mag: Im Sinne des gesellschaftlich definierten Leistungssystems ist das, was sie tut, nicht gut. Demgegenüber gilt als gut, wer es zum Beispiel in der Rüstungsindustrie oder der industriellen Biotopvernichtung zu etwas gebracht hat.
Auch wenn heute viele Kritiker den produktivitätsorientierten Wachstumsfetischismus als Illusion durchschaut haben, dominiert in Ökonomie und Politik nach wie vor der Grundsatz: Gut ist, was das Bruttosozialprodukt steigert und Arbeitsplätze schafft.
Andreas Tenzer, Köln im November 2006 -
Also, wer erwartet, daß in der Welt die Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen einhergehn, wird stets ihre Beute, oder ihr Spiel sein.
Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, 1. Aufl. 1976 Frankfurt/M, Leipzig: Insel, 1976, S. 178 (V)
ISBN: 3458319239
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (21) -
Interpretation:
Schopenhauer-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Wem das Böse nicht ersichtlich ist, wird selbst in der Gefahr stehen vom Bösen heimgesucht zu werden, sei es, indem das Böse ihn vereinnahmt und ihn benutzt, sei es, dass er selbst Böses tut und denkt, ohne dass dies ihm wirklich bewusst wäre. Wer also erwartet, dass das Böse in der Welt auf die eine oder andere Weise markiert sei, sodass es leicht zu erkennen wäre (wie die hollywoodeske Filmindustrie es ihrem Publikum verkauft), geht in die Irre und befindet sich in einer falschen und fatalen inneren Haltung.
Um das Böse in der Welt (und in sich selbst) zu erkennen, bedarf es keiner Hörner und keiner Schellen, es bedarf nicht des geistigen Fingers, der von sich wegdeutet und stets andere des Bösen zu überführen glaubt. Wer das Böse anderswo zu sehen glaubt, macht sich verdächtig, das eigene Böse unter dem unreinen Teppich zu halten. Wer also mit dem geistigen Finger zeigt und Schuld in der Welt verteilt, weil er glaubt dort das Böse gefunden zu haben, ist selbst das Böse, das es nicht versteht unschuldig, rein und gut zu sein.
Doch dieser Mensch ist dann nicht das Opfer des Bösen, er ist bereits der Täter des Bösen, er hat bereits Hörner und Schellen bekommen, ohne dass ihm das bewusst geworden wäre. Und so wird er selbst ein Spiel daraus machen, ein Theater veranstalten und sich selbst an der Nase herum führen und andere zu eben diesem Denken und Verhalten verführen. Das Böse verführt sich selbst und die Welt, indem es sich selbst als gut definiert und sich abgrenzt gegen anderes, das es als böse definiert. So gibt es eine Trennung in der Welt aus beliebigen Definitionen von gut und böse.
Diese aufrechterhaltene, unverstandene und unaufgelöste Trennung von Gut-gegen-Böse ist das eigentliche Böse in der Welt und im Menschen, denn es ist Abwesenheit von ungeteilter, bedingungsloser Selbsterkenntnis, die darin besteht in Einheit und Einssein zu leben und nicht in einer Trennung zwischen diesem und jenem, zwischen dem selbst ernannten Guten und dem anderen Bösen. Wer dieses Spiel der Trennung spielt, fühlt sich selbst als gut und für ihn sind es die anderen, die in Schuld leben. Dieses Reinwaschen bedarf eines Anderen als Gegensatz, damit er selbst rein erscheint, doch er ist es in Wahrheit nicht. In Wahrheit ist er unrein und dem Mangel an Selbsterkenntnis ausgesetzt.
Selbsterkenntnis ist die Abwesenheit eines Anderen, es ist Verstehen und Mitgefühl anwesend, nicht Beschuldigung und Verurteilung eines Anderen. Selbsterkenntnis ist ein anderer Ausdruck für eine innere, geistige Einheit und Harmonie, die nicht Zwietracht sät, sondern die verbindend und einend wirkt, weil es Liebe ist und Lebendigkeit. Selbsterkenntnis spielt kein Spiel und kein Theater und sie setzt anderen keine Hörner auf, denn Selbsterkenntnis wirkt befreiend und nicht beengend.
Wer also nicht zu seiner eigenen Beute des Bösen werden will und sein Leben mit einem künstlichen Spiel vor der Welt und sich selbst verbringen will, statt schlicht und einfach zu leben ohne Spiel und ohne Theater, ist freundlich aufgefordert Selbsterkenntnis zu betreiben. Doch wer nun erwartet, dass Selbsterkenntnis durch himmlische Musik und mit den Ohren zu erkennen sei, bleibt die Beute anderer und wird im Spiel des Bösen geschlagen werden. Auch darüber spricht die Welt Bände.
Thomas Fürniß im November 2010 -
Am Land kommen die Götter noch zu den Menschen, [...] man ist jemand und erlebt etwas, aber in der Stadt, wo es tausendmal so viel Erlebnisse gibt, ist man nicht mehr imstande, sie in Beziehung zu sich zu bringen: und so beginnt ja wohl das berüchtigte Abstraktwerden des Lebens.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 649
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓- Abstrakt (10)
- Beginnen > Anfang (29)
- Beziehung (22)
- Erleben - Erlebnis (22)
- Götter (14)
- Land - Landschaft (17)
- Leben (253)
- Mensch > Mitmenschen (386)
- Stadt (10)
- Tausend (16)
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Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 14
In diesem Zitat beschreibt Musil den Unterschied vom Land- und Stadtleben und in welchem der beiden das Leben seinen abstrakten Wert erhält. Auf dem Land ist man laut Musil noch fähig „jemand zu sein“, d.h. seine Persönlichkeit zu entfalten und zu erleben. Außerdem bestehe auf dem Land noch die Beziehung zwischen den Menschen und den Göttern, wobei er mit den Götter, die zum Menschen „kommen“ wahrscheinlich nicht meint, dass überirdische oder religiöse Wesen zu den Menschen treten, sondern dass die Menschen in der freien und unberührten Landschaft noch die schöpferisch göttliche Beschaffenheit der Natur erleben und sehen können. Das heißt der Mensch könne nur dadurch er selbst bzw. überhaupt eine Person sein, dass er die überirdische, göttliche Schönheit in der Natur wahr- und aufnehmen kann; während er in der anthropogenen Lebensumgebung mit „tausendmal so viel“ an Eindrücken konfrontiert werde. Der Mensch sei nicht dazu imstande, diese Immensität der städtischen Umgebung zu erfassen, könne nur ein Ausschnitt der gesamten Eindrücke wahrnehmen. Es sei ihm nicht möglich, alle erlebten Eindrücke zu reflektieren und – anders als auf dem Land, das vom Menschen nicht verändert wurde – sie auf die eigene Person zu projizieren. Somit sei ein Mensch, der in der städtischen Flut aus Reizen lebt, nicht fähig, sein eigenes Bewusstsein, das Selbstbewusstsein, zu erleben. Der Mensch befände sich dann sozusagen zwischen dem Wahrnehmen der Erlebnisse und dem bewusst gelebten Selbst.
Mit diesem Zustand fängt laut Musil das „berüchtigte Abstraktwerden des Lebens“ an. Er beschreibt das abstrakte Leben als das Fehlen an Selbstbewusstsein, das heißt das Fehlen an Bewusstsein, wer man selbst ist. So ist die Unfähigkeit des Menschen, sich selbst in der Reizüberflutung des Stadtlebens zu erkennen, Ursache dafür, dass sein Bewusstsein an Konkretem verliert. Das heißt der Inhalt des Menschseins geht verloren, er verliert die persönliche Definition.
Zusammenfassend bedeutet abstraktes Leben für Musil, dass der Mensch den Inhalt seines Wesens und damit seine Persönlichkeit verliert.
Helena Schwedhelm, Bonn im Juli 2011 -
Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.
Und wenn ihr nicht mit Liebe, sondern nur mit Unlust arbeiten könnt, dann ist es besser, eure Arbeit zu verlassen und euch ans Tor des Tempels zu setzen, um Almosen zu erbitten von denen, die mit Freude arbeiten.
Khalil Gibran: Sämtliche Werke, Düsseldorf: Patmos, 2003, S. 896
(Orig.engl.: Work is love made visible./ And if you cannot work with love but only with distaste, it is better than you should leave your work and sit at the gate of the temple and take alms of those who work with joy. The Prophet, Pan Books. S.38 f.)
ISBN: 3491507014
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (135) -
Interpretation:
Gibran-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 5
Heute sind die Menschen froh, wenn sie Arbeit haben, aber die wenigsten arbeiten mit Freude. Was sind die Triebkräfte, die die Mehrheit zum Arbeiten bewegen? Neben dem menschlichen Grundbedürfnis nach materieller Sicherheit für sich und die Familie scheinen die folgenden Beweggründe zunehmend maßgeblich zu sein: Gier nach Besitz und Konsum, Prestigebedürfnis, Streben nach Macht und als negativer Stachel des Antriebs die Angst, die Objekte der Begierde nicht zu bekommen oder zu verlieren.
Nachdem der "Gott des Westens" in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer langen schweren Krankheit erlegen war, haben diese Motive als Antriebskräfte zur Arbeit immer totalitärere Züge angenommen. Die daraus resultierende Verlieblosung der Welt wird allgemein gleichermaßen beklagt wie als ein schicksalhaftes Naturereignis hingenommen, offenbar, weil heute weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass es zur freiheitlichen Zwangsgesellschaft der Moderne keine Alternative gibt.
Wohl kaum ein anderer Denker und Poet des 20. Jahrhunderts hat so klar wie Khalil Gibran erkannt, dass unsere Gesellschaft an der "Immanenzpest" erkrankt ist durch die radikale Verbannung immaterieller Werte aus dem Leben des Einzelnen und der sozialen Gemeinschaft. Nur eine Arbeit, deren Triebkraft die Liebe ist, könne einem Menschen Freude bereiten. Als transzendente Kraft, die uns in Berührung bringt mit dem Unvergänglichen, sprengt sie die Ketten des materiellen Determinismus und verleiht unserer Seele Flügel. Was wir ohne Liebe tun, ist keine Arbeit, sondern Selbstversklavung durch Versklavung des Seienden selbst. Wer nur aus materiellem Interesse arbeitet, ist Materie.
Da unsere Gesellschaft wesentlich eine materielle ist, sind die Arbeiten selten, die man mit Liebe tun könnte und für die man gleichzeitig so bezahlt wird, dass man davon leben könnte. "Lieblose" Jobs gibt es dagegen en masse. Was sollte nun jemand tun, der mit Liebe in der Natur-, Kranken- und Altenpflege, der Kinderbetreuung oder in anderen Tätigkeitsbereichen mit Gewinn für die Gemeinschaft arbeiten könnte, die Gesellschaft aber nicht bereit ist, sein Engagement ausreichend zu entgelten? Soll er sich dann vom Staat zur Zwangsarbeit verurteilen lassen? Dazu Gibran unmittelbar nach dem hier interpretierten Zitat: «Denn wenn ihr mit Gleichgültigkeit Brot backt, backt ihr ein bitteres Brot, das nicht einmal den halben Hunger des Menschen stillt.»
Wer von einem Call-Center aus ungefragt Leute belästigt oder morgens für die Lügenpresse Zeitungen austrägt, backt ein bitteres Brot. Wenn er stark genug ist, sollte er lieber mit einem gekürzten Hartz IV-Satz darben, als Zwangsarbeiter zu werden. Und wenn materialistische Politiker die Daumenschrauben noch enger anziehen sollten, täte er besser daran, auf der Straße um Almosen zu betteln, was im Unterschied zur Zwangsarbeit keine Schande wäre.
Könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen uns aus diesem Dilemma befreien? Eine solche Maßnahme würde voraussetzen, dass die Werte "Liebe" und "Freiheit" gesellschaftliche Anerkennung fänden. Die Chancen dafür stehen zurzeit eher schlecht, da diese Werte mit einem dogmatischen Materialismus - auch in christlichem Gewand - unvereinbar sind. Der als Idealismus getarnte sozialistische Materialismus ist als ideologische Pädagogik des Zwangs zurecht gescheitert. Ein ähnliches Schicksal könnte auch unserer Gesellschaft drohen, wenn die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten die kritische Grenze überschreiten sollte. Dagegen könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen möglicherweise Kräfte freisetzen, die sich auch im ökonomischen Sinne rechnen, denn: Nur was man mit Liebe tut, tut man gut. Kann eine Volkswirtschaft wie die unsrige, die in besonderem Maße auf die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen angewiesen ist, es sich dauerhaft leisten, diesem Grundsatz zuwiderzuhandeln?
Andreas Tenzer, Köln im November 2007 -
Auf der materiellen Ebene braucht man natürlich Zeit, um von hier nach dort zu gelangen, aber auf der psychischen Ebene existiert keine Zeit. Das ist eine ungeheuerliche Wahrheit, eine ungeheuer wichtige Tatsache, und wenn man sie entdeckt hat, hat man sich von allen Traditionen freigemacht.
Krishnamurti: Das Licht in dir, 1. Aufl. München: Econ, 2000, S. 118
ISBN: 3612180207
Info: Autor Thema ⇓- Befreiung (29)
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- Immanenz (37)
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- Psyche - Psychisch > Seele (5)
- Raumzeit (5)
- Tatsachen - Fakten (14)
- Tradition (2)
- Transzendenz (142)
- Wahrheit (149)
- Wichtig (23)
- Zeit (73)
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Interpretation:
Krishnamurti-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 3
Alles, was materiellen Gesetzen unterworfen ist, entsteht und vergeht. Materie ist Dasein in der Zeit. Das dürfte kaum jemand bezweifeln. Dagegen ist die Annahme, es gebe auf der psychischen Ebene keine Zeit, in der Tat ungeheuerlich. Von einigen Mystikern abgesehen, hat sich bisher kaum ein Denker diese Sichtweise zueigen gemacht. Die meisten Philosophen gingen und gehen davon aus, dass es auf materieller wie auf psychischer Ebene ein Nacheinander gibt. Vordergründig betrachtet spricht auch zunächst einiges dafür.
Als körperlich manifestiertes Wesen nimmt der Mensch sinnliche Empfindungen und geistige Vorstellungen nacheinander wahr. Im Wachzustand dominiert meist die historische Sichtweise der Dinge, wenn auch das Denken bereits die Möglichkeit bietet, eine eigene Ereignisfolge zu kreieren, die unabhängig ist von der starren Ereigniskette der sogenannten Tatsachen. Davon noch wesentlich unabhängiger sind Traumbilder, in denen die "reale" Zeit kaum noch eine Rolle zu spielen scheint. Der Regisseur unserer Träume – wer immer das sein mag – kann sich offenbar aus allen Zeitebenen bedienen. Er kann auf Elemente zurückgreifen, die bis in die fernsten Fernen von Vergangenheit und Zukunft reichen.
Wenn wir auch die Inszenierungen des Traumregisseurs sowie unsere Erinnerungen im Wachzustand stets an der Schnittstelle Gegenwart wahrnehmen, so schöpfen die Traumbilder doch aus allen Zeitebenen. Aus der Perspektive des Wahrnehmenden erscheinen diese Trauminhalte, als seien sie vergangenen oder zukünftigen Zeiten zuzuordnen. Die Inhalte selbst aber sind absolut zeitlos, vergleichbar etwa mit den Tausenden von Bildern auf einer Filmrolle, die alle der gleichen Zeitebene angehören, solange sie auf der Rolle eingespult sind. Wird dann die Rolle abgespult, sehen wir sie mit unseren Augen als bewegte Bilder, die uns eine Geschichte erzählen.
Es gibt allerdings einen bedeutenden Unterschied zwischen einer Filmrolle und dem, was der Quantenphysiker David Bohm die implizite Ordnung genannt hat, das heißt eine alles Sein und Nichtsein umfassende Urebene, aus der alle wahrnehmungsfähigen Wesen in jedem Augenblick einen Ausschnitt als ihre individuelle Wirklichkeit erleben. Ein anderer Quantenphysiker, David Deutsch, spricht von snapshots aus einem raum- und zeitlosen Kontinuum, die wir im jeweiligen Augenblick bewusst oder unbewusst aufsuchen, und mit denen wir uns dann identifizieren.
Östliche Philosophen wie Laotse oder Buddha haben schon vor über zweitausend Jahren vor solchen Identifikationen gewarnt. Bereits die Vorstellung von einem separaten, dauerhaften Ich sei eine Illusion, da jedes Wesen nur aus einer Kette von augenblicklich wechselnden Identifikationen mit integralen Teilen des Urgrunds bestehe. Buddha hat vehement davor gewarnt, seiner Lehre blind zu folgen, da Erleuchtung nicht gelehrt, sondern nur individuell erfahren werden könne, nämlich als Zustand des Verzichts auf falsche Identifikationen.
Wer erkannt hat, dass es auf der psychischen Ebene keine Zeit gibt, der kann solche Pseudoidentifikationen durchschauen und wird sich insbesondere von Traditionen fernhalten, die aus ihnen eine Weltanschauung machen, denn: Weltanschauliche Traditionen sind kollektive falsche Identifikationen.
Andreas Tenzer, Köln im März 2007 -
Bei den meisten Menschen ist der Geist gespalten, fragmentarisch, und alles Fragmentarische ist korrupt.
Krishnamurti: Das Licht in dir, 1. Aufl. München: Econ, 2000, S. 83
ISBN: 3612180207
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (17) -
Interpretation:
Krishnamurti-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 3
Die meisten Menschen sind lediglich mit sich selbst beschäftigt, mit einem Teil des ganzen Lebens. Die meisten Menschen sind wenig interessiert am Ganzen des Lebens, weil sie ihr ganz eigenes und enges Leben leben, ihre ganz eigene und enge Liebe pflegen, die für sie ein Besitz ist, weshalb ihr Leben gespalten und fragmentarisch ist, weshalb ihre Liebe gespalten und fragmentarisch ist und damit ihr Geist und ihr Wesen gespalten ist, getrennt und trennend.
Das Bedürfnis zu besitzen, sowohl materiell als auch geistig, und dabei der schmerzlichen Langeweile zu flüchten, zeitigt die Gespaltenheit des Geistes. Kann der Mensch das Ganze des Lebens und das Ganze der Liebe gewahren, ohne sich in eine Nische des Lebens und in seine enge, begrenzte und begrenzende Liebe zu flüchten, die die ganze Schönheit dieses Lebens ausklammert? In der zwanghaft-neurotischen Weise, nur auf sich selbst bezogen zu sein, äußert sich der fragmentarische Geist des Menschen. Wo diese Selbstbezogenheit Grenzen zieht, aufrecht erhält und betont, findet eine eigensinnige Handlung statt, was Korruption bedeutet. Das Ganze des Lebens und der Liebe klammert nichts aus, dies ist deutlich, wenn ihre ungeteilte und unteilbare Fülle in Herz und Geist gewahrt ist.
Thomas Fürniß im Mai 2010 -
Bei jedem Atemzug stehen wir vor der Wahl, das Leben zu umarmen oder auf das Glück zu warten.
Andreas Tenzer: www.zitate-aphorismen.de
(Übersetzung englisch: With every breath we have the choice to embrace life or to wait for happiness. - (niederl.): Met elk ademtocht hebben wij de keuze het leven te omarmen of op het geluk te wachten.)
Info: Autor Thema ⇓- Arm - Umarmung (4)
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- Warten (12)
- Zen (21)
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Interpretation:
Tenzer-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 4
Dass mir gerade heute dieser Spruch über den Weg gelaufen ist. Ehrlich, manchmal kann ich gut verstehen, dass es angenehmer ist, auf das Glück zu warten als die “Scheiße” im Leben auch noch umarmen zu müssen. Je heftiger die Krise, je unangenehmer die Begleitumstände, desto verführerischer ist es, von einem besseren Leben zu träumen und zu warten, bis alles besser wird.
Wird es aber nicht.
Lassen Sie mich mal Tacheles schreiben.
Die Wahl zu haben zwischen Warten und “das Leben umarmen”, ist nicht einfach und in Krisen auch nicht spaßig. Aber es ist tatsächlich so, dass ich der Einzige bin, der die Verantwortung dafür trägt, ob ich mich zum Opfer der Umstände erkläre und warte, bis Andere etwas tun, oder ob ich selbst aktiv werde. Das ist noch keine Garantie dafür, das Glück zu finden, aber in unseren Zeiten der einzige Weg, eine Chance zu haben.
Das Leben zu umarmen heißt für mich, ehrlich hinzuschauen, was ich machen kann. Manchmal bedeutet das auch, mir einzugestehen, dass ich Hilfe benötige, und dann aktiv nach dieser zu rufen. Denn von alleine wird auch selten Hilfe kommen.
Manchmal benötigt das Mut, um über ein Gefühl der Scham für “eigenes Versagen” hinwegzugehen. Es bringt mich aber auf den Weg aus der Krise hinaus.
August 2009, geschrieben von Dietrich im Blog: http://sosein.de/blog/ -
Brich auf, solang du kannst, zum Land des Herzens:
Freude wirst du im Land des Körpers niemals finden.
Rumi: Die Lehren des Rumi, München: dtv, 2006, S. 54
ISBN: 3423362359
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (25) -
Interpretation:
Rumi-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 2
Ist Freude vergänglich? Wechselt das Gemüt zwischen Freude, Glück, Wohlsein, Liebe und Nicht-Freude, Langeweile, Trübsaal, Leid und Schmerz hin und her? Ist Freude einmal hier und im nächsten Moment wieder nicht? Ist Freude die Folge eines guten Witzes? einer Unterhaltungssendung? eines guten Buches? Hat Freude eine Ursache? Ist Freude etwas, das den Körper als Mittel bedarf? Ist Freude allein die Freude in der Sexualität des Körpers? Ist Freude etwas, das mit dem Körper kommt und geht? Bedarf Freude des Körpers? - Oder bedarf der Körper der Freude? Was also ist Freude? Ist nicht diese Existenz eine reine Freude? Ist nicht die Natur des Wesens der Wirklichkeit reine Freude?
Wenn Freude vergänglich ist, dann haftet sie am Körper. Wenn Freude am Körper haftet und sich auf den Körper begrenzt, dann kann der Körper auch Leid und Schmerz erfahren. Wenn aber der Körper das Maß aller Dinge sein sollte, dann ist der Wechsel zwischen dem, was Freude genannt wird und dem was als Leid und Schmerz empfunden wird, das Maß aller Dinge, und der Mensch im Rad der leidvollen Wiedergeburten verhaftet, weil „Freude“ und Leid im Wechsel wiedergeboren werden und sich einander bedingen. Wäre dies dann die erste und letzte Wirklichkeit? Muss der Mensch den Wechsel zwischen dem, was er Freude nennt und Leid akzeptieren?
Der Mensch muss nichts akzeptieren. Die Frage ist daher, was macht er daraus, und wie macht er etwas daraus? Was lernt er? Wie lernt er? Was tut er letztlich? Kann er erkennen was diese Wirklichkeit ist? Kann er der Freude und dem Leid auf den Grund gehen und sein Wesen entdecken?
Was sich verändert ist nicht wirklich. Was sich verändert wird verändert und wird bewirkt. Der Körper ist das Mittel mit dem Veränderung wahrgenommen wird, die Freude eines guten Witzes etc., das Leid und den Schmerz der Einsamkeit. Der Körper wird verändert, daher liegt hier nicht die Freude, die keiner Veränderung unterworfen ist, die nicht das Leid bedingt, die unbedingt ist und daher reine Freude ohne Gegenteil.
Der Körper wird durchströmt vom Land des Herzens, doch das Land des Herzens ist nicht auf den Körper begrenzt. Daher kann der Körper auch nicht ein Mittel sein das Land des Herzens zu betreten, denn das Land des Herzens hat bereits den Körper betreten ohne auf ihn begrenzt zu sein. Im Land des Herzens ist die Freude des Daseins ohne Gegenteil anwesend, daher genießt der Mensch den Körper im Land des Herzens.
Das Land des Herzens ist nicht das Land der Sentimentalität, denn diese ist ein Ausdruck der Veränderlichkeit des Gemüts des Menschen. Das Land des Herzens ist das Land Gottes, das schon immer ist, nicht geboren wurde und daher nicht sterben wird. Das Land des Herzens berührt den Körper, doch der Körper kann es nicht berühren. Wenn der gute Witz erzählt wird etc., ist das Land des Herzens bereits da. Wenn der Schmerz der Einsamkeit empfunden wird, ist das Land des Herzens bereits da. So ist das Land des Herzens niemals fern, denn es trennt sich nicht vom Menschen, es ist eins mit dem Menschen, der es mit der Veränderlichkeit des Körpers verwechselt. Du musst also nicht aufbrechen zum Land des Herzens, denn es ist bereits da. Brich also auf!
Thomas Fürniß im November 2010 -
Der erkennt Gott recht, der ihn in allen Dingen gleicherweise erkennt.
Meister Eckhart: Mystische Texte des Mittelalters, Johanna Lanczkowski (Hrsg.), Stuttgart: Reclam, 1999, S. 197
ISBN: 3150084563
Info: Autor Thema ⇓- Erkenntnis > Selbsterkenntnis > Kennen (86)
- Glauben (88)
- Gott (163)
- Mystik (71)
- Philosophia Perennis (64)
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Interpretation:
Meister Eckhart-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 2
Ist Gott verschieden im Hier und Dort, in Diesem und Jenem? Teilt sich Gott auf und gibt sich portionsweise den Dingen, Wesen und Menschen hin? Ist Gott nicht ein Ganzes und Eines, ein Unbegrenztes und Unendliches, das immer nur Ganz und Eins und ein Unbegrenztes und Unendliches sein kann? Ist Gott nicht in allen Dingen, Wesen und Menschen gleicherweise "vorhanden"? Wenn Gott sich selbst aufteilen würde und sich Diesem ein bisschen mehr oder weniger als Jenem hingeben würde, was wäre das für ein Gott? Es wäre ein Gott der begrenzten, begrenzenden und trennenden Wahl, ein Gott, der wählt und erwählt, auswählt und wählerisch ist.
Ist dies Gott vielleicht? Ist Gott begrenzt, begrenzend und trennend? Ist Er so wählerisch wie der gewachsene Mensch, der entlang der Zeit Entscheidungen zu treffen hat, weil er in einer Welt der Erscheinungen und Manifestationen lebt, die ihm die begrenzten, begrenzenden und trennenden raumzeitlichen Bedingungen schenken, Dies und Das "wählen" zu müssen, sich für Dies und Das entscheiden zu müssen, weil der gewachsene Mensch in einen begrenzten Raum gestellt ist? Ist Gott in einen begrenzten Raum gestellt? Ist Gott nicht jenseits der Dinge, Wesen und Menschen und durchdringt Er nicht die Dinge, Wesen und Menschen? Ist Er daher nicht und kann Er daher überhaupt wählerisch sein?
Gott ist nicht wählerisch, und Gott ist nicht in einen begrenzten Raum gestellt, obwohl er in begrenztem Raum seine Unbegrenztheit "manifestiert". Dies ist Sein Paradox. Die Unbegrenztheit Gottes findet sich in jedem Ding, Wesen und Mensch. Und Gott hat keine Entscheidungen zu treffen und Gott erwählt nicht, ist nicht wählerisch, wieso sollte Er das sein? Gott ist jenseits der Erscheinungen und Manifestationen, und Er durchdringt alle Erscheinungen und Manifestationen, weil Er ein Ganzes, ein Eines ist. Gott ist immer ein Ganzes und Eines, selbst wenn Er in einem kleinen, begrenzten, von anderem getrennten Ding wohnt. Oder etwa nicht? - Wie kann man dies wissen? Wir kann der Mensch dies erkennen, ohne nur naiv zu glauben? - Gott ist in jedem Ding gegenwärtig, daher ist Er in allen Dingen gleicherweise gegenwärtig. - Dies verstehen bedeutet, (dies und Gott) lebendig, freudig, liebend erkennen.
Thomas Fürniß im Juli 2010
Interpretation Nr. 2
bin ich hier bin ich da
bin ich über bin ich unter Dir
bin ich vorne bin ich hinter Deinen Seiten
bin ich Mann bin ich Frau bin ich Kind
bin ich in Dir
bin ich Friede bin ich Krieg
bin ich Freund bin ich Feind
bin ich Freude bin ich Leid
bin ich in Dir
bin ich Raum bin ich Zeit
bin ich Sonne bin ich Stern
bin ich Baum seine Wurzel seine Krone
welche sich in mir wiegt bin ich Wind
bin ich Wasser bin ich Luft die du atmest
bin ich in Dir
bin ich die Welt bin ich die Säulen sie zu halten
bin ich Gott
bin ich Allah
mir gabt ihr viele solcher Namen
bin ich ... sehen müsst ihr mich
so seid auch ihr ...
vereint in mir ALLES bin ich Natur mein Name ...
nicht Gott
Alex A. im November 2011 -
Das große Bild gibt sich nicht als Bild zu erkennen: es ist. Oder genauer: du befindest dich darin.
Antoine de Saint-Exupéry: Die Stadt in der Wüste - Gesammelte Schriften Band 2, 3. Aufl. Düsseldorf: Karl Rauch, 1985, S. 239
ISBN: 3423059591
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (20) -
Interpretation:
Saint-Exupéry-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Das Bewusstsein ist das Trennende. Das Unbewusstsein ist das Verbindende, das Allumfassende, das Ganze.
Durch das Getrenntsein erst ist das Erkennen möglich. Also ist im Unbewusstsein das Erkennen nicht möglich. Im Unbewusstsein „ist“ der Mensch. Oder er befindet sich darin.
Um zu Erkennen, muss der Mensch sich in das Getrennte begeben. Erkenntnis ist bewusste Wahrnehmung. Bewusstwerden ist somit gebunden an "Getrenntsein".
Zur Erkenntnis also braucht es einen Standpunkt, eine Distanz, von der aus erkannt werden kann. Die Distanz kann eine räumliche oder zeitliche Dimension einnehmen.
In der räumlichen Distanz ist eine Erkenntnis dann möglich, wenn man den eigenen Standpunkt verändert. Durch diesen "Perspektivwechsel" erst ist Erkenntnis möglich. Mensch trennt sich von dem zu Erkennenden. Bewusstheit entsteht. Um das „große Bild“ als Bild erkennen zu können, bedürfte es aber eines Standpunktes, der „außerhalb von Allem“ liegt. Würde man also den Standpunkt „innerhalb“ verlassen können, so käme man nicht nur außerhalb des „großen Bildes“, sondern auch „außerhalb“ von sich selbst. - Dies führt zur Problematik, dass es dann auch niemand mehr gibt, der die Wahrnehmung des großen Bildes realisieren kann.
Auch eine zeitliche Distanz ermöglicht die Wahrnehmung des Geschehenen. Alles was vergangen ist, ist nur noch als Bild im Menschen, d.h. der Mensch trägt viele Bilder in sich. Wenn ich etwas bewusst wahrnehme, ist es schon vorbei und zeigt sich dem Menschen im Bild (der Erinnerung). Die Wahrnehmung ist dem Sein immer einen Moment zu spät, um so mehr die Erkenntnis, d.h. die bewusste Wahrnehmung, da der Akt der Bewusstheit zeitlich noch nach der Wahrnehmung liegt. Dies trägt die Möglichkeit der Erkenntnis durch die Distanz der Zeit. Würde der Mensch in der zeitlichen Dimension aber aus dem „großen Bild“ heraustreten können, dann würde das große Bild nur vom Tode aus (nach dem Leben) wahrnehmbar sein. Und auch darüber konnte noch nie jemand berichten.
Das „große Bild“ gibt sich dem Menschen also nicht zu erkennen. Und gleichzeitig befindet er sich darin. Das Fremde daran ist wohl, dass es als "Bild" bezeichnet wird. Dies kann wiederum interpretiert werden durch die Erkenntnis, dass der Mensch die Realität immer als Bild wahrnimmt. Siehe die Interpretation über das Zitat von Hermann Hesse (Nichts auf der Welt ist ...).
Silvia Kahlau, http://www.energie-durch-trance.de/Texte8.htm, Januar 2011 -
Das Lippenbekenntnis "Ich liebe Dich!" ist entweder überflüssig oder unaufrichtig.
Andreas Tenzer: www.zitate-aphorismen.de
Info: Autor Thema ⇓- Empfangen (9)
- Liebe - Lieben (251)
- Liebende (26)
- Lippen (6)
- Lüge (25)
- Partner - Partnerschaft (110)
- Wort (57)
-
Interpretation:
Tenzer-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 4
Es war ein verregneter Samstagnachmittag, als ich Stefan mal wieder auf ein Thema ansprach, das in knapp 20 Ehejahren mehr oder weniger regelmäßig auf die Tagesordnung kam, ohne dass wir es je wirklich ausdiskutiert haben. Diesmal verzichte ich auf die Frage "Liebst du mich eigentlich noch?", weil ich weiß, wie es dann weitergeht – dass er sich unverstanden fühlt, genervt reagiert und dass ein vernünftiges Gespräch dann praktisch unmöglich ist. Ich frage stattdessen: "Weißt du eigentlich, wann du mir das letzte Mal gesagt hast, dass du mich liebst?" Während ich es ausspreche, fällt mir ein, dass ich auch diese Formulierung schon häufiger verwendet habe.
"Sekunde", sagt Stefan, und kommt ein paar Minuten später mit einem DIN-A4-Blatt zurück, auf dem er ein Zitat hat ausdrucken lassen. Der Satz, den ich so gern aus seinem Munde höre, heißt es dort, sei ein bloßes Lippenbekenntnis – überflüssig oder unaufrichtig. Ich fühle mich persönlich angegriffen, so als hätte man mir eine Kriegserklärung auf den Tisch geknallt. "Heißt das", platzt es spontan aus mir heraus, "dass du es nie ernst gemeint hast, wenn du mir sagtest, dass du mich liebst?" "Lass uns in Ruhe darüber reden", sagt Stefan – und ich bin mir sicher, dass er weiß, wie sehr er mich mir dieser Bemerkung auf die Palme bringt. In mir bebt es, und nun soll ich in Ruhe mit ihm reden.
Warum mich dieses Thema so aufregt, hat eine lange Vorgeschichte. Als Stefan zum ersten Mal ein "Ich liebe dich" über seine jungen Lippen brachte, war ich wie elektrisiert. Ich habe ihn damals spontan verschlungen und ihm damit signalisiert, wie er mich mit drei einfachen Worten in Ekstase bringen kann. In den ersten Jahren verstand er es, die Zauberformel so geschickt einzusetzen, dass nicht nur unser Liebesleben davon profitierte, sondern unser gesamter Alltag dadurch positiv beeinflusst wurde. Wir haben nie darüber gesprochen, doch war uns beiden klar, wie viel wir den drei magischen Worten verdankten. Als Stefan sie mit den Jahren immer seltener unaufgefordert aussprach, war ich diejenige, die darunter litt. Ich finde das ungerecht und spreche das Thema deshalb immer wieder an. Bisher leider ohne Erfolg.
Es gibt da einen Punkt, mit dem Stefan mich jedes Mal ins Leere laufen lässt, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Er fragt dann immer, ob ich das Gefühl habe, dass er mich weniger liebt als früher. Wenn ich entgegen meinem wirklichen Gefühl aus Trotz mit "ja" antworte, kommt von ihm immer dieselbe Nachfrage: "Wann und wo fühlst du dich weniger geliebt als früher?" Er weiß genau, dass ich diesbezüglich nichts vorbringen kann außer zu sagen, dass ich die magischen Worte vermisse. Meist umarmt er mich dann liebevoll, gibt mir einen zärtlichen Kuss, und entwaffnet mich auf seine unwiderstehliche Art. Dann ist das Thema für längere Zeit von der Tagesordnung, bis ich irgendwann einen neuen Anlauf unternehme. Doch heute will ich mich diesem Ritual widersetzen. Ich verkrieche mich auf mein Sitzkissen und fordere Stefan auf, mir endlich einmal genau zu erklären, warum es ihm so schwer fällt, die drei Worte über seine Lippen zu bringen, die mir so viel bedeuten.
"Du weißt genau, dass ich schon Dutzende Male versucht habe, es dir zu erklären. Aber bei diesem Thema lässt du mich einfach nicht ausreden. Ich bringe keinen einzigen Satz zu Ende, ohne dass du mir ins Wort fällst. Deshalb werde ich jetzt ein paar Sätze aufschreiben, die ich dir immer schon sagen wollte, und lese sie dir dann in Ruhe vor." "Meinetwegen, wenn du meinst, dass uns das weiter bringt."
Nach einer gefühlten Stunde kommt Stefan mit seinem Text zurück. Ich sitze immer noch wie in Trance auf meinem Kissen. Er reicht mir das Blatt und sagt, ich solle doch lieber selber lesen.
Du hast recht, Jennifer. In den letzten Jahren hast du die Zauberworte nur noch selten von mir gehört. Ich liebe dich heute nicht weniger als damals, aber anders. Und ich bin sicher, dass du das weißt. Für mich ist jeder unserer Blicke, jede Berührung eine Liebeserklärung, die inniger und stärker ist, als Worte es je ausdrücken könnten. Wenn wir uns heute sagen, dass wir uns lieben, empfinde ich das eher als eine Abschwächung, denn als Bestärkung unserer Liebe. Für mich sind die magischen Worte überflüssig geworden, weil ich unsere Liebe als so vollkommen erlebe, dass Worte ihr nichts hinzufügen, sondern nur etwas wegnehmen können.
Mir ist aber auch bewusst, wie wichtig mein "Ich liebe dich" nach wie vor für dich ist. Gern würde ich dir deshalb den Gefallen tun und es wieder öfter sagen. Aber ich kann es nicht, ohne etwas von dem Gefühl der Nähe zu dir einzubüßen. Deshalb wünsche ich mir, dass du es irgendwann nicht mehr von mir erwartest, dass du die Worte, die mein Herz in jeder Sekunde aussendet, hörst, ohne dass ich sie ausspreche. Vergiss bitte nie, was mein Schweigen bedeutet:
Worte haben nicht mehr die Kraft, dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe.
Ich sehe Stefan draußen in den Park einbiegen, ohne Jacke und Schirm. Es ist gut, dass wir uns jetzt nicht umarmen können. Längst ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. In unseren Herzen höre ich die drei Worte.
Jennifer und Stefan, Berlin im Oktober 2010 -
Das sich unverstanden Fühlen und das die Welt nicht Verstehen begleitet nicht die erste Leidenschaft, sondern ist ihre einzige nicht zufällige Ursache. Und sie selbst ist eine Flucht, auf der das Zuzweiensein nur eine verdoppelte Einsamkeit bedeutet.
Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, 52. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003, S. 41
ISBN: 3499103001
Info: Autor Thema ⇓- Begleiten - Begleiter (7)
- Einsamkeit (21)
- Einzig - Einzigartig (49)
- Fliehen - Flucht (27)
- Fühlen > Gefühle (19)
- Leidenschaft (39)
- Partner - Partnerschaft (110)
- Unverstand - Unverständlich (6)
- Ursache > Verursachen (20)
- Verstehen > Verständnis (62)
- Welt (133)
- Zufall (19)
-
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 3 von 14
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß lassen vermuten, dass persönliche Erfahrungen aus der eigenen Jugendzeit Robert Musil zu dieser Aussage inspiriert haben. Nach meiner Einschätzung beschreibt das Zitat aber auch allgemeine Befindlichkeiten von Adoleszenten während ihrer ersten 'großen Liebe'.
Sobald Jugendliche die Erfahrung machen, dass die große weite Welt komplizierter und kälter ist, als das warme Nest, in dem sie aufgewachsen sind, regen sich erste Widerstände gegen die zunehmend als fremd empfundene Welt. Wer nicht gerade ein geborener Jasager und unkritischer Allesversteher ist, spürt bald, dass da draußen ein anderer Wind weht, als in der behüteten Kinderwelt, in der man sich geliebt und verstanden fühlte und noch naiv glaubte, mit der Zeit alles verstehen zu können.
Die meisten Kinder erleben ihren ersten großen 'Weltschock', wenn sie auf eine weiterführende Schule kommen, wo alles größer und unpersönlicher und wo die eigene Person nicht mehr der Nabel der Welt ist, sondern sich an deren Peripherie wiederfindet, von wo aus betrachtet die 'neue' Welt als fremd und bedrohlich erscheint. Frisch aus dem Nest gestoßen, verfügt das Kind noch nicht über die Gewissheit, alle Realität zu sein, also über Vernunft, wie Hegel sie definiert hat. Der Jugendliche befindet sich in einem Niemandsland zwischen nicht mehr bedingungslos geliebt und verstanden zu werden und die Welt noch nicht verstehen zu können.
Die erste große als Liebe empfundene Leidenschaft ist dann mit der Illusion verbunden, das Niemandsland blitzartig verlassen zu können, um sich in Gemeinschaft mit der 'geliebten' Person erneut im Zentrum der Welt wiederzufinden. Während es von vielen Zufällen abhängt, wer die auserwählte oder schicksalhaft zugeführte Person sein wird, ist die Tatsache, dass es zur ersten großen Leidenschaft kommt, notwendig, das heißt die einzige nicht zufällige Ursache. Die Notwendigkeit resultiert aus dem unbändigen Verlangen, aus dem Niemandsland herauskatapultiert zu werden, koste es, was es wolle.
So ist die Gemeinschaft der ersten Leidenschaft keine gereifte, sondern eine erzwungene. Sie ist die Flucht aus der einfachen Einsamkeit in eine verdoppelte. Der Einsamkeit kann nur entgehen, wer sie solange aushält, bis er sich aus eigener Kraft aus ihr herausgearbeitet hat. Kaum ein Jugendlicher ist in der Lage, diesen Weg zu gehen, weil er eine unermessliche Leidensbereitschaft und -fähigkeit voraussetzt. Stattdessen flüchten die Adoleszenten in eine Leidenschaft, ohne zu ahnen, welche neuen Leiden sie schafft.
Nach einer ersten Phase des durch wechselseitige Positivprojektionen hervorgerufenen Rosarotsehens, verbunden mit der Illusion, der Einsamkeit ein für allemal entkommen zu sein, folgt bald die ernüchternde Erkenntnis, dass die Flucht in das 'Zuzweiensein' auf dem Irrtum basierte, man könnte sein Selbst mit einem anderen teilen, ehe man eines besitzt. Der Jugendliche macht hier die Erfahrung, dass 1 mal Null plus 1 mal Null gleich Null ist.
Das einzige wirksame Mittel gegen die verdoppelte Einsamkeit ist eine vorausgegangene jeweilige Selbstfindung der sich auf eine Beziehung einlassenden Partner. Ist man erst einmal in einer verdoppelten Einsamkeit gefangen und besiegelt diese auch noch mit Eheringen, dann ist Selbstfindung als Voraussetzung für reife Liebe quasi unmöglich. Angesichts der stetig wachsenden Scheidungsraten scheinen reife Persönlichkeiten heute vom Aussterben bedroht zu sein.
Andreas Tenzer, Köln im Juli 2008 -
Der erleuchtete Mensch betrauert weder die Lebenden noch die Toten.
Bhagavadgita: Übersetzung von Sri Aurobindo, 2. Auflage: Freiburg im Breisgau: Herder, 1998, S, 52. 2.11
ISBN: 3451041065
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (14) -
Interpretation:
Bhagavadgita-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 2
Was bedeutet Trauer? Was bedeutet es für den trauernden Menschen jemanden oder sich selbst zu betrauern? - Ist Trauer nicht ein Ausdruck von Leid? Jemandem ist ein Leid zugestoßen, ein lieber Mensch ist gestroben, und der andere trauert, er leidet, weil er den Verstrobenen vielleicht vermisst. Jemand ist verletzt worden von einem anderen, psychisch zutiefst verletzt worden, dieser Jemand hat also intensiven seelischen Schmerz erlebt, der noch nachwirkt, vielleicht ist er in Depression gehüllt, er trauert um sich selbst, er leidet. Trauern und betrauern ist also ein Ausdruck von Leiden.
Leidet aber der "erleuchtete Mensch"? Vom Erleuchteten, von (einem) Buddha, wurde und wird die Befreiung vom Leiden verkündet, in der buddhistischen Tradition, der achtfache Pfad zu Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburt und damit des immer wiederkehrenden Leidens im Leben der Menschen. Man nimmt an, dass ein Buddha nicht mehr psychisch-seelisch leidet wenn er seine Befreiung erlangt. Kann es dies geben? Entspricht dies den Tatsachen? Gibt es ein Leben ohne Trauer und Leid?
Der Erleuchtete trauert nicht um die Lebenden und nicht um die Toten, denn er leidet nicht. Der Erleuchtete empfindet Freude und Glück, wieso sollte er da trauern und leiden? Und mehr noch, der Erleuchtete lebt in der tiefen Gewahrung der Ursachen für das Leiden, daher kann er frei davon sein und, wie Buddha, den leidenden Lebenden vielleicht einen "Weg" zur Überwindung des Leidens schenken. Doch der Erleuchtete, ein Buddha, besitzt nicht die Garantie, dass er nicht eines Tages leiden muss, vielleicht durch körperliche Krankheit. Jesus musste leiden, er konnte es nicht von sich abwenden, er hatte keine Garantie, dass durch Gottes Gegenwart in seinem erleuchteten Herzen und Geist, Leid von ihm abgewendet würde. Er betrauerte nicht die Lebenden, sondern verkündete seine frohe Botschaft, er betrauerte nicht die Toten, sondern fand sie im Himmelreich.
Thomas Fürniß im Juli 2010 -
Der Ermordete ist nicht ohne Verantwortung an seiner Ermordung.
Und der Beraubte nicht schuldlos an seiner Beraubung.
Der Rechtschaffene ist nicht unschuldig an den Taten des Bösen.
Khalil Gibran: Der Prophet, Zürich u. a.: Walther, 1998, S. 66
ISBN: 3530100161
Info: Autor Thema ⇓- Gerechtigkeit (20)
- Immanenz (37)
- Karma (10)
- Moral (44)
- Mord (8)
- Raub - Räuber (12)
- Schuld (12)
- Tat - Täter (23)
- Transzendenz (142)
- Unschuld (15)
- Verantwortung (10)
-
Interpretation:
Gibran-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 5
Die Aussage Khalil Gibrans basiert auf dem Grundsatz, dass alles, was geschieht, einen Sinn hat.
In der westlichen Philosophie stützt sich dieser Grundsatz vor allem auf das aristotelische Resonanzgesetz, demzufolge Gleiches Gleiches anzieht bzw. erzeugt.
Der östliche Begriff "Karma" geht noch weiter, insofern er postuliert, dass jedes einzelne Schicksal die notwendige Folge früherer Handlungen der betreffenden Personen darstellt.
Demzufolge wäre der Ermordete ein ehemaliger Mörder, der Beraubte ein früherer Räuber usw. Nach dem Karma-Gesetz wäre es aber ebenso möglich, dass sowohl der Mörder als auch der Ermordete durch eine Kette von verschiedenen Vergehen so viel negatives Karma angesammelt haben, dass es zu deren Ausgleich eines Mordes bedarf, dem sie im spirituellen Sinne beide zum Opfer fallen, da auch der Mörder - durch Ansammlung negativen Karmas - die Folgen seiner Tat für die Zukunft vorprogrammiert. Der Dalai Lama geht sogar so weit zu behaupten, das Opfer mache karmisch den besseren Deal, da es negatives Karma tilge, während der Täter neues schaffe.
Natürlich könnte man eine solche Betrachtungsweise als Verhöhnung der Opfer betrachten. Dies gilt jedoch nur im immanenten oder juristischen Sinne. Aus der transzendenten oder spirituellen Warte betrachtet, findet jede Tat ihren Ausgleich. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Perspektiven besteht also darin, dass die immanente Sichtweise auf eine einmalige physische Verkörperung eines Menschen ausgerichtet ist, und somit bei seinem Tod eine absolute Bilanz gezogen werden kann, die nach dem transzendenten Ansatz dagegen relativ ist, da er im physischen Tod nur eine Zwischenstation der unsterblichen Seele sieht.
Daraus ergibt sich eine für das menschliche Zusammenleben wichtige Konsequenz. Das immanent denkende Opfer, sofern es überlebt, kann nur in Strafe und/oder Rache Genugtuung finden, während der transzendente Mensch den Ausgleich für begangenes Unrecht getrost dem Schicksal überlassen kann.
Andreas Tenzer, Köln im September 2009 -
Der Körper schließt den Geist in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein und zuletzt muß der Geist sich ergeben.
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3, 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 4178
(Die wiedergefundene Zeit)
ISBN: 3518397095
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (10) -
Interpretation:
Proust-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 2
"Ich bin hungrig", spricht der Körper zum Geist, "geh' hin und beschaffe mir Nahrung." "Ich bin sexuell erregt, suche mir ein Objekt der Befriedigung." "Ich fühle Schmerz, besorge mir ein Mittel zur Linderung." - Permanent erteilt der Körper dem zugehörigen Geist Aufträge zur Beschaffung von Wohlgefühl. Der Geist gehorcht und beschränkt seine Aktivitäten mehr und mehr auf die beschränkten Bedürfnisse des Körpers. Bald ist er in dessen Festung eingeschlossen. Will er ausbrechen, wird er feststellen, dass er von allen Seiten belagert ist. Wer aber ist der Feind, der ihn umzingelt?
Der Körper kommt nicht infrage, da er ganz und gar Festung ist und gar nicht die Möglichkeit hat, diese zu verlassen. Zwar produziert er stets neue Bedürfnisse, aber das kann er nur innerhalb der Festung. Diese kann allein der Geist verlassen. Also ist der belagernde Feind der Geist selbst. Es ist ein Geist, der sich so vollkommen mit den Bedürfnissen des Körpers identifiziert hat, dass ihm Wohlgefühl alles und Freiheit nichts bedeutet. So produziert er über die relativ bescheidenen primären Bedürfnisse des Körpers hinaus sekundäre geistige Bedürfnisse wie Ruhm, Ehre, Macht und Besitz, deren Pfeile und Kanonen von außen auf die Festung ausgerichtet sind. Der Geist hat sich mehr oder weniger freiwillig ins Gefängnis begeben und kapituliert schließlich vor sich selbst.
Solange sie ihre Gefangenschaft nicht bemerken und nicht allzu sehr darunter leiden, können Körper und Geist sich durchaus eine Zeit lang in ihrer Festung wohlfühlen, die ihnen relative Sicherheit und optimalen Schutz vor Freiheit bietet. Werden aber die Festungsgenossen sich ihres Lebens als Siechtum in Gefangenschaft bewusst - was oft im Alter, gelegentlich erst auf dem Sterbebett geschieht -, dann ist alles um sie herum dunkel und fest wie in einem Schwarzen Loch. Auf ihrem Grabstein könnte stehen:
Der Geist schließt den Körper in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein und zuletzt muss der Körper sich ergeben.
Andreas Tenzer, Köln im März 2007 -
Der Mensch fürchtet nämlich den Teufel, der ihm ins Fleisch fährt, auch wenn er so tut, als bekämpfe er ihn, lange nicht so sehr, wie die Erleuchtung, die ihm vom Geiste kommt.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 847
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓- Angst (36)
- Erleuchtung > Erwachen (35)
- Fleisch (4)
- Furcht (37)
- Geist (179)
- Kampf (22)
- Mensch > Mitmenschen (386)
- Teufel (15)
-
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 4 von 14
Der ins Fleisch gefahrene Teufel hat einiges zu bieten: Macht, Ruhm, Reichtum, sinnliche Genüsse usw. Die Erleuchtung ist demgegenüber in einer schwachen Position. Sie hat zunächst nichts weiter auf der Habenseite als das Wissen um die relative Nichtigkeit jener teuflischen Angebote, ist also primär negativer Natur.
Das gilt auch für den größten Trumpf in ihrer Hand: die Aufhebung der Aufspaltung in Sein und Bewusstsein. Positiv formuliert ist Erleuchtung die Erfahrung des Einsseins. Dafür kann man sich in einer Welt, der der Teufel ins Fleisch gefahren ist, jedoch wenig kaufen. Aus diesem Grund fürchtet der diesseitig eingebundene Mensch die Erleuchtung wie der Teufel das Weihwasser. Er weiß, was die Erleuchtung ihm nehmen, nicht aber, was sie ihm bringen wird.
So erklärt sich, weshalb nur selten ein Mensch sich ohne Not für die Erleuchtung öffnet. Die besten Rahmenbedingungen für eine "Erleuchtung, die vom Geiste kommt" sind deshalb persönliche Krisen und Katastrophen, die mit Urgewalt die relative Nichtigkeit des bisherigen Daseins offen legen und so das Auge für die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit öffnen.
Andreas Tenzer, Köln im November 2006 -
Der wirkliche Zustand des Menschen ist der, wo alles Zeichen ist!
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 928
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (14) -
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 5 von 14
Wo alles Zeichen ist, ist nichts das, was es zu sein scheint, sondern wesentlich das, wofür es sich zeigt. In der Terminologie des Quantenphysikers David Bohm: Jeder Erscheinung in der expliziten Ordnung, das heißt der sinnlich wahrnehmbaren Welt, liegt eine unmanifestierte Essenz im Urgrund der impliziten Ordnung zugrunde.
Dieser Gedanke ist über 2500 Jahre alt und ist noch heute die philosophische Kernthese im Taoismus, Buddhismus und Hinduismus. Mit obiger Aussage möchte Musil verdeutlichen, dass das Eigentliche des Menschen sich nicht in seinem Sosein erschöpft. Ein Mensch, der ohne jede Transzendenz vollkommen im faktisch Realen aufgehe, befinde sich in einem unwirklichen Zustand.
Wie Musil an anderer Stelle betont, sei der Mensch nur im ekstatischen Zustand der Liebe wirklich. Liebe ist für Musil der Zustand, wo alles Zeichen ist, weil nur in ihr die Trennung zwischen Manifestationen und Urgrund aufgehoben sei. So ist die Liebe die transformierende Kraft, in der alles Diesseitige als Zeichen in unmittelbarer Verbindung zum Jenseitigen steht und somit die Trennung zwischen Diesseits uns Jenseits aufhebt.
Andreas Tenzer, Köln im Dezember 2006 -
Der Wissende redet nicht.
Der Redende weiß nicht.
Laotse: Tao te king, Richard Wilhelm (Übers.), Sonderausgabe 1998 München: Diederichs, 1998, S. 99, Kap. 56
(Englische Übersetzung von Stephen Mitchell, Lao-tzu, Tao te ching, NY, Harper&Row, 1988. - Tose who know, don't talk./ Those who talk, don't know.)
ISBN: 3938484969
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (16) -
Interpretation:
Laotse-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Solange wir an andere denken, an Politiker, Sonntagsredner usw., dürfte es uns nicht schwer fallen, Laotse zuzustimmen. Doch reden wir nicht selber ununterbrochen? Wenn der alte Chinese mit seinem Spruch richtig liegt, würde das bedeuten, dass wir unsere Ignoranz permanent öffentlich zur Schau stellen. Jedes Wort aus unserem Munde wäre eine Demonstration unseres Unwissens, und unser Wissen könnten wir nur durch Schweigen zum Ausdruck bringen.
Radikales Schweigen wäre jedoch nur praktikabel, wenn die Dinge auch ohne Worte im Lot sind und bleiben. Dies träfe zum Beispiel auf einen Erimiten zu, der bei der Wahl seiner Lebensform explizit oder stillschweigend ein Schweigegelöbnis in Kauf nimmt. Auch in einer reinen Gemeinschaft von Wissenden könnte das konsequente Schweigen funktionieren, weil jeder jederzeit weiß, was zu tun und zu unterlassen ist. Da solche Lebensformen aber in einer Welt der Hyperkommunikation eine zu vernachlässigende Größe sind, stellt sich die Frage, was Laotse unter reden versteht.
Umgangssprachlich werden die Begriffe reden und sprechen oft synonym verwendet. Doch gibt es gute Gründe dafür, warum der Nachrichtensprecher nicht Nachrichtenredner heißt und warum Kleinkinder nicht reden, sondern sprechen lernen. Wenn wir von reden sprechen, setzen wir voraus, dass der Redende eigene Gedanken ausspricht und dass diese eine über die jeweilige Situation hinausgehende Bedeutung haben. Dies wäre zum Beispiel nicht der Fall, wenn wir jemanden auffordern, ein Fenster zu schließen. Sobald aber derjenige in ausschweifenden Worten erklärt, welche negativen Folgen ein zu lange geöffnetes Fenster nach sich ziehen könnte, dann hat er bereits angefangen zu reden.
Es ist also vor allem das Erklären und Argumentieren, worin sich reden und sprechen von einander unterscheiden. Hätte Laotse sich für die Formulierung entschieden:
Der Wissende argumentiert nicht.
Der Argumentierende weiß nicht. …
dann wäre sein Spruch in der westlichen Welt vermutlich sowohl auf weniger Beachtung als auch Widerstand gestoßen, und zwar deshalb, weil im westlichen Denken der enge Zusammenhang zwischen reden und argumentieren nicht so präsent ist wie bei den östlichen Denkern.
Spätestens seitdem der deutsche Philosoph Jürgen Habermas auf den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Interesse hingewiesen hat, dürfte auch im Westen klar sein, dass reden vor allem bedeutet, seine eigenen Interessen kund zu tun. Und nur in diesem Kontext erschließt sich die Bedeutung dessen, was Laotse mit seinem Spruch ausdrücken wollte. Im Taoismus hat der Wissende oder der Weise nämlich keine eigenen Interessen. In dem, was er denkt und wie er handelt kommt nichts anderes zum Ausdruck als die Intentionalität das Tao (des Ganzen). Was sollte der Wissende also reden und argumentieren, wo es kein Interesse gibt, jemanden zu überzeugen oder zu instrumentalisieren?
Der Redende dagegen weiß nicht, dass er ein Instrument des Ganzen ist. Er glaubt, durch geschicktes Argumentieren das Schicksal zu seinem eigenen Vorteil beeinflussen zu können. Vordergründig und vorübergehend kann ihm das auch gelingen, wenn ihm genügend Dumme folgen. Doch auf lange Sicht sind die Schlauen selber die Dummen, wie Laotse an andere Stelle klarstellt:
Was im Einklang mit dem Tao ist, bleibt.
Erzwungenes wächst eine Weile,
doch dann welkt es dahin.
Es genügt eine Mischung aus Spürbewusstsein und gesundem Menschenverstand, um die fletschenden Zähne der Redenden zu sehen, sobald sie den Mund aufmachen. An ihren Absichten werdet ihr sie erkennen, oder wie Goethe es in Torquato Tasso formuliert hat:
So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.
Andreas Tenzer, Köln im März 2012 -
Die Erwachsenen begehen eine barbarische Sünde, indem sie das Schöpfertum des Kindes durch den Raub seiner Welt zerstören, unter herangebrachtem, totem Wissensstoff ersticken und auf bestimmte, ihm fremde Ziele abrichten.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 554
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓- Barbarei (3)
- Ersticken (2)
- Erwachsene (1)
- Fremd (14)
- Instrument - Instrumentalisierung (9)
- Kinder (46)
- Raub - Räuber (12)
- Schöpferisch > Kreativität (15)
- Sünde - Sünder (18)
- Welt (133)
- Wissen (79)
- Ziel (57)
- Zwang (34)
-
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 6 von 14
Zappelphilipp nannte man sie früher - Kinder, die lächelnd besänftigt wurden.
Von ADHS spricht man heute, wenn das Kind nicht als Erwachsener fungiert und kalt lächelnd auf die Beruhigung durch Pillen verwiesen wird.
Doch die Kids brauchen keine Pillen - lediglich die Pharmaindustrie benötigt sie zur Gewinnaufstockung.
Kinder, die ihre Freiheit, ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihre Kreativität ausleben wollen: Sie sind gefangen im goldenen Käfig der Fürsorge.
Indem sie deren Springen nach Freiheit unterdrücken, bemerken die Eltern nicht, dass sie ebenfalls Gefangene von instrumentalisierenden Regelungen und Gesetzen sind.
Nicht so goldig ... ihr Käfig.
Verbote, Einschränkungen ohne Erklärungen - Unverständnis und Frust bei den Kids:
Nicht so einfach für die Eltern, Erklärungen zu geben in der knappen Zeit.
Die ersten Jahre ihres Lebens werden die Kinder bereits beeinflusst von Kindergarten und Schule, wo die Interessen des Staates und der
Multis vielleicht im Hintergrund schweben?
Sicher, sie lernen für später, auch fürs Leben .. ihr Leben ?
Nicht zu lügen, lernen sie. Sie erfinden, entwickeln ihre Märchen von Abenteuern, “erschwindeln“ ihre Heldenrollen und werden für diese Lüge bestraft.
Frustriert sind sie schließlich, denn sie bemerken bereits die echten Lügen dieser Welt.
Obwohl sie lernten, der Sieger zu werden, der Beste zu sein, sehen sie plötzlich: Davon gibt es noch viele andere.
Die nächste Zeit der Reife - ebenfalls gelenkt!
“Kids habt Fun, geht in die Disco, amüsiert euch, denkt nicht! Das tun wir schon für euch!“
Kauft dieses und jenes, und ihr werdet Sieger, die Besten sein. Natürlich werden sie es nicht - und staunen irritiert.
"Du sollst nicht streiten, niemanden verletzen!" Das tägliche Töten vor Augen, Krieg und Verwüstung - wieder staunen sie irritiert.
Und danach? Angepasstes Schablonendenken!
Wo bleibt der Mensch, das gegenseitige Verständnis, wo bleiben Gefühle des Verstehens, der Hilfsbereitschaft, der Liebe und alles, was die Kinder sonst noch vermissen?
Aus Frust entsteht Wut. Unbemerkt haben sie den Glauben verloren.
Der Nährboden für Gewalt, ein Schutzmechanismus des Hirns, um nicht verrückt zu werden, zwingt sie zum Reagieren und Abreagieren.
Sieh Dich um! Das Dilemma ist täglich sichtbar.
Heute erkennt man dies, morgen jenes - andere Zusammenhänge, welche “dies“ wieder ändern, umkehren, wie bereits so oft auch in anderen Bereichen.
Tut uns leid. Wir haben uns getäuscht. Das Gegenteil ist richtig - und den Schaden trägt der Gutgläubige.
Zappelphilipp ... der traurige.
Jedes fünfte deutsche Kind ist psychisch krank! Ursachen: Erziehungsversagen der Eltern und schulischer Leistungsdruck, bestätigt der Bericht: des Berufsverbands Deutscher Psychologen.
http://www.bdp-verband.org/bdp/politik/2007/Kinder-Jugendgesundheit-BDP-Bericht-2007.pdf
Alex A. im Oktober 2011 -
Die Frage ist oft eine Mutter der Lüge.
Wilhelm Busch: In: Spruchweisheiten & Gedichte, Leonberg: Garant, 2007, S. 63
(Aus: Ernstes und Heiteres)
ISBN: 3867662002
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (16) -
Interpretation:
Busch-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 2
Wer jemanden nach der Uhrzeit fragt, wird selten belogen. Aber bereits eine Frage bezüglich der Urzeit kann jemanden in Verlegenheit bringen zu lügen, der den Ruf zu verteidigen hat, über ein breites Allgemeinwissen zu verfügen. Je einfacher und banaler die Frage, desto größer der Imageverlust, wenn man sie als "Experte" nicht beantworten kann. Besonders Eltern kennen das Dilemma, wenn ihre Kinder sie etwas ganz Simples fragen, worauf sie keine Antwort wissen. Da ist die Versuchung groß, sich schnell etwas halbwegs Plausibles auszudenken.
Die gebärfreudigsten Mütter von Lügen sind aber nicht die Wissensfragen, sondern Fragen, die im weitesten Sinne etwas mit Moral und Anstand zu tun haben. Diese stellen den Adressaten meist vor die Alternative, einen Makel, eine Verfehlung, eine Unterlassung zu bekennen, oder zu lügen. Hier eine kleine Auswahl "harmloser" Fragen, wie sie täglich tausendfach gestellt werden:
"Hast du dir die Zähne geputzt?"
"Hast du deine Hausaufgaben gemacht?"
"Liebst du mich noch?"
"Meinst du das wirklich ernst?"
"Wirst du das auch bestimmt nie wieder tun?"
"Hast du wieder heimlich getrunken?"
"Weißt du eigentlich, was du willst?"
All diese Fragen haben Kontrollcharakter und beinhalten mehr oder weniger direkt eine Unterstellung. Trifft diese zu, dann steht der Befragte vor der Entscheidung, zu bekennen oder zu dementieren, das heißt zu lügen. Nur theoretisch ist eine Situation denkbar, in der Letzteres nicht die bessere Lösung wäre, nämlich wenn der Fragende mit einer ehrlichen Antwort angemessen umgehen könnte. In der Praxis ist dies aber deshalb nie der Fall, weil die Art der Fragestellung - oft noch durch einen inquisitorischen Ton verstärkt - die unreife Haltung des Fragenden entlarvt, der Offenheit einfordert, für die er selber nicht offen ist.
Um jemandem eine "Offenbarung" zu entlocken, müsste man dessen Verhalten verstehen können, unabhängig davon, ob es den eigenen Maßstäben entspricht, oder nicht. Das heißt nicht, dass man alles toleriert, sondern dass man das Verhalten des Anderen nicht persönlich nimmt, sondern als Ausdruck seiner persönlichen Situation.
Mit dieser Haltung wird man auf Fragen verzichten, die Lügen provozieren. Stattdessen wird man eher nonverbal signalisieren, dass man weiß, was Sache ist, klar und deutlich aber unaufgeregt und unaufdringlich. Man wird sich darauf beschränken, durch die eigene Haltung und das eigene Verhalten dem Anderen einen Orientierungspunkt zu bieten, der mehr Kraft zur Veränderung enthält als tausend heuchlerische Scheinfragen, die in Wirklichkeit getarnte Kontrollabsichten und versteckte Vorwürfe sind.
Andreas Tenzer, Köln im Februar 2010 -
Die größten Ereignisse - das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.
Friedrich Nietzsche: Werke II - Also sprach Zarathustra, 6. Aufl. Frankfurt am Main u. a.: Ullstein, 1969, S. 386
(Übersetzung englisch: The greatest events - these are not our loudest but our most silent hours. Aus: Zweiter Teil - Von großen Ereignissen)
ISBN: 354803229X
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (198) -
Interpretation:
Nietzsche-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 3
Seit jeher hat der Mensch den äußeren Ereignissen mehr Bedeutung beigemessen als den Vorgängen, die sich in seinem Innern ereignen. Wann diesbezüglich eine Kopernikanische Wende stattgefunden hat, lässt sich zwar nicht präzise datieren, doch waren im 19. Jahrhundert Dostojewskis Roman Schuld und Sühne sowie Nietzsches Gesamtwerk zweifellos Meilensteine in dieser Richtung, weshalb beide als führende Wegbereiter der modernen Psychologie angesehen werden. Im 20. Jahrhundert spielten dann bei Autoren wie Marcel Proust oder Robert Musil die äußeren Ereignisse im Verhältnis zur detaillierten Beschreibung menschlicher Innenwelten bereits eine zu vernachlässigende Größe.
Nach landläufiger Vorstellung sind Innenwelten ereignisarme Dimensionen des menschlichen Geistes. Diese Einschätzung ist insofern zutreffend, als unter Ereignis gewöhnlich ein Vorkommnis in der äußeren Welt verstanden wird. Ignoriert wird dabei jedoch, dass die meisten äußeren Ereignisse auf Prozessen basieren, die sich zuvor in Innenwelten "ereignet" haben. Alles Wirkliche kommt aus dem Reich der Möglichkeiten, was Robert Musil dazu veranlasst hat, von einem Möglichkeitssinn zu sprechen, der jederzeit in der Lage ist, das Augenmerk von außen nach innen zu wenden.
Alles Mögliche, solange es noch nicht äußere Wirklichkeit geworden ist, tut sich schwer damit, sich in der Welt Gehör zu verschaffen. Seine leise innere Stimme wird gewöhnlich von der lauten Wirklichkeit übertönt. Das gilt nicht nur im Verhältnis zu Dritten, sondern trifft auch auf die Relation von Innen- und Außenwelten innerhalb des Individuums zu. In Unzeitgemäße Betrachtungen schreibt Nietzsche: «Es geht geisterhaft zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir allein und still sind, daß uns etwas in das Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit.»
Aus Angst vor unkontrollierbaren Möglichkeiten neigt der Mensch dazu, sich berechenbare Wirklichkeiten zu konstruieren. Die laute Welt der großen Ereignisse bietet ihm eine Fluchtburg vor den stillen Wahrheiten, die bei jedem Atemzug von innen gegen die Eierschale des eingeschlossenen Selbst picken. Doch die meisten Menschen halten das Ei, in dem sie leben, für die Welt. Je heftiger es von außen geschüttelt wird, desto mehr empfinden sie sich als deren lebendiger Mittelpunkt.
Nietzsche sieht in der Stille die Chance, aus dem Ei zu schlüpfen. Voraussetzung dafür ist die Einsicht, dass äußere Welten illusionäre Konstruktionen sind, sofern sie nicht bewusst in der kontemplativen Stille geboren werden. Deshalb sind Impulse, die wir aus der Stille empfangen, die größeren Ereignisse. Sie sind es, die darüber entscheiden, was und wie wir in der Welt sind - ob wir ein Spielball sind oder ein spielender Ball.
Andreas Tenzer, Köln im März 2012 -
Die Hölle, das ist die Unvorstellbarkeit des Gebets.
Emile Michel Cioran: Die verfehlte Schöpfung, 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, S. 17
ISBN: 3518370502
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (8) -
Interpretation:
Cioran-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 2
Was uns das Leben schenkt, nehmen wir gern als selbstverständlich hin. Deshalb sind Dankgebete relativ selten. Größerer Beliebtheit erfreut sich das Wunschgebet, bei dem es um etwas geht, was der Betende entbehrt, aber stark begehrt. Kaum einem Menschen fremd ist die dramatischste Form des Gebets, das Notgebet.
Man muss nicht einmal ein gläubiger Mensch sein, um in einer existenziellen Notsituation göttlichen Beistand zu erbitten. Das gilt besonders für die extremste Form des Notgebets, dem Verzweiflungsgebet. Selbst eingefleischte Atheisten haben davon berichtet, dass sie in Momenten völliger Verzweiflung, wo sie nicht mehr in der Lage waren, das ihnen aufgebürdete Leid zu ertragen, gebetet haben bzw. beten mussten. Die Unvorstellbarkeit des Gebets in solchen Augenblicken wäre die Hölle, das heißt Verzweiflung als Dauerzustand.
Man stelle sich einen Menschen vor, der auf bestialische Weise zu Tode gequält wird, ohne reale Aussicht auf Rettung. Vorausgesetzt, es handele sich nicht um einen unerschütterlichen Zen-Meister, der diese Situation gelassen auszuhalten imstande wäre: Was bliebe einem solchen Menschen anderes übrig, als die Zuflucht zu einer höheren Macht und die Bitte, ihn aus dem gegenwärtigen Höllenzustand zu befreien? Ohne diese Zufluchtsmöglichkeit wäre er in der Hölle.
Andreas Tenzer, Köln im November 2006 -
Die Kraft des Adlers im Flug bewährt sich nicht dadurch, daß er keinen Zug nach der Tiefe empfindet, sondern dadurch, daß er ihn überwindet, ja ihn selbst zum Mittel seiner Erhebung macht.
Friedrich Schelling: Zur Geschichte der neueren Philosophie, 4. Aufl. Leipzig: Reclam, 1984, S. 189 f.
ISBN: B0000BUHQ2
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (18) -
Interpretation:
Schelling-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Wie ein gigantischer Magnet ziehen die Leidenschaften den Menschen in die tiefsten Abgründe. In der Hölle der Unterwelt hausen Spielsüchtige, Drogenabhängige, Kinderschänder, Lustmörder, Bankiers, Politiker, Richter, sofern sie dem Zug nach der Tiefe nicht standgehalten haben und so an ihrer Leidenschaft zugrunde gegangen sind.
Doch wie ein Adler, der sich dem Tiefenzug gelassen hingibt, plötzlich einen gewaltigen Auftrieb erfahren und in die höchsten Gefilde aufsteigen kann, so können auch jene Gestalten sich über ihre Leidenschaften erheben und kraft ihrer über sich selbst hinauswachsen.
Die Moral lehrt uns, wir müssten unsere Leidenschaften bändigen. Folgen wir ihr, dann sind wir kraftlos und werden - aller geistigen Höhenflüge und gesellschaftlichen Anerkennung zum Trotz - in die Tiefe hinab gezogen. Der Adler kennt keine Moral. Er fürchtet die Hölle nicht und kann deshalb so tief fallen, bis dem Zug der Tiefe die Kraft ausgeht. Dann erst setzt sein kraftvoller Flügelschlag ein und katapultiert ihn wie eine Sprungfeder nach oben.
Wer seine Leidenschaften bekämpft, wird nie ein Adler sein. Nur wem es gelingt, deren Ziehkraft in Schubkraft zu verwandeln, wird sich - wie einst Buddha - von den Leiden, die sie schafft, befreien können. Moralisch in Ketten gelegte Leidenschaften sind der Weg, der aus Angst vor der Tiefe direkt in psychosomatische Höllenlandschaften führt, während den mutigen Adler der Auftrieb des Abgrunds in die Höhe treibt.
Andreas Tenzer, Köln im Januar 2007 -
Die Liebe beginnt da, wo das Denken aufhört. Wir brauchen aber die Liebe von Gott nicht zu erbitten, sondern wir müssen uns für sie nur bereit halten.
Meister Eckhart: Meister Eckhart, Dietmar Mieth (Hrsg.), Freiburg im Breisgau: Walter, 1979, S. 299
ISBN: 3491703662
Info: Autor Thema ⇓- Aufhören (13)
- Beginnen > Anfang (29)
- Bereitschaft (10)
- Bhakti (15)
- Denken - Denker (101)
- Gott (163)
- Liebe - Lieben (251)
-
Interpretation:
Meister Eckhart-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 2
Kann das Denken einen reinen Gedanken, einen liebenden Gedanken, einen gütigen Gedanken, einen wahren Gedanken hervorbringen? Ist es das Denken, das liebt? Oder liebt der Mensch mit seinem ganzen, reinen, liebenden, gütigen, wahren Wesen? Tendiert das Denken nicht dazu die Liebe (und die Wahrheit) zu zerreden? Ist es nicht lebendige Erfahrung, dass Denken die Liebe nicht verstehen kann? Beginnt also die Liebe nicht da, wo das Denken aufhört?
Wenn die Liebe da beginnt, wo das Denken aufhört, hat die Liebe dann einen Beginn, einen Anfang? Und ist Liebe dann begrenzt? Das Denken ist begrenzt, und es wirkt begrenzend und trennend. Und Liebe? Wenn es "unsere Liebe" ist, wenn es "meine Liebe" ist, wenn es "deine Liebe" ist, dann ist dies das begrenzte und begrenzende Denken, das diese Begrenzungen von Mein und Dein vornimmt. Liebe kann aber nicht Besitz sein, daher gibt es "unser", "meine", "deine" Liebe nicht als wesentliche Wirklichkeit. Das begrenzte Denken macht den sprachlichen Ausdruck "unsere", "meine", "deine" Liebe möglich, doch wenn die Grundlage dieses Denkens ein begrenzter, begrenzender und trennender Herz-Geist ist, kann "diese" Liebe nicht wirklich Liebe sein, die unbegrenzt ist.
Wenn also das Denken aufhört, hört die Begrenztheit auf und damit wird die Unbegrenztheit der Liebe deutlich. Wenn das Denken aufhört, bedeutet das aber nicht, dass der Mensch dumm wird, vielmehr, dieser sprachliche Ausdruck, der das Aufhören des Denkens beschreibt, deutet auf das "Ende" der Begrenztheit des Denkens, jene Begrenztheit, die Hindernisse und Widerstände besitzt, die an Hindernisse stösst und die Widerstände erleidet. Wenn das Denken aufhört, beginnt eine wirklich neue, friedliche, widerstandslose, hindernislose Lebendigkeit, die das Denken benutzen kann und dabei deren Grenzen und Begrenztheit achtet und gewahrt. Weshalb so Liebe zum Ausdruck kommen kann, weil keine Hindernisse mehr schmerzlich im Wege stehen, weil keine Widerstände mehr den Menschen leidend aufreiben.
Das Denken, das Gott um "Seine Liebe" bittet, vergisst, dass die Grundlage des Wesens des Denkens nicht von Gott verschieden ist und nicht von Gott verschieden sein kann. Denken ist ein raumzeitlicher Ausdruck, der die Liebe nicht berühren kann, doch die Grundlage des Wesens des Denkens wird von der Liebe berührt, denn Es ist Gott, und Gott druchdringt und übersteigt das Denken. Denken kann ein Ausdruck der Liebe (Gottes) sein, doch Denken ist nicht die Liebe (Gottes), denn Denken ist begrenzt, weil es ein raumzeitlicher Ausdruck ist. Und Gott ist unbegrenzt, Der alles und auch das Denken, hervorbringt und durchdringt.
Wenn der Mensch die Liebe von Gott denkend erbittet, bedeutet das, dass der Mensch die Liebe nicht gewahrt. Bitten ist also ein Mangel und deutet auf Abwesenheit. Bitten um Liebe ist also ein Mangel an Liebe und deutet auf die Abwesenheit von Liebe. Hört Gott auf die Bitten der Menschen, die sich Liebe von Gott erhoffen? Wenn Gott nicht vom Menschen getrennt ist, wie könnte da Gott dem Menschen etwas verwehren, das der Mensch bereits inne "hat", die Liebe Gottes. Es ist die Aktivität des begrenzten, begrenzenden und trennenden Denkens, das die Liebe von Gott verhindert, doch die Liebe von Gott ist stets anwesend, auch im begrenzten, begrenzenden und trennenden Denken, doch das begrenzte, begrenzende und trennende Denken ist nicht Liebe. Das begrenzte, begrenzende und trennende Denken kann die Liebe von Gott nicht gewahren und kann daher nur Durcheinander verursachen und beibehalten.
Achtsamkeit und Aufmerksamkeit ist das "Bereithalten" für die Liebe, was keine Passivität ist, sondern ein immer gegenwärtiges Gewahrsein dessen was ist. Ist der Mangel an Liebe gegenwärtig, ist das Gewahrsein des Mangels an Liebe das "Bereithalten" für die Liebe von Gott. Ist die Abwesenheit von Liebe gegenwärtig, ist das Gewahrsein der Abwesenheit der Liebe von Gott das "Bereithalten" für die Liebe von Gott. Denn was sollte der Mensch des Mangels an Liebe und der Abwesenheit von Liebe sonst tun, als das, was ist, zu betrachten und zu achten und zu würdigen? Sollte er sich gegen das was ist wenden und kämpfen um die Liebe von Gott? Würde sich Gott durch seinen Kampf, um die Liebe Gottes, beeindrucken lassen, da doch die Liebe Gottes kampflos und zutiefst friedlich ist, die Stille und Ruhe im unendlichen Meer der Freude, die keines Kampfes bedarf? Und sollte der Mensch sich "bereithalten" für die Liebe von Gott und lediglich warten? Bestimmt nicht, warten bedeutet die Liebe Gottes missverstehen und zu glauben, man werde eines Tages dazu erwählt. Gott wählt nicht, denn er ist nicht wählerisch, wie die meisten Menschen.
"Bereithalten" ist also selbst ein Ausdruck des Mangels und der Abwesenheit der Liebe von Gott, ist ein Ausdruck des Abwesenheit der Gewahrung der Liebe Gottes. Man kann sich nicht für die Liebe von Gott bereit halten, denn sie ist stets anwesend.
Thomas Fürniß im Juli 2010 -
Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung.
Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein, 15. Aufl. München, Zürich: Piper, 1984, S. 61
ISBN: 3492028357
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (14) -
Interpretation:
Watzlawick-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Warum gehen bestimmte Prophezeiungen in Erfüllung, andere dagegen nicht, und was geschieht, wenn zwei sich gegenseitig ausschließende Ereignisse prophezeit werden? - Niemand wird bezweifeln, dass nicht jede Prophezeiung in Erfüllung geht, denn wie oft ist nicht schon der Weltuntergang vorhergesagt worden. Und wer hat nicht bereits die Erfahrung gemacht, dass ihm - im Guten wie im Schlechten - etwas prophezeit wurde, oder er selbst fest an ein Ereignis geglaubt hat, das sich nicht bewahrheitet hat? Ist es also Zufall, ob eine Vorhersage sich erfüllt oder nicht, oder gibt es doch die sogenannte self-fulfilling prophecy ?
In der Allgemeingültigkeit suggerierenden Form, mit der Watzlawick es im obigen Zitat beschreibt, existiert der Zusammenhang zwischen Prophezeiung und Ereignis zweifellos nicht. Das war auch dem Autor bewusst, der an anderer Stelle die Einschränkung machte, dass eine Prophezeiung geglaubt werden müsse, dass sie "als eine in der Zukunft bereits eingetretene Tatsache gesehen" werden müsse, um sich erfüllen zu können.
Reicht es aber aus, wenn jemand an die Erfüllung einer Prophezeiung glaubt? Zweifellos nicht! Würde uns jemand prophezeien, dass wir noch heute ohne Schutzanzug auf dem Mond spazieren gehen werden, würde auch unser fester Glaube an das vorhergesagte Ereignis dessen Eintreten nicht ermöglichen können. So ergibt sich eine weitere Einschränkung der obigen Aussage: Die Prophezeiung muss erfüllbar sein, um sich ereignen zu können.
Angenommen, die bisher genannten Voraussetzungen sind gegeben, das heißt eine bestimmte Prophezeiung ist erfüllbar, und jemand glaubt fest an sie, tritt sie dann mit Notwendigkeit ein? Auch hier muss die Antwort Nein lauten, wie das folgende Beispiel verdeutlicht. Setzen an einem Roulettetisch mehrere Spieler auf unterschiedliche einzelne Zahlen (Pleins) in dem festen Glauben, dass die Kugel in das entsprechende Nummernfach fallen wird, so kann maximal ein Spieler den Gewinn eines Plein einstreichen. Ist damit Watzlawicks Aussage vollends widerlegt? Um sie zu rechtfertigen, könnte er behaupten, es gewinne jeweils der Spieler, der am stärksten an das Eintreten der qua Spieleinsatz dokumentierten Prophezeiung glaubt. Eine solche Behauptung lässt sich weder bestätigen noch widerlegen, da die Intensität des jeweils Geglaubten nicht objektiv messbar ist.
Ist demnach Die Geschichte mit dem Hammer, in der Watzlawick das wohl berühmteste Beispiel für eine selbstkonstruierte Wirklichkeit liefert, nicht mehr als ein konstruktivistischer Mythos? Meine Antwort lautet Ja und Nein. Es ist unbestreitbar, dass Gedanken eine ihnen entsprechende Wirklichkeit anziehen. Wer hat diese Erfahrung nicht schon tausendfach gemacht? Aber konstruieren wir diese Wirklichkeit auch, und zwar in dem Sinne, dass die Gedanken notwendig zu einem Ereignis führen, das ihrem Muster entspricht?
"Die Sterne machen geneigt, aber sie zwingen nicht." Dieses Thomas von Aquin zugeschriebene Zitat gilt nach meiner Einschätzung auch für den Konstruktivismus. Prophezeiungen im Sinne von für wahr gehaltene Vorstellungen erhöhen offenbar die Wahrscheinlichkeit, dass das Geglaubte zum Ereignis wird, führen aber nicht zwingend dazu (vgl. das Zitat von Thomas Hobbes: "Häufig ist die Prophezeiung die Hauptursache für das prophezeite Ereignis."). Deshalb halte ich den sogenannten radikalen Konstruktivismus für eine verkürzte Interpretation von Wirklichkeit und würde einen ganzheitlichen Konstruktivismus bevorzugen, der neben dem Fürwahrhalten des Einzelnen die geglaubten Vorstellungen aller am Zustandekommen eines Ereignisses beteiligten Wesen sowie die relevanten äußeren Rahmenbedingungen berücksichtigt und schließlich eine Intentionalität des Ganzen zumindest als Möglichkeit ins Auge fasst, sei es als Schöpfer, Natur, Tao, Dharma, Karma usw. (spiritueller Konstruktivismus).
Andreas Tenzer, Köln im Mai 2007 -
Die Sonne lehrt alle Lebewesen die Sehnsucht nach dem Licht. Doch es ist die Nacht, die uns alle zu den Sternen erhebt.
Khalil Gibran: Sämtliche Werke, Düsseldorf: Patmos, 2003, S. 1243
(Aus: Die Rückkehr des Propheten - Übersetzung (engl.): The sun teaches all creatures the longing for the light. But it is the night that raises all of us to the stars.)
ISBN: 3491507014
Info: Autor Thema ⇓- Lebewesen - Geschöpf - Kreatur (15)
- Licht > Lichtstrahl (51)
- Nacht (17)
- Sehnsucht (14)
- Sonne (23)
- Sterne - Planeten (13)
- Todes-Bardo (2)
-
Interpretation:
Gibran-Zitat-Interpretation Nr. 3 von 5
Die Sonne repräsentiert das Licht, das Lebendige, das Leben. Dagegen steht die Nacht für die Dunkelheit und den Tod.
Die Sterne hingegen stehen für den Schutz, die Geborgenheit, das Aufgehobene und letztlich für ein metaphysisches Versprechen - die Erlösung.
Im Zitat scheint die Reihenfolge der Signalwörter nicht zufällig gewählt. Der Autor zeichnet in dialektischer, also in thetischer und antithetischer Weise den Gang des Lebens nach, der sich schließlich synthetisch vollendet (hier: Erhebung zu den Sternen) und Transzendenz verspricht.
Wolfgang Schmitz, Hamburg im Oktober 2007 -
Die wenigsten Menschen wissen, daß das wirklich Große immer unbegründet ist; ich meine: alles Starke ist einfach!
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 571
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (8) -
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 7 von 14
Ein Mann hat unter Einsatz seines Lebens ein fremdes Kind vor dem Ertrinken gerettet. Jemand fragt ihn, warum er das getan habe."Ich hatte gar keine Zeit zum Überlegen. Ich musste es einfach tun", antwortet der Mann. Hätte der Retter vor dem Sprung ins Wasser die Gründe für und wider seine Hilfeleistung rational abgewogen, hätten ihn diese möglicherweise von seinem Eingreifen abgehalten, oder es wäre zu spät gekommen.
War das Verhalten des Mannes unbegründet? Ein Psychologe würde vielleicht antworten, der Selbsterhaltungstrieb eines Menschen sei gemäß der Bedürfnispyramide gewöhnlich stärker als das Mitgefühl für andere. Insofern wäre die Rettungstat rational kaum zu begreifen, ja sogar als irrational einzustufen im Sinne der psychologischen Bedürfnishierarchie. Liegt aber nicht gerade hierin der Grund dafür, dass kaum etwas unsere Herzen so rühren kann wie eine solche "irrationale" Tat?
Das Verhalten des Retters verweist uns auf eine Dimension jenseits aller äußeren Rationalisierungssysteme. Nur von innen ist die Tat zu verstehen, als das Befolgen seiner inneren Stimme, die ihm klar sagt, was er zu tun habe, und die Frage des "Warum" gar nicht erst aufkommen lässt. Ohne Gründe gibt es auch keine Zweifel, die die Situation verkomplizieren und die Entschlusskraft des Helden schwächen könnten, dessen Stärke gerade in der Loslösung von äußeren Vorschriften und Moralvorstellungen liegt.
Andreas Tenzer, Köln im Dezember 2006 -
Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar.
Franz Kafka: Er, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1968, S. 196
(Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg)
ISBN: B0000BRUGW
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (22) -
Interpretation:
Siehe Interpretation zum Kafka-Zitat:
Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet? -
Egoismus entsteht aus Mangel an Selbstliebe.
Andreas Tenzer: www.zitate-aphorismen.de
(Übersetzung (englisch): Egoism arises from the lack of self-love. - (niederländisch): Egoisme ontstaat door het gebrek van selfliefde.)
Info: Autor Thema ⇓- Dialektik (10)
- Egoismus > Selbstsucht (26)
- Entstehen (17)
- Mangel - Mängel > Fehlen (27)
- Partner - Partnerschaft (110)
- Selbst > Wahres Selbst (64)
- Selbstliebe (15)
-
Interpretation:
Tenzer-Zitat-Interpretation Nr. 3 von 4
"Egoismus entsteht aus Mangel an Selbstliebe." - Andreas Tenzer
Ich glaube, sich selbst zu lieben heißt: sich so akzeptieren und zu mögen, wie man ist, inklusive aller Ecken und Kanten - und trotzdem alles dafür tun bzw. zuzulassen, dass man selbst Fortschritte macht. Man muss sich selbst als wertvollen Menschen erkennen, ohne sich auf eine Stufe über alle anderen zu stellen.
Wer sich selbst nicht für einen wertvollen Menschen hält, sich nicht selber akzeptiert und mag, wie kann der andere für wertvoll halten, andere akzeptieren und mögen - und zulassen, dass er selbst gemocht, akzeptiert bzw. als wertvoll erachtet wird? Man zieht doch nur die Jacke an die einem passt - und wer sich selbst für nicht liebenswert hält, der glaubt auch den feurigsten Liebesbekundungen nicht wirklich, sondern fühlt sich evtl. davon sogar verkohlt.
Wenn ein Mensch nicht eine gewisse Zuneigung zu sich selber hat, "holt" er sich entweder die Zuneigung durch eine Abhängigkeitsbeziehung, oder lehnt (teils unbewusst) Zuneigungsbekundungen generell ab. Andererseits kann das dann auch als Egoismus mutieren, indem der Mensch sich trotzig sagt: Wenn ich schon keinen dazu bekomme mich so zu lieben wie ich bin, dann muss ich mir um so mehr gutes tun, und die andern können sonst wo bleiben ...
19.01.2007 - Beitrag von Thorin Moderator im Forum magic-way-of-life -
Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in Gottes neue Welt.
Bibelzitate: Die Bibel in heutigem Deutsch, Liechtenstein: Deutsche Bibelgesellschaft, 1994, NT S. 26
(Matthäus 19.24)
ISBN: 343801811X
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (12) -
Interpretation:
Bibel-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Wohl kaum eine andere Bibelstelle ist so missverstanden worden wie Jesu Gleichnis vom Kamel und Nadelöhr. Wie so oft beginnt die Verwirrung bereits bei der Übersetzung. Einige Exegeten glauben, dass es wegen der Ähnlichkeit der griechischen Wörter für «Tau» und «Nadelöhr» zu einem Schreib- bzw. Übersetzungsfehler gekommen ist, was allerdings wenig an der Bedeutung des Gleichnisses ändern würde. Plausibler erscheint mir die Deutung, die sich auf die antiken Stadtmauern (zum Beispiel von Jerusalem) bezieht, die an manchen Stellen offenbar so schmal waren, dass ein Kamel nur mit Mühe hindurchkommen konnte und die deshalb - wie im heutigen Sinne - als «Nadelöhr» bezeichnet worden sein sollen.
Legt man die letztere Interpretation zugrunde, dann sah Jesus den Himmel für die Reichen keineswegs hoffnungslos versperrt, sondern wollte nur darauf hinweisen, dass das Himmelstor eng sei und man seine Habe hinter sich lassen müsse, um es durchschreiten zu können. Eine solche Deutung deckt sich sowohl mit der Haltung vieler weiser Menschen von Laotse bis Gandhi als auch mit der Volksweisheit, dass man beim Tod nichts mit sich nimmt. Was es für den Reichen so schwer macht, die Himmelspforte zu passieren, wäre demnach die Versuchung, am Reichtum anzuhaften, das heißt, sich weitestgehend über materiellen Besitz zu definieren und immaterielle Werte zu vernachlässigen. Eine ähnliche Haltung vertraten die Stoiker, deren Gedanken um die Zeitenwende auch in der römischen Provinz Palästina verbreitet waren. Das stoische habere ut non besagt, dass man materiellen Gütern gegenüber immer die gleiche Haltung bewahren solle, unabhängig davon, ob man über sie verfügt oder nicht, anders formuliert: Es ist nicht wichtig, was man besitzt, sondern wie man besitzt.
Hat ein Armer es leichter, in den Himmel zu kommen als ein Reicher? Der Tiefenpsychologe C.G. Jung zitiert zu dieser Frage ein schweizerisches Sprichwort: «Hinter jedem Reichen steht ein Teufel, und hinter jedem Armen - zwei.» Der Teufel, der hinter dem Reichen steht, ist wie gesagt die Versuchung, sich am Reichtum festzuklammern. Der zweite Teufel, der bei den Armen noch hinzukommt, ist die Gier nach Reichtum. So gesehen hätten es die Reichen also leichter, in den Himmel zu kommen, da sie sich «nur noch» vom Anhaften befreien müssen, während die Armen noch den Schritt vor sich haben, erst einmal zu Reichtum zu gelangen. Diese Schlussfolgerung trifft aber nur auf den Armen zu, der im Reichtum eine unabdingbare Voraussetzung für Glück und Zufriedenheit sieht. Nimmt er dagegen eine stoische Haltung zum Reichtum ein, oder betrachtet er im christlichen Sinne Reichtum als Instrument, um im Sinne Gottes zu wirken, so steht ihm die Himmelspforte genauso weit offen, wie dem Reichen, der nicht an seinem Besitz klebt.
Heute wird in Deutschland viel über die Sozialverpflichtung des Eigentums (nach Artikel 14 des Grundgesetzes) diskutiert. Da sich die Politik im Zuge der Globalisierung mehr und mehr aus der Verantwortung gegenüber der Armut in der Welt zurückzieht, hängt das Überleben vieler Millionen von Menschen und ein menschenwürdiges Leben von Milliarden davon ab, inwieweit die Reichen dieser Erde bereit sind, ihren Besitz - soweit er über das hinausgeht, was sie zu einem zufriedenen Leben brauchen - freiwillig ihren notleidenden Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Wer als Reicher sich so verhält, braucht gar nicht auf einen Himmel im Jenseits zu warten. Jeder, der seinen Reichtum - sei er materiell oder ideell - in den Dienst der Schöpfung stellt, ist in dem Augenblick im Himmel, wo er es tut: Der Himmel ist Schöpfung in Liebe. Diejenigen aber, die in Leid und Tod von Mensch und Natur investieren, um sich immer mehr persönlich zu bereichern, schmoren bereits in der Hölle, ehe sie ihren letzten Atemzug getan haben. Kein Luxus dieser Welt kann über die innere Leere des Nimmersatten hinwegtrösten: Die Hölle ist ein unstillbarer Hunger.
Ich habe den Eindruck, dass die Zahl der Reichen, die ihren Besitz sozialverantwortlich einsetzen, im Zeitalter der Globalisierung eher steigt als sinkt. Vielleicht ist hier ein Gesetz am Werke, dass Hölderlin mit den Worten beschrieb: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Sicherlich sind viele darunter, die sich überwiegend aus Prestigegründen sozial engagieren und dann trotz ihrer «guten Taten» in der Hölle oder im Bardo der Hungrigen Geister verweilen. Die Reichen aber, deren Gaben aus dem Herzen strömen, kommen nicht in den Himmel, sie sind der Himmel.
Andreas Tenzer, Köln im Juni 2007 -
Es gibt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußeren Betragens.
Johann Wolfgang von Goethe: Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 6, Romane und Novellen I, Die Wahlverwandtschaften, 10. Aufl. München: dtv, 1981, S. 397, II,5
ISBN: 3423590386
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (15) -
Interpretation:
Goethe-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 2
Die Höflichkeit des Herzens entspringt einer auf Selbstliebe gegründeten Liebe zur Schöpfung. Selbstliebe bedeutet, sich mit all seinem Licht und Schatten annehmen und herzlich umarmen. Die Haltung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen, spiegelt sich in allem, was uns begegnet, besonders in der Kommunikation mit anderen Menschen. Können wir uns selbst ganz annehmen, ist die Folge eine natürliche Wahrnehmung und liebevolle Begrüßung des anderen als das, was es ist, sei es Stein, Pflanze, Tier oder Mensch.
Die Höflichkeit des Herzens zeigt sich vor allem darin, dass ein Mensch in seinem Denken, Fühlen und Handeln frei ist von hierarchischen Strukturen. Er schaut weniger auf das Trennende als auf das Verbindende. Sein Fokus ist auf das Sonnenhafte gerichtet, das in jedem Lebewesen latent oder manifest vorhanden ist, und das sich in jedem Akt des lichthaften Wahrnehmens und Wahrgenommenwerdens entflammt. Hierin unterscheidet sich die Höflichkeit des Herzens vom Zynismus des Zweifels, dessen schattenhaft fokussierter Blick zwanghaft auf das Dunkle im anderen gerichtet ist.
Aber auch von einer narzistischen Projektion des Lichthaften auf andere Wesen ist die Höflichkeit des Herzens zu unterscheiden. Idealisierungen und Verteufelungen sind gleichermaßen pathologische Formen von Wirklichkeitsflucht. Die im Herzen verankerte Höflichkeit basiert dagegen auf einer Grundhaltung, wie sie in der modernen Psychologie von Thomas A. Harris so formuliert wurde; "Ich bin o.k., Du bist o.k."
Das "Bequeme" dieser Haltung erkennt man leicht am Betragen der Menschen, die sie verkörpern. Sie erzeugen keine blockierenden Widerstände in der Kommunikation. Selbst die kritischsten Worte können freundlich aufgenommen und positiv verarbeitet werden, da die gegenseitige Wertschätzung jederzeit vorausgesetzt werden kann. Wo Höflichkeit des Herzens die Kommunikation regiert, da ist das "äußere Betragen" von einer herzerfrischenden Offenheit geprägt.
Andreas Tenzer, Köln im Januar 2007 -
Es gibt Leiden, von denen man die Menschen nicht heilen sollte, weil sie der einzige Schutz gegen weit ernstere sind.
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3, 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 1639
(Die Welt der Guermantes, Erster Teil - Übersetzung englisch: There are sorrows of which we shouldn't cure people because they are the only protection against more severe ones.)
ISBN: 3518397095
Info: Autor Thema ⇓- Einzig - Einzigartig (49)
- Ernst (13)
- Heilung - Heilen (24)
- Leiden (69)
- Mensch > Mitmenschen (386)
- Schutz (12)
- Verdrängung (12)
-
Interpretation:
Proust-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 2
Marcel Proust führt als Beleg für seine These unter anderem den tödlich geendeten Versuch eines Facharztes an, Marcels Vetter von einem Magenleiden zu heilen. Der Spezialist hatte erkannt, dass die Krankheit psychogener Natur war, und hatte dem Vetter deshalb den strengen Rat erteilt, alles zu essen, wozu er Lust hätte. Er könne sicher sein, dass es ihm bekommen würde. Der Patient befolgte die Anweisung des Arztes und starb kurze Zeit später im Alter von 40 Jahren an Nierenversagen - mit einem gesunden Magen, wie Proust ironisch bemerkt. Die eingebildete, relativ harmlose Krankheit hatte den Vetter vor einer tödlichen bewahrt, so lange bis ein erfahrener, ignoranter Arzt ihn von seiner "Schutzkrankheit" geheilt hatte.
"Operation gelungen, Patient tot", heißt es im Volksmund, und diese weise Erkenntnis trifft nicht nur auf Operationen im engeren medizinischen Sinne zu, sondern auf alle Eingriffe in das Gesamtsystem lebender Organismen, egal ob sie primär physischer oder psychischer Natur sind. Im Fall von Prousts Vetter hatte das Gesamtsystem des Patienten die Gefahr eines Nierenversagens erkannt und eine hochfunktionale Lösung für deren Vermeidung zur Verfügung gestellt. Unter Gesamtsystem verstehe ich hier diejenige Intelligenz in einem Organismus, die nicht nur über eine umfassende virtuelle Datenbank verfügt, in der sämtliche körperlichen, geistigen und seelischen Wirkfaktoren gespeichert sind, sondern auch, quasi mit der Präzision eines ausgereiften Quantencomputers, automatisch die Auswirkungen berechnet, die die Veränderung eines Einzelfaktors auf den Organismus als ganzem mit sich bringen würde.
Jeder kennt den Typ des "wohlwollenden" Menschen, der sich einbildet, schlauer zu sein als der in jedem Organismus wirksame "Quantencomputer", und der noch nie etwas von Symptomverschiebung gehört hat. In diesem Fall wäre es Ignoranz, die ihn dazu veranlasst, jemanden mit gut gemeinten Ratschlägen zu bombardieren. Häufig steht aber auch hinter den Rat-Schlägen, die sie in Bud-Spencer-Manier locker aus der Hüfte zaubern - und dabei das Kunststück fertig bringen, die Schläge als Streicheleinheiten zu tarnen - nur der pure Wille zur Macht über den mit Rat zu Schlagenden. Begegnet man solchen Menschen, kann man vor ihnen gar nicht schnell und weit genug davonlaufen.
Was kann nun aber ein Mensch tun, der von einem Leiden geheilt werden möchte, und sich nicht sicher ist, ob er dabei vom Regen in die Traufe käme? Gelänge es ihm, die Störsender zu orten, die die Verbindung zu seinem Gesamtsystem unterbrechen, wäre schon viel gewonnen, noch mehr, wenn es gelänge, die Störsender auszuschalten, die vor allem aus Gedanken bestehen, die einen aus der Gegenwart heraus in Vergangenheit oder Zukunft entführen. Es gibt wohl kein wirksameres Mittel gegen selbst verursachte sowie durch Fremdeinwirkung drohende Schäden als eine Präsenz, die einem bei allem was man tut, oder was einem widerfährt, spüren lässt, was es mit einem macht.
Hätte Prousts Vetter über ein hohes Gewahrsein verfügt, das es ihm ermöglicht hätte, jederzeit seinen körperlichen, geistigen und seelischen Zustand wahrzunehmen, dann hätte das Frühwarnsystem seines Gesamtsystems Alarm geschlagen, lange bevor es zu den fatalen Folgen für ihn gekommen wäre. Auch wenn es ihm an der notwendigen Präsenz mangelte, hätte er dennoch auch durch Hilfe von außen geheilt werden bzw. heil bleiben können; sei es, dass ihn jemand davon überzeugt hätte, sich mit seiner Magenkrankheit abzufinden, oder gemeinsam mit ihm den Code für eine störungsfreie Kommunikation mit dem Gesamtsystem geknackt kätte.
Die Schlussfolgerung aus Marcel Prousts Gedanken, der von außerordentlichem psychologischen Tiefsinn zeugt, könnte etwa lauten:
Überlege dir genau, bevor du massiv in dein eigenes System eingreifst, oder Eingriffe von außen zulässt, oder selbst aktiv auf ein fremdes organisches System Einfluss nimmst, welche Folgen dieses Eingreifen auf den Gesamtorganismus haben könnte.
Aus heutiger Sicht könnte man in dem Zitat das Wort "Menschen" auch durch "Organismen" ersetzen, denn die Botschaft gilt gleichermaßen für Zellen, Pflanzen, Tiere, Biotope und den ganzen Planeten.
Andreas Tenzer, Köln im August 2011 -
Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.
Khalil Gibran: Der Prophet, Zürich u. a.: Walther, 1998, S. 29
(Übersetzung (engl.): Fill each other\'s cup but don\'t drink from one cup. Aus: The Prophet, Khalil Gibran, Pan Books, 1993, S. 21)
ISBN: 3530100161
Info: Autor Thema ⇓- Becher (4)
- Fülle (12)
- Geben (26)
- Liebe - Lieben (251)
- Partner - Partnerschaft (110)
- Selbstliebe (15)
- Trinken (3)
-
Interpretation:
Gibran-Zitat-Interpretation Nr. 4 von 5
Alles, was in uns steckt, drängt nach Entfaltung. Vieles können wir allein aus dem Reich der Möglichkeit in die Wirklichkeit überführen. Jeder Mensch verfügt aber auch über ein schlummerndes Potenzial, das wachgeküsst werden möchte. Für Freundschaften, Partnerschaften und Ehen gilt gleichermaßen: Ihre Qualität hängt wesentlich davon ab, in welchem Maße es den Partnern gelingt, sich gegenseitig das Beste herauszukitzeln. Solche Beziehungen sind gekennzeichnet von einem stetigen Wachstum, das die Gegenwart anfüllt und mit Vorfreude in die Zukunft blicken lässt. Füllen Menschen einander den Becher, dann gehen sie aus Krisen gestärkt hervor und brauchen keine Angst vor dem gemeinsamen Altern zu haben. Wie liebevoll gelagerter Wein gewinnt ihre Beziehung mit den Jahren an Reife, Tiefe und Persönlichkeit.
Das Gegenteil ist der Fall bei Freunden oder Paaren, die aus einem Becher trinken. Sie gehen den Weg der künstlichen Angleichung und verlieren dabei ihre Persönlichkeit. Nur die Schnittmenge ihres Potenzials wird gelebt. So entsteht ein wachstumshemmendes, langweiliges Gebräu, und der Inhalt des Bechers schmeckt mit der Zeit immer bitterer und fader.
Einander den Becher füllen, bedeutet wechselseitige Erfüllung - aus einem Becher trinken, Verzicht auf individuelle Entfaltung.
Wolfgang Schmidt, Stuttgart im April 2007 -
Gebt auf die Heiligkeit, werft weg die Erkenntnis, und die Welt kommt in Ordnung!
Dschuang Dsi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland (Übersetzung von Richard Wilhelm), 1. Aufl. Köln: Anaconda, 2007, S. 130
(Buch XI,2 - Die Not der Zeit)
ISBN: 3866470835
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (8) -
Interpretation:
Dschuang Dsi-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Hier werden gleich zwei Werte, die vielen im Westen heilig sind, fundamental infrage gestellt. Dabei war der Taoist Dschuang Dsi alles andere als ein Fundamentalist. Im Gegenteil: Dieses Zitat ist eine klare Absage an jede Form des Fundamentalismus.
Aber auch die meisten östlichen Lehren tun sich schwer mit dem radikalen Verzicht der Taoisten auf Wissens- und Wertesysteme jeglicher Art. Was würde wohl Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, zu Dschuang Dsis provokanter Aufforderung sagen? Würfe er seine Heiligkeit weg, bliebe dann etwa nur ein profanes Lama übrig, das seine Erkenntnis in die Welt hinausspuckt? Ich persönlich würde diese Frage verneinen, zumal auch die Taoisten nicht ganz ohne Werte auskommen. Inhaltlich unterscheiden sich nämlich die Lehren des Buddhismus im Allgemeinen - und die des Dalai Lama im Besonderen - gar nicht so sehr von dem, was Taoisten wie Laotse und Dschuang Dsi unter einem taoorientierten Leben verstehen. Der Hauptunterschied ist auf dem ersten Blick zwar nur ein formaler, aber dennoch von fundamentaler Bedeutung.
Es geht prinzipiell um die Frage, ob das Tao - als universelles Schöpfungsprinzip, das alle wirkliche und mögliche Erkenntnis umfasst - selbst erkannt werden kann. Die Taoisten verneinen dies. Sie sagen, man könne das Tao zwar leben, jedoch niemals erkennen. Daraus ziehen sie die Schlussfolgerung, dass es für alle verbindliche Erkenntnisse und Werte nicht geben kann. Wer mit dem Anspruch der Heiligkeit auftritt, maßt sich ihrer Einschätzung nach an, als Einzelwesen die Weisheit des Tao in vollkommener Weise zu verkörpern. Dies sei aber nicht möglich, da das Tao weder heilig noch unheilig sei, sondern sowohl das Heilige als auch das Unheilige verkörpere, sowie das permanent sich im Fluss befindliche Spannungsfeld zwischen beiden Polen (im Taoismus als Yin und Yang bezeichnet).
Dschuang Dsis Aufforderung, Heiligkeit und Erkenntnis wegzuwerfen, ist der Appell, auf egozentrische Werte und Erkenntnisse zu verzichten und sich stattdessen der universellen Weisheit des Tao anzuvertrauen. Heilig und weise ist ein Mensch demnach nur, wenn er im Einklang mit dem Tao lebt und nicht der Versuchung erliegt, einen Teilaspekt des Tao auf seine Fahnen zu schreiben und diesen in Form einer allgemein verbindlichen Lehre für die ganze Wahrheit zu erklären.
Damit die Welt in Ordnung kommt, muss nach Dschuang Dsi also nichts getan, sondern etwas unterlassen werden (Wu wei). Wer darauf verzichtet, dem Tao seine subjektive Heiligkeit und Erkenntnis entgegenzustellen und sich ihm stattdessen freiwillig als Instrument zur Verfügung stellt - wie etwa die Geige dem Geiger - "tut" alles, was notwendig ist, um die Welt in Ordnung zu bringen. Wer dagegen die Welt nach seinen eigenen Prinzipien ordnen oder gar retten will, bringt nicht nur andere, sondern auch sich selbst in Gefahr:
«Unser Leben ist endlich; das Wissen ist unendlich. Mit dem Endlichen etwas Unendlichem nachzugehen, ist gefährlich. Darum bringt man sich nur in Gefahr, wenn man sein Selbst einsetzt, um die Erkenntnis zu erreichen.»
(Quellennachweis siehe Autor > Dschuang Dsi)
Andreas Tenzer, Köln im November 2007 -
Gerade die einfachsten, die klarsten Ideen, gerade die sind meist schwerer zu verstehen.
Fjodor M. Dostojewski: Der Jüngling, Sämtliche Werke in zehn Bänden, 1. Aufl. München: Piper, 2004, S. 125
ISBN: 3492022871
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (14) -
Interpretation:
Dostojewski-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Es gibt drei Hauptarten von Einfachheit. Die am weitesten verbreitete ist die dumme Einfachheit, auch Einfältigkeit genannt. Aus Mangel an Wissen, Differenzierungsvermögen und Urteilskraft neigen die Einfältigen zu verallgemeinernden Werturteilen nach dem Muster "Alle x sind y." wie etwa "Hartz IV-Empfänger sind faul". Ein weiteres typisches Merkmal der Einfalt sind einfache Patentrezepte für komplexe Zusammenhänge wie etwa "Ausländer raus, und das Problem der Arbeitslosigkeit ist gelöst".
Während die dumme Einfachheit auf Mangel an Wissen beruht, basiert die naive Einfachheit auf Intuition. Ob eine Intuition richtig oder falsch ist, hängt wesentlich davon ab, aus welcher Quelle sie gespeist wird. Steht man in Verbindung mit einer höheren Intelligenz, die als innere Stimme stets die optimale Lösung bereithält, oder geht man seinen eigenen fehlgeleiteten Obsessionen auf den Leim? Kinder haben oft eine verblüffend gute Intuition, solange sie noch mit sich im reinen sind. Wer sich dagegen im Zustand innerer Zerrissenheit befindet, kann sich auf seine Intuition nicht verlassen.
Die dritte Form der Einfachheit ist die eines weisen Menschen. Es handelt sich dabei um eine aus Beobachtung, Reflexion und Intuition entstandene kristallisierte Einfachheit. Sie resultiert daraus, dass die in ihrer Komplexität wahrgenommenen Zusammenhänge auf die einfachste denk- bzw. kommunizierbare Form zurückgeführt werden. Diese Einfachheit können nur diejenigen verstehen, die durch die Komplexität hindurchgegangen sind, das heißt, weder vor ihr stehen geblieben (wie die Dummen) noch in ihr stecken geblieben sind (wie die Gelehrten).
Da diese Form der Einfachheit eine Seltenheit ist, sind die einfachsten und klarsten Ideen für die gespaltene, unreflektierte Mehrheit schwer verständlich.
Andreas Tenzer, Köln im April 2007 -
Geschwätz ist jede Konversation mit einem, der nicht gelitten hat.
Emile Michel Cioran: Die verfehlte Schöpfung, 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, S. 105
ISBN: 3518370502
Info: Autor Thema ⇓- Geschwätz (7)
- Gespräch > Konversation (10)
- Kommunikation (28)
- Konversation > Gespräch (2)
- Leiden (69)
- Smalltalk (1)
-
Interpretation:
Cioran-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 2
Cioran spricht hier nicht von einer leidvollen Erfahrung, die am darauffolgenden Tag bereits wieder vergessen ist, denn in diesem Sinne hat schließlich jeder Mensch mehr als ein Mal gelitten. Gemeint ist ein Leid, das den Menschen in seinen Grundfesten erschüttert, ihn an den Rand der Verzweiflung bringt. Die meisten Menschen versuchen sich vor einem solchen existenzbedrohenden Leid zu verbarrikadieren, was dieses jedoch nicht daran hindert, immer wieder erneut anzuklopfen.
Die einzige Möglichkeit, dieses Leid nicht direkt einzulassen, besteht darin, es nicht fühlen zu wollen. So kann man es sich wenigstens eine Zeit lang vom Leibe halten. Der Preis dafür ist eine schleichende Verkümmerung des Gefühls, bis schließlich Freude und Leid nur noch innerhalb einer engen Bandbreite empfunden werden können. Deshalb weiß, wer nie existenziell gelitten hat, weder was Freude noch was Leid ist.
Wer dagegen die Höllenqualen eines herzzerreißenden Leids durchlebt hat, bleibt empfänglich für die gesamte Palette menschlicher Gefühle von der höchsten Ekstase bis zum qualvollsten Schmerz. Gelingt es ihm dann noch, beliebige Gefühlszustände mit Gleichmut hinzunehmen, das heißt in der Ekstase den Schmerz und im Schmerz die Ekstase mitzufühlen, was wäre dann für einen solchen Menschen die Konversation mit einem gefühlsgestutzten Gegenüber anderes als sinnloses Geschwätz?
Andreas Tenzer, Köln im Dezember 2006 -
Ich bin ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Johann Wolfgang von Goethe: Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 3, Dramatische Dichtungen I, Faust I, 11. Aufl. München: dtv, 1982, S. 47 (Studierzimmer, 1334-1336)
(Abweichend von der meist zitierten Fassung, steht im Originaltext: Faust. "Nun gut, wer bist du denn?" / Mephistopheles. "Ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.")
ISBN: 3423590386
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (10) -
Interpretation:
Goethe-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 2
Als Verkörperung des Teufels liegt es in der Natur des Mephisto, stets das Böse zu wollen. Wie ist es dann möglich, dass er dennoch «stets das Gute schafft»?
Dieses Zitat ist eines der vielen Belege dafür, dass Goethe dialektisch gedacht hat. Ein Jahr vor der Veröffentlichung des Faust I im Jahre 1808 war Hegels Phänomenologie des Geistes erschienen, das wohl bedeutendste dialektische Meisterwerk aller Zeiten. Goethe wird ein maßgeblicher Anteil an der Ernennung Hegels zum Professor für Philosophie zugeschrieben, so dass er dessen Phänomenologie gründlich studiert haben dürfte, noch bevor er den ersten Teil des Faust fertigstellte.
Hegels Phänomenologie war darauf angelegt zu zeigen, dass der dialektische Dreischritt von These > Antithese > Synthese nicht bloß ein logischer Begriff sei, sondern das universelle Prinzip, nach der die Weltgeschichte verläuft. Dieses Prinzip wirkt stets nach gleichem Muster:
Zunächst tritt eine neue Idee oder Lebensform in ihrer Unmittelbarkeit auf (These). Um wirklich zu werden, muss sie sich mit der bestehenden Wirklichkeit, die naturgemäß eine andere ist, auseinandersetzen (Antithese). Dabei bleibt ein Teil von ihr aufbewahrt (1. Aufhebung), ein Teil geht verloren (2. Aufhebung) und im Ringen miteinander werden beide Wirklichkeiten schließlich auf eine höhere Ebene gehoben (3. Aufhebung = Synthese). So bewegt sich die Geschichte von Fortschritt zu Fortschritt, wobei bei jedem neuen Fortschritt bereits sein Nachfolger in Lauerstellung liegt.
Diese einleitenden Worte waren notwendig, da sich das vorliegende Faust-Zitat nur dem dialektischen Denken erschließen kann.
Als Inkarnation des Bösen ist Mephisto bloß dessen manifestierter Teil. Er arbeitet im Auftrag der Urkraft des Bösen, die selbst nicht in Erscheinung tritt, jedoch alle Erscheinungen des Bösen inszeniert. In seiner Unmittelbarkeit ist das Böse zunächst nur eine Idee, das heißt, der reine böse Wille. Um wirklich werden zu können, muss es sich seinem Gegenteil in der Welt stellen. So kommt es zum Kampf zwischen Gut und Böse. Dadurch verhindert das Böse zwar die Existenz des Guten in seiner reinen Form, doch damit ist nicht wirklich etwas gewonnen. Im Gegenteil: In seiner reinen Form wäre das Gute nämlich - ebenso wie das Böse - eine bloße Idee ohne Wirklichkeit. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet dies: Das Böse ist der Nährboden des Guten. Ohne die Kraft der Negativität könnte nichts Gutes wachsen.
Dadurch dass das Böse dem Guten in der Welt entgegentritt, erreicht es also das Gegenteil dessen, was sein ursprünglicher Wille war. Es ermöglicht dem Guten überhaupt erst, in der Welt Fuß zu fassen. Aus der bloßen Idee des Guten wird das wirklich Gute somit durch die Intervention des Bösen. Das mag paradox klingen, ist aber nach dialektischem Verständnis vollkommen logisch. Mephisto verkörpert tatsächlich die Kraft, die – weil sie das Böse will – das Gute schafft.
Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine vielleicht noch verblüffendere Implikation. Es müsste nämlich auch der Umkehrschluss gelten:
Ich bin ein Teil von jener Kraft,
Die stets das Gute will und stets das Böse schafft.
Wer nicht gerade ein Mainstream-Denker ist, wird einräumen, dass das größte Unheil in der Menschheitsgeschichte von denen angerichtet wurde, die das absolut Gute auf ihre Fahnen geschrieben haben. Die gefährlichsten Verbrecher waren stets die, die davon überzeugt waren, das Gute zu verkörpern, besonders die, die glaubten, eine göttliche Mission zu erfüllen. Das Göttliche aber - und das ist eine weitere logische Konsequenz der Dialektik – muss jenseits von Gut und Böse sein. Denn wäre es nur ein Teil der allmächtigen Kraft, dann wäre es nicht das Allmächtige.
Andreas Tenzer, Köln im März 2012 -
Ist Liebe ein Gefühl? Ich glaube nein. Liebe ist eine Ekstase.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - II. Aus dem Nachlaß, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000, S. 1130
ISBN: 3499134632
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Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 8 von 14
Hier ist nicht die Rede von einer bestimmten Form der Liebe, wie etwa die Liebe zum Partner, zu seinen Kindern oder zur Natur. Solange die Liebe sich auf bestimmte Objekte richtet, bleibt sie relativ in dem Sinne, dass man bestimmte Gefühle für einen Menschen oder einen Gegenstand empfindet.
Die eigentliche Liebe aber, das heißt Liebe als Ekstase, existiert nur losgelöst von Subjekt-Objekt-Beziehungen. Damit ist nicht gemeint, dass die "unrelative", absolute Liebe als Ekstase sich nicht in Beziehungen offenbarte. Im Gegenteil: Diese Form der Liebe ist reine Beziehung ohne Bezugspunkte.
Das lateinische Wort exstasis (= Verzückung) ist von exstare abgeleitet, was herausstehen bedeutet. Die Verzückung der wahren Liebe erfährt nur, wer aus sich heraustritt, das heißt, seine subjektive Intentionalität mit all ihren Wünschen und Trieben übersteigt und sich in einen unbedingten Raum begibt, in dem Beziehungen frei von gegenseitigen Projektionen sind. Liebe als Ekstase haftet nicht; sie ist frei schwebend und kennt weder Du noch Ich.
Musil hatte allerdings Zweifel, ob diese reine Form der Liebe für irdische Wesen lebbar sei. Das folgende Zitat lässt vermuten, dass er sie eher als ein regulatives Prinzip verstand: "Man kann wahrscheinlich auf Erden nicht vollkommen lieben!" (Der Mann ohne Eigenschaften, a.a.O., S. 814)
Andreas Tenzer, Köln im November 2006 -
Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man.
Franz Kafka: Franz Kafka - Das Werk, 1. Aufl. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 2004, S. 919
(Aus: Heimkehr)
ISBN: 3861506424
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (9) -
Interpretation:
Kafka-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 2
Die Tür ist als Metapher für ein menschliches Grundbedürfnis zu verstehen, das darauf ausgerichtet ist, neue Räume zu betreten und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Wenn wir vor einer Tür stehen, haben wir drei Entscheidungsmöglichkeiten: Wir können entschlossen den Türgriff betätigen und den neuen Raum betreten. Ebenso resolut können wir uns gegen den Eintritt entscheiden und uns stattdessen neuen Türen zuwenden, hinter denen wir vielversprechendere Räume vermuten. Schließlich können wir gleichzeitig den Wunsch nach Eintritt verspüren, und einen Widerstand, der uns zweifeln lässt, ob die Befriedigung dieses Bedürfnisses für uns eine gute Entscheidung wäre.
Sind Wunsch und Widerstand in etwa gleich groß, dann befinden wir uns im Schwebezustand des Zögerns. Uns fehlt es gleichermaßen an Entschlusskraft, den Raum zu betreten, wie dem ins Visier genommenen Eingang den Rücken zu kehren. Um uns aus dieser Pattsituation zu befreien, werden wir innere Gedankenspiele zulassen, in denen das Für und Wider des Eintretens abgewogen wird. Ergibt sich daraus ein klarer Trend, werden wir entweder hinein- oder fortgehen.
Was aber, wenn im Prozess der Abwägung sich beide Impulskräfte als gleich stark erweisen? Dann besteht die Gefahr, dass das Hin- und Herüberlegen zu einem Dauerzustand ausartet, zu einer Falle, aus der es kein Entkommen gibt. Wir befinden uns in einem existenziellen Zustand des Zögerns, weil wir uns weder zu einem klaren Ja noch zu einem Nein durchringen können.
Als Außenstehender könnte man dem Unentschlossenen den Rat erteilen, sich doch einfach von der Tür abzuwenden und nach einer anderen Ausschau zu halten. Dieser Hinweis kann einem existenziell Zögernden jedoch deshalb nicht weiterhelfen, weil er bereits zu viel Lebenskraft in den Versuch investiert hat, an dieser Stelle zu einer Entscheidung zu kommen. Er hat alles auf eine Karte gesetzt und so eine Situation herbeigeführt, in der sich sein ganzes Schicksal entscheiden muss. Die mobilisierten konträren Gedankenkräfte haben eine Macht über ihn gewonnen, die die beiden Alternativen Fortschritt oder Rückzug nur noch als theoretische Überlegungen und nicht mehr als praktische Handlungsoptionen offen lässt.
Obwohl der Entscheidungsunfähige diese Macht durch sein lähmendes Denken selbst konstruiert hat, erscheint sie ihm nun als eine fremde Besatzungsmacht, der er ohnmächtig ausgeliefert ist. Er ist sich selbst fremd geworden, weil er die Herrschaft über sich selbst verloren hat. Er ist, wie Kafka an anderer Stelle formuliert, «dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt» und das «ist niemals gutzumachen».
Noch dramatischer als in dem hier interpretierten Aphorimus hat Kafka die lähmenden Folgen der Hyperreflexion in seiner Kurzgeschichte "Vor dem Gesetz" geschildert, in der der tragische Held am Ende erfährt, dass die Tür, vor der er sein ganzes Leben zögernd verbracht hatte, die einzige war, die ihm den Eintritt in das Reich seines Selbst hätte ermöglichen können.
Andreas Tenzer, Köln im März 2012 -
Jedes andere Gefühl als das grenzenlose ist wertlos.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 576
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (8) -
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 9 von 14
Viele Menschen erleben Gipfelerfahrungen, in denen momenthaft die Dualität von Sein und Bewusstsein aufgehoben ist, so als hätten sich für einen winzigen Augenblick die Himmelsschleusen geöffnet.
Wie Heroin kann eine einzige Erfahrung dieser Art süchtig machen. Bei den Schamanen spricht man von einer Schamanenkrankheit, wenn eine zwanghafte Veranlagung zu chronischer Liminalität gegeben ist, das heißt zu einer Haltung zum Leben, in der fast ausschließlich den grenzüberschreitenden Momenten Bedeutung beigemessen wird. Krankhaft ist eine solche Lebenseinstellung jedoch nur, wenn es dem chronischen Grenzgänger zwischen Diesseits und Jenseits nicht gelingt, seine mystischen Erfahrungen in das alltägliche Leben zu integrieren.
Bedenkt man, dass es zu Musils Zeiten noch keine transpersonale Psychologie gab, die bei der Integration eine wertvolle Hilfestellung hätte bieten können, ist es nicht verwunderlich, dass Musil sich zunehmend einsam gefühlt haben soll und sich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzog. Zu groß wurde für ihn die gefühlsmäßige und geistige Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Wirklichkeit. Wer wie Musil das grenzenlose Gefühl mystischer Gipfelerfahrungen (als bedingungslose Hingabe/Liebe) kennt, kann nachvollziehen, warum für ihn jedes andere Gefühl wertlos werden konnte.
Andreas Tenzer, Köln im März 2007 -
Man kann seiner eignen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 59
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (5) -
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 10 von 14
Robert Musil war seiner eigenen Zeit böse und hat dabei offensichtlich Schaden genommen. Seine Biografen berichten fast übereinstimmend, Musils Lebenswille habe in seiner zweiten Lebenshälfte deutlich abgenommen.
Der kristallklare Spiegel, den er wie kaum ein anderer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts auf subtile Weise seiner eigenen Zeit vors Gesicht hielt, hat bei ihm selber Lähmungserscheinungen ausgelöst, die aufzulösen sein eigentlicher literarischer Antrieb war. Das war der Preis, den er für sein konsequentes Nichtwegsehenwollen bezahlte.
Quantenphilosophisch und tiefenpsychologisch informiert wie inspiriert, ist er in Tiefenregionen des individuellen und gesellschaftlichen Daseins vorgedrungen, die ihn die drückende Last seiner Zeit ebenso schwer auf seinen Schultern spüren ließ wie das Drama seiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Hier sind Parallelen zu Franz Kafka unverkennbar. Anders als dieser hat Robert Musil jedoch der desillusionierenden kalten Wirklichkeit etwas entgegengestellt, was er den Möglichkeitssinn nannte, das heißt die Fähigkeit, hinter allem Realen das zu sehen, was ebensogut hätte Wirklichkeit werden können.
Für Musil war diese Sichtweise nie eine Flucht ins Irreale, sondern eine Überlebensstrategie in einer Zeit, die sich auf Gedeih und Verderb mit dem Tod verbündet hatte. Dabei hat er eine Perspektive eingenommen, die weit über seine Zeit hinausweist, quasi eine philosophia perennis im Zeitalter von Auschwitz und Quantenphysik.
Andreas Tenzer, Köln im Februar 2007 -
Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
von einem Herzen zum andern;
Doch wo es keine Mauer gibt,
wo soll dann eine Türe sein?
Rumi: Das Lied der Liebe, München: Knaur, 2005, S. 29
ISBN: 3426666987
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (22) -
Interpretation:
Rumi-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 2
Um eine Tür öffnen zu können, müsste diese die Verbindung zwischen einem äußeren Raum und einem Innenraum darstellen. Rumi bezieht sich hier auf die landläufige Vorstellung, dass sich die Türen zwischen den Herzen zweier Menschen öffnen, wenn sie sich lieben. Da Liebe aber die absolute Verbindung bedeutet und somit auch die Abwesenheit jeglicher Begrenzung, braucht die Liebe keine Öffnung. Sie ist nichts anderes als eben dieser Zustand des absoluten Offenseins.
Der Gedanke, man könne durch die Öffnung einer Tür eine liebevolle Verbindung zu einem Du herstellen, basiert also auf der falschen Vorstellung, dass es eine Mauer zwischen Ich und Du gibt, die durch das Öffnen von Türen durchlässig werden könnte. Wo es aber keine Mauern gibt, kann es naturgemäß auch keine Türen geben.
Rumi möchte mit seinen bildhaften Worten auf die Illusion hinweisen, der die meisten Menschen unterliegen, wenn sie zu lieben glauben. Wer sein Ego-Gemäuer einen Spalt breit öffnet, mag die dadurch erzielte Verbindung nach außen zwar als Befreiung empfinden, doch dieses begrenzte Sich-Öffnen hat wenig mit Liebe zu tun. Bestenfalls können sich die «Geliebten» in ihren Kammern gegenseitig besuchen, aber immer nur als zwei Seiten, die in ihrem Ich und Du verharren.
Liebe ist abgetrennten Räumen nicht überlebensfähig. Sie ist seit jeher der unbegrenzte Raum und die endlose Zeit, das heißt, sie ist der Zustand, in dem wir uns befinden, ehe wir raum-zeitliche Mauern errichten. Was ist aber, könnte man fragen, wenn ich einmal eine Mauer gebaut habe, bin ich dann für immer von der Liebe ausgesperrt, oder könnte ich die Mauer auch wieder niederreißen?
Letzteres würde keinen Sinn machen, da unsere Ego-Mauern kaum einen einzigen Atemzug überleben, denn mit jedem dualistischen Gedanken errichten wir sie neu. Liebe ist nichts anderes als der Verzicht auf den Mauerbau. Damit es weder Mauern noch Türen gibt, müssten wir unser egozentrisches Denken und Handeln aufgeben. An anderer Stelle weist Rumi unzweideutig auf diesen Zusammenhang hin:
Fragst du: «Was ist Liebe?», sage ich: «Den Eigenwillen aufzugeben.»
Rumi: Die Lehren des Rumi, München: dtv, 2006, S. 90
Andreas Tenzer, Köln im März 2012 -
Man will besitzen und wird besessen.
Andreas Tenzer: www.zitate-aphorismen.de
(Übersetzung (engl.): Wanting to possess you get possessed.)
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (21) -
Interpretation:
Tenzer-Zitat-Interpretation Nr. 4 von 4
Als ich dieses Zitat zum ersten Mal las, war die Weltfinanzkrise 2008 in aller Munde. Zunächst dachte ich, das Zitat sei ein Kommentar zu diesem Thema, doch dann wurde mir klar, dass es hier um eine fundamentale Daseinsweise menschlicher Existenz geht (angedeutet durch das unpersönliche "Man" am Anfang).
Der Gedanke ist gewiss nicht neu, doch mir gefällt die Prägnanz, mit der hier auf den Punkt gebracht wird, was die Menschheitsgeschichte wesentlich ausmacht. Man muss kein Skeptiker sein, um das so zu sehen. Es reicht völlig aus, von der Geschichte der Menschheit alles abzuziehen, was mit dem Besitzenwollen und der daraus resultierenden Besessenheit zusammenhängt. Was bliebe dann noch übrig?
Alliterationen sind oft konstruiert und künstlich. Hier erscheinen mir aber beide als natürlich, weil ich zu keinem einzelnen Wort eine sinnvolle Alternative sehe. "Will" steht für das, was der Mensch erreichen will und "wird" für das, was er tatsächlich erreichen wird. Und das ist das genaue Gegenteil dessen, was er beabsichtigt und sich gewünscht hat.
Die akausale Verknüpfung ("und") von Besitzenwollen und Besessenwerden erscheint mir konsequent, denn der Zusammenhang zwischen beiden ist den meisten Menschen offenbar nicht klar - sonst würden sie sich wahrscheinlich anders verhalten.
Die doppelte Bedeutung des Wortes "besessen" verleiht der Aussage eine zusätzliche Dimension: Das Streben nach Besitz macht das Subjekt zunächst zum Objekt des Besitzes, was eine dialektische Umkehrung des Besitzverhältnisses bedeutet. Da das Streben unausweichlich zum Gegenteil dessen führt, was man will, wird schließlich immer verbissener nach Besitz gejagt, was zwangsläufig zur Besessenheit führt. Opfer dieses fatalen Teufelskreises sind Mensch und Natur gleichermaßen.
Auch wenn die Aussage des Zitats zeitlos ist, so beschreibt es in meinen Augen doch im besonderen das Dilemma, in dem sich die Erde und seine Bewohner am Beginn des dritten Jahrtausends befinden.
Ferdinand G., Wien im Dezember 2008 -
Moral ist Zuordnung jedes Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand!
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 869
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (13) -
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 11 von 14
Die Basis jeder Moral ist die Annahme, dass verschiedene Lebenssituationen vergleichbar seien. Moralische Grundsätze haben insofern eine entlastende Funktion, als sie den Menschen, der sich nach ihnen richtet, von dem Zwang befreien, in jedem Augenblickszustand neu zu entscheiden, was zu tun ist. Stattdessen braucht der moralische Mensch seine Grundsätze einfach nur auf die Kategorie anzuwenden, in die er die jeweilige Situation eingeordnet hat.
Hier stellt Musil die entscheidende Frage: Sind verschiedene Lebenssituationen prinzipiell vergleichbar? Wenn ja, wäre die Entlastungsfunktion der Moral gerechtfertigt, andernfalls aber würde sie den Menschen daran hindern, eine der jeweiligen Lebenssituation angemessene Entscheidung zu treffen.
Robert Musil geht davon aus, dass jeder Augenblickszustand einzigartig ist und seine Zuordnung zu einem Dauerzustand somit «unmoralisch». Dazu schreibt er an anderer Stelle: «Der moralischste von allen Sätzen ist der: die Ausnahme bestätigt die Regel!» (a.a.O., S. 747). Häufig führt Musil Beispiele aus dem Rechtswesen als Belege für seine These an. Jedes Verbrechen sei einzigartig und unvergleichbar, während das Strafmaß in der Regel gleich sei oder sich in relativ engen Bandbreiten bewege. Urteile jeder Art, besonders aber richterliche, seien deshalb lediglich durch die praktische Unmöglichkeit zu begründen, eine einzigartige Augenblickssituation angemessen einzuschätzen.
Andreas Tenzer, Köln im März 2007 -
Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!
Hermann Hesse: Demian, Gesammelte Werke Bd. 5, 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987, S. 48
(Zweites Kapitel, Kain)
ISBN: 3518381008
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (19) -
Interpretation:
Hesse-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Ein Mensch nimmt die Welt um sich herum wahr, indem das Gehirn ein Bild von dieser Welt macht, und dieses Bild dann speichert. Neurologen haben diese Wahrnehmungsarbeit des Gehirns erforscht, und festgestellt, dass die Effizienz unserer Wahrnehmung dergestalt organisiert ist, dass z.B. die Information der visuellen Wahrnehmung durch einen hohen Anteil von schon gespeichertem Wissen aufgefüllt wird. So wie der Computer nicht mehr das ganze Bild neu aufbaut, sondern nur die Veränderung neu abruft, so füllt das Gehirn ein Teil des Bildes der Realität mit den Bildern der inneren Erwartung, also der schon gespeicherten Bildern. Ein sogenanntes "Update" wird selten realisiert.
Durch diese Bild-von-der-Realität-Wahrnehmung hat der Komplex "Psyche" die Möglichkeit, die Wahrnehmung der Realität zu manipulieren. Und die Psyche nutzt diese Möglichkeit, - vor allem hier in unserer westlichen Welt. Der Wunsch, wie die Realität sein sollte, wird dann zur Realität selbst. Diese Illusion ist manchmal so täuschend echt, dass Menschen ihre Illusion für die Realität halten. C.G. Jung hat diesen Komplex der Täuschung, des tun als ob, als Imago beschrieben. Das Imago als Abbild des Selbst.
"Wir lieben unsere Bilder, die wir uns von der Wirklichkeit machen, weit mehr als die Wirklichkeit selbst. Ja wir merken nicht einmal, dass sich unsere Vorstellungen zwischen uns und die Wirklichkeit geschoben haben und uns damit von der unmittelbaren Erfahrung der Wirklichkeit trennen. In aller Selbstverständlichkeit halten wir die Bilder, die unsere Gedanken entwerfen, die aus Erinnerungen, Wünschen, aus Angst oder Gier gespeist werden, für wahr." Hajo Banzaf, Tarot und der Lebensweg des Menschen, S. 142.
Die Fähigkeit des Menschen, durch die Wahrnehmung der Realität zunächst also ein Bild und somit eine Illusion zu gestalten, (die Bewegung weg vom „Selbst“ hin zum „Imago“ / Selbstbild ) hilft dabei, unerträgliche Situationen zu ertragen. Indem die Realität zum „Bild“ geworden ist, indem der Mensch anfängt, in der eigenen Illusion zu leben, kann er auf dem Weg von Realität zum Bild die Wahrnehmung so beeinflussen, dass Unerträgliches heraus gefiltert oder derart manipuliert wird, damit die „Seele“, oder „das Selbst“ nicht irreparabel Schaden nimmt. "Es ist nicht so schlimm...".
Geht der Mensch diesen Weg irgendwann vom manipulierten Selbstbild zum Selbst zurück, kommt er zunächst dieser Selbsttäuschung entgegen. Die Realisierung seiner Illusion der Wirklichkeit ist keine angenehme Erfahrung. Gleichwohl ist sie die Grundlage, um wirklichen Veränderungen Raum zu geben. Auch ist der Weg der Selbsterkenntnis ein Weg, der den Menschen mit all den Feldern wieder in Berührung bringt, die - im eigenen vergangenen oder im karma-bezogenen Leben - diese Notwendigkeit der Illusionierung in sich trägt. Diese unerträglichen und deshalb nicht integrierten Erfahrungen liegen nun auf diesem Weg nach Innen zum Selbst. Allein durch die Begegnung werden sie aus der Erstarrung geholt und können sich in den jetzigen Lebensentwurf integrieren.
Hierbei ist das größte Problem, dass der Mensch in seinem Inneren nicht weiß, dass durch die Zeit hindurch die vormals unerträglichen Erfahrungen nun - durch die Zeitkomponente - wohl integrierbar sind. Er erfährt diese unerträglichen Erfahrungen in der Zeitlosigkeit.
Wenn jedoch diese eingefrorenen inneren Elemente wieder beweglich werden, geben sie diese angestaute Energie frei. Und diese Erfahrung ist die innerste Erfahrung von Energie durch Trance.
Silvia Kahlau, http://www.energie-durch-trance.de/Texte2.htm, Januar 2011 -
Nie ist das, was man tut, entscheidend, sondern immer erst das, was man danach tut!
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 735
(Übersetzung (engl.): Never is decisive what you do, but only what you do after that!)
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓- Entscheidung - Entscheidendes (14)
- Ethik > Handeln (20)
- Handeln > Tun (118)
- Moral (44)
- Orientierung (89)
- Tat - Täter (23)
-
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 12 von 14
Ein Sohn verlässt seinen Vater, dann kehrt der verlorene Sohn zurück. Nicht der Weggang ist das Entscheidende, sondern die Wiederkehr.
Ein Mensch liebt einen anderen, dann tritt er ihn mit Füßen. Nicht die Liebe ist entscheidend, sondern der Fußtritt.
Würde jemand versuchen, eine Überschrift für die Bergpredigt zu finden, könnte er sie treffender formulieren, als Musil in jenem prägnanten Satz? Wer Musils Aussage verinnerlicht, den befreit sie mit einem Schlag von allem, was er bisher getan hat. Der Preis dieser Befreiung ist die volle Verantwortung für das, was man danach tut.
Denkt man den Satz konsequent zu Ende, dann kommt unserer letzten Tat, unserem finalen Blick auf die Welt, die wir im Augenblick unseres Todes verlassen, eine entscheidende Bedeutung zu: Scheiden wir in Hass, Gleichgültigkeit, Liebe?
Wer daran glaubt, dass es auch im Tod noch ein "Danach" gibt, für den hat die Geschichte hier noch kein Ende. In aller Ewigkeit wird entscheidend bleiben, was wir danach tun, das heißt: JETZT!
Andreas Tenzer, Köln im Dezember 2006 -
Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, daß sie sie in ein System sperren.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 253
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (6) -
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 13 von 14
In der Tat haben die Philosophen nach Sokrates die Idee einer Welt in ständigem Wandel (Heraklit) recht gewaltsam verdrängt, und die modernen Wissenschaftler haben viel von dem dann entstandenen und auch von Christen übernommenen idealisierenden Weltbild - ihren Idealismus-Glauben - übernommen und bis heute in die Form universalistischer Naturgesetze gesperrt.
Alfred aus Bern (CH), Juli 2007 -
Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.
Franz Kafka: Er, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1968, S. 202
(Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg)
ISBN: B0000BRUGW
Info: Autor Thema ⇓- Glauben (88)
- Glück (100)
- Streben (26)
- Tao (65)
- Theorie (9)
- Urvertrauen (12)
- Vollkommenheit (20)
- Wu wei (Nichthandeln) (71)
-
Interpretation:
Siehe Interpretation zum Kafka-Zitat:
Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet? -
Täglich sehen wir die Zahl der Wörter weiter ansteigen, die ihr Gegenteil bedeuten.
Nicolás Gómez Dávila: Scholien zu einem inbegriffenen Text, Wien: Karolinger, 2006, S. 408
ISBN: 3854181175
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (8) -
Interpretation:
Dávila-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Stimmt. Das ist das orwellsche Neusprech mit Doppeldenk und Gedankenverbrechen, das die Wahrnehmung und den Ausdruck der Bevölkerung so verengen soll, dass sie gar nicht auf die Idee kommen können, sich gegen die Machthaber zu erheben. Das bekannteste Beispiel ist:
Krieg ist Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Ignoranz ist Stärke
Heute, in 2010, ist dieser Prozess schon so weit fortgeschritten, dass ein kriegsführender Präsident der USA den Friedensnobelpreis bekommt und die Vergangenheit als Glaubenssatz festgeschrieben ist. Wer das in Frage stellt, ist ein Gedankenverbrecher. Auch sollen große Teile der Bevölkerung für einen Hungerlohn arbeiten und die Ignoranz wird stündlich von den Medien vergrößert und tatsächlich als Stärke begriffen, als vernünftig und rational. Oder wie Nicolas Gomez Davila selber sagt:
Der aufklärerische Rationalismus sei keinesfalls „Ausübung der Vernunft“, sondern vielmehr „Ergebnis bestimmter philosophischer Unterstellungen, die den Anspruch erhoben“ hätten, „mit der Vernunft in eins gesetzt zu werden"... (Wikipedia)
Balbina Laye im Juni 2010 -
Unser Leben ist endlich; das Wissen ist unendlich. Mit dem Endlichen etwas Unendlichem nachzugehen, ist gefährlich. Darum bringt man sich nur in Gefahr, wenn man sein Selbst einsetzt, um die Erkenntnis zu erreichen.
Dschuang Dsi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland (Übersetzung von Richard Wilhelm), 1. Aufl. Köln: Anaconda, 2007, S. 64
(Buch III,1 - Stilles Bescheiden)
ISBN: 3866470835
Info: Autor Thema ⇓- Endlichkeit (6)
- Erkenntnis > Selbsterkenntnis > Kennen (86)
- Erreichen - Erlangen (49)
- Gefahr (35)
- Ich (34)
- Leben (253)
- Selbst > Wahres Selbst (64)
- Tao (65)
- Unendlich - Unendlichkeit (24)
- Wissen (79)
-
Interpretation:
Siehe Interpretation zum Zitat von Dschuang Dsi:
«Gebt auf die Heiligkeit, werft weg die Erkenntnis, und die Welt kommt in Ordnung!» -
Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft.
Friedrich Nietzsche: Werke IV - Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre, 6. Aufl. Frankfurt/M u. a.: Ullstein, 1969, S. 393
ISBN: 354803229X
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (11) -
Interpretation:
Nietzsche-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 3
"Ich meine es doch nur gut mit dir!" Wer hat diesen Spruch nicht schon mal gehört? Dahinter steckt ein psychologischer Imperialismus, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass man selber besser als der andere weiß, was gut für ihn ist. In Kombination mit "guten" Ratschlägen und einer scheinbar altruistischen Hilfsbereitschaft ist dieser Spruch für jedes ratgeschlagene und verholfene Opfer entwaffnend.
Der missionarisch Gutmütige bietet kaum Angriffsfläche, da er es offenbar immer gut meint. Hat er die imperiale Grundmotivation seiner Gutmütigkeit erfolgreich verdrängt, ist er besonders gefährlich, weil er von seiner Güte vollkommen überzeugt ist. Da in diesem Fall ein Kampf gegen die Invasion der Güte mangels Angriffsfläche als wenig aussichtsreich erscheint, bleiben dem mit imperialer Güte bombardierten Opfer in der Regel nur zwei Alternativen: Kapitulation vor dem "guten" Imperator durch Unterwerfung unter seinen guten Willen - oder Flucht vor dem übermächtig freundlichen Feind.
Für Nietzsche kam weder Kapitulation noch Flucht vor dem Feind infrage. So blieb ihm nur der scheinbar aussichtslose Kampf. Vier Jahre war er alt, als sein Vater starb. Von da an wurde er erzogen von seiner Mutter, zwei unverheirateten Tanten, einem Kindermädchen und seiner Großmutter. Als Reaktion auf die mit überfürsorglicher Gutmütigkeit bewaffnete weibliche Armada erklärte Nietzsche nicht nur der familiären Gutmütigkeit den Krieg, sondern allen Weltanschauungen und Mächten, die auf dem Prinzip Güte aufgebaut sind.
Dass Nietzsche im Christentum seinen Hauptfeind entdeckte, war naheliegend. Im Kampf gegen seinen heimischen Weiberclan hatte er einen detektivischen Spürsinn entwickelt für alle schwachen Menschen und Institutionen, die ihre eigene Stärke aus der Schwächung anderer beziehen. Der Hauptvorwurf gegen das nach Nietzsches Überzeugung dekadente Christentum bestand darin, dass es mit missionarischem Eifer den Menschen einen fremden Willen einimpfen will, um ihren eigenen Willen zur Macht und zur freien Entfaltung zu betäuben.
Wer die paralysierenden Injektionen bereitwillig über sich ergehen lässt, dessen Muskeln erschlaffen ebenso wie sein Geist. Er mutiert zum willfährigen Sklaven einer Herdenmoral, die am geistigen Fließband schwache Schafsnaturen erzeugt.
Als gebranntes Kind war Nietzsche der Blick für eine Gutmütigkeit der Stärke zunächst verstellt. Erst in der Gestalt des Übermenschen im Zarathustra finden sich Hinweise darauf, dass er genau diese Form der Gutmütigkeit gesucht hat: den freien, willensstarken Menschen, dessen Vater nicht im Himmel wohnt, sondern auf Erden; ein Mensch, der keinen Gott mehr braucht, weil er sein eigener Vater ist. Nietzsches Übermensch ist immun gegen alle Injektionen der imperialen Schwäche.
Der Preis, den er für die Befreiung von einer als Gutmütigkeit getarnten falschen Liebe bezahlen muss, ist ein Leben, das im wesentlichen aus Kampf besteht. Der Lohn dieser Befreiung besteht in der Möglichkeit, in sich und in der Welt eine Gutmütigkeit zu entdecken, die frei ist von jeglicher Instrumentalisierung, das heißt die seltene Form der übermenschlich mächtigen, unsterblichen Liebe, in der Eigenwille und Schöpfungswille eine unzertrennliche Einheit bilden.
Andreas Tenzer, Köln im September 2007 -
Wahrheit ist, was anderen Wesen hilft.
Und so ist Falschheit das, was nicht hilfreich ist.
Nagarjuna: Nagarjunas Juwelenkette, Jeffrey Hopkins (Hrsg.), 1. Aufl. Kreuzlingen/München: Hugendubel, 2006, S. 179 (Nr. 135)
ISBN: 3720527549
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Interpretation:
Nagarjuna-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Hilft Wahrheit wirklich anderen Wesen? Kann wirklich von einer Hilfe der Wahrheit gegenüber anderen Wesen ausgegangen werden? Wenn etwas etwas anderem hilft, dann ist da eine Trennung zwischen etwas und etwas anderem. Solange der Mensch von Wahrheit getrennt ist, erscheint ihm die Wahrheit vielleicht erstrebenswert und er hofft, dass die Wahrheit ihm helfen könnte ein gutes, wahres, schönes Leben zu führen. Ist der Mensch aber von Wahrheit getrennt, wenn er Wahrheit gewahrt? Ist da nicht einfach Wahrheit ohne Trennung? Ist es nicht ein Ausdruck von Wahrheit, dass es keine Trennung aufweist und nicht geteilt ist, sondern ungeteilt, ganz, rein, vollständig und vollkommen? Und wenn der menschliche Geist von Wahrheit getrennt ist, wie kann er erkennen, dass sie hilfreich sein soll? Ist dies dann nicht der Ausdruck seiner bloßen Hoffnung und Erwartung?
Der Mensch, solange er leidet, erhofft sich Hilfe. Doch der Mensch der Wahrheit erhofft nicht mehr Hilfe von etwas anderem als ihm selbst in geistig-seelischen Dingen. Bedeutet der Wahrheit gewahr zu sein, nicht, dass der Mensch nicht mehr zukunftsbezogen hofft, sondern in der Gegenwart lebt und liebt und daher nicht auf geistig-seelische Hilfe wartet, weil er keiner Hilfe bedarf in geistig-seelischen Dingen? Wahrheit bedeutet doch, dass der Mensch, der Wahrheit gewahr ist, geistig-seelisch für sich selbst steht und stehen kann, er frei ist von inneren Stützen, frei ist von Dogmen und bloßen Glaubenssätzen, frei ist von der Meinung anderer, weil er unabhängig zu denken, zu fühlen und zu handeln versteht und daher frei ist zu leben und zu lieben.
Vor allem: Wie sollte der Mensch wissen, was Wahrheit ist? Und wie sollte er Falschheit erkennen? Und wie die Falschheit von der Wahrheit unterscheiden und umgekehrt? Wie kann er wissen und erkennen, dass etwas, das ihm erscheint, Wahrheit ist oder Falschheit? Wie sollte er dies unterscheiden können, solange er von Wahrheit getrennt ist und leidet? Und wie sollte er die Falschheit erkennen, die ihm vielleicht begegnet, wenn er getrennt von Wahrheit ist und noch Hilfe von Wahrheit erhofft und er daher in Gefahr steht selbst falsch zu sein, selbst in Falschheit zu leben? Die meisten Menschen wissen doch gar nicht was Wahrheit ist, weil sie leiden und die Welt entzünden, wie sollten sie unterscheiden können ob das Eine hilft und das andere nicht? Was heißt Hilfe? Für wen und wozu?
Wenn aber Wahrheit und Falschheit nicht wirklich erkannt sind, weil von dem Einen noch Hilfe erhofft und erwartet wird und das Andere verworfen werden würde, wie sollte da davon ausgegangen werden, dass die Eine hilfreich und die Andere nicht hilfreich ist? Nur wer denkt, Wahrheit sei erstrebenswert und von der Wahrheit getrennt ist, wer Wahrheit als bloße Idee sieht und nicht als wirklich lebendig verwirklicht sieht, erhofft sich Hilfe von dem, was er Wahrheit nennt, er erhofft sich Hilfe von Ideen, Sätzen, Glauben, Ideen und Dogmen aller Art. Doch er ist getrennt von Wahrheit, wie will er also wissen, dass Wahrheit hilft und Falschheit nicht?
Helfen heißt unterstützen. Wer innerlich, geistig-seelisch frei ist, bedarf keiner innerlichen, geistig-seelischen Unterstützung, denn er ist frei, steht frei für sich selbst. Und wer innerlich, geistig-seelisch frei ist gewahrt die Wahrheit nicht als Hilfe, doch auch nicht als Hindernis. Wahrheit erscheint nur dem als eine Hilfe und Unterstützung, der von der Wahrheit getrennt ist, weil er von der Wahrheit noch Hilfe und Unterstützung erwartet und erhofft. So ist seine Erwartung und Hoffnung das, was ihm ein Bild der Wahrheit und Falschheit gibt, er ist in einem Bild der Wahrheit und Falschheit gefangen, und das Bild der Wahrheit ist selbst Falschheit. Und da er gefangen ist, ist er nicht frei und erhofft und erwartet Hilfe.
Wahrheit hilft nicht, aber Wahrheit ist auch kein Hindernis. Und Falschheit kann nur dem nicht helfen, der bereits glaubt zu wissen was Wahrheit und Falschheit ist, er befindet sich vielmehr in der Dualität von wahr-falsch und damit selbst in einer Art Falschheit. Wenn der Mensch versteht zu leben und zu lernen, kann er auch von Falschheit lernen, nicht indem er sich von Falschheit belehren lässt, sondern indem er in Wahrheit gegründet das Wahre im Falschen erkennt und er keine Trennung einführt, sondern dem Wahren im Falschen mit Liebe und Mitgefühl begegnet.
Wieso sollte Wahrheit anderen Wesen helfen, wenn Wahrheit nicht unterscheidet und nicht getrennt ist in „Ich“ und „Andere“? Und wieso sollte Falschheit nicht wirklich hilfreich sein, wenn (ohne pessimistisch zu sein) die Falschheit der Menschen doch eine Wahrheit über die Welt ist?
Thomas Fürniß im November 2010 -
Wann verstehst du einen Menschen? Du mußt ihn mitmachen [...]. Du mußt sein wie er: aber nicht du in ihn hinein, sondern er in dich hinaus!
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 713
ISBN: 3499134624
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (11) -
Interpretation:
Musil-Zitat-Interpretation Nr. 14 von 14
Unter Verstehen versteht der gewöhnliche Mensch - ebenso wie der konventionelle Wissenschaftler - die Einordnung äußerer Erscheinungen in das kategoriale System des eigenen Wissens. Wer so vorgeht, macht sich alles Äußere zu eigen und entfremdet auf diese Weise die Objekte seines Verstehens von dem, was sie eigentlich sind.
Um jemanden wirklich zu verstehen, muss man ihm den Raum geben, in den hinein er sich selbst verstehen kann. Ein solches Verstehen ist das Gegenteil eines zergliedernden Analysierens: Es ist das stille, durch achtsame Anteilnahme formende Beobachten des Prozesses, in dem der andere sich auf heilsame Weise zu einem Ganzen zusammensetzt.
Einfühlungsvermögen bedeutet also nicht, sich in den anderen hineinfühlen, sondern den anderen in sich zu fühlen. Statt eines wissenden Belehrens ist diese Art des Verstehens liebendes Entflammen. So ist es kein Zufall, dass wir uns dann am besten verstanden fühlen, wenn uns jemand auf präsente Weise zuhört.
Andreas Tenzer, Köln im November 2006 -
Wem ich vertraue, dessen Gewißheit seiner selbst, ist mir die Gewißheit meiner selbst.
G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M, u. a.: Ullstein, 1970, S. 308
ISBN: 3518282034
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (8) -
Interpretation:
Hegel-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Wem kann der Mensch vertrauen? Und was ist Vertrauen? - Wer sieht und empfindet was Vertrauen ist, vertraut sich selbst am meisten und er vertraut sich selbst unbedingt. Ist nicht Vertrauen, das in andere gelegt wird, Vertrauen, das immer enttäuscht werden kann, früher oder später? Gibt es daher überhaupt eine Gewissheit, die sich im anderen findet? Gewissheit, die ein anderer Ausdruck für Vertrauen sein kann, kann der Mensch im Grunde nur in sich selbst, bei sich selbst, als er selbst, "finden". Wenn der Mensch aber Vertrauen und damit Gewissheit seiner selbst "gefunden" hat, was ist dann, was bedeutet dies dann? Was bedeutet es, sich selbst wirklich zu vertrauen und daher in einer Gewissheit zu leben, die nicht festhaltende Sicherheit ist, sondern ein Leben in Vertrauen von Augenblick zu Augenblick, ein Selbstvertrauen, ein Sich-selbst-ins-Leben-trauen?
Der Mensch, der in Gewissheit und Vertrauen lebt, ist nicht vom anderen getrennt, sieht sich nicht vom anderen verschieden, er trennt sich nicht vom anderen, er ist Eins mit allem und allen. Daher ist ein Vertrauen sich selbst gegenüber mit einer Gewissheit verbunden, die sich nicht trennt, was bedeutet, dass die angenommene Gewissheit eines anderen, der eigenen Gewissheit entspricht, sie trennen sich nicht, es ist nicht Widerstand, nicht Hindernis, nicht Abstand da, sondern Berührung in Vertrauen als Eines.
Der Mensch kann nur sich selbst vertrauen, ohne enttäuscht zu werden, weil dieses Vertrauen Gewissheit ist. Wenn er in diesem Vertrauen nicht von anderen verschieden ist, kann er auch anderen vertrauen, ohne von ihnen schmerzlich enttäuscht zu werden oder auf ihr Vertrauen angewiesen zu sein (er ist geistig-seelisch unabhängig). Was sollte enttäuscht werden können, das nicht Erwartung ist, von der gefordert wird, dass sie der andere erfüllt? (Wer fordert ist nicht unabhängig, sondern angewiesen auf andere.) Wo nicht Erwartung ist, kann nicht enttäuscht werden, daher bedeutet Vertrauen und Selbstvertrauen, ohne Erwartung zu sein (sowohl mit sich selbst als auch mit anderen).
Vertrauen kann nur Vertrauen vertrauen, Misstrauen kann nicht vertrauen. Und dem Misstrauen kann der sich selbst vertrauende Mensch nicht Vertrauen schenken (es kommt nicht beim Misstrauen an), weil Misstrauen Vertrauen nicht achtet und nicht verstehen kann, nicht sehen kann und nicht spüren kann, weil Misstrauen Unsicherheit ist und damit die Abwesenheit von Gewissheit, Misstrauen kann das Geschenk des Vertrauens nicht annehmen, weil Misstrauen dem Vertrauen misstraut, Misstrauen kann mit Vertrauen nichts anfangen. Misstrauen ist einfach Misstrauen, das von Vertrauen getrennt ist und damit von Gewissheit. Daher ist nur in Gewissheit (von Augenblick zu Augenblick) Vertrauen möglich, und nur wer sich selbst gewiss ist, kann das vorhandene Gewisssein des anderen spüren, sehen, achten und würdigen.
Wem "Ich" also vertraue, das bin "Ich" selbst, und die Gewissheit "meiner selbst" findet sich in der Gewissheit eines anderen (so sie vorhanden ist), und dann ist niemand vom anderen getrennt, dann ist Berührung in Vertrauen die Freude im friedlichen Austausch mit der Welt. - Dies ist zu erleben, dies ist zu beobachten, dies ist keine Theorie, dies ist gelebte Wirklichkeit.
Thomas Fürniß im August 2010 -
Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr,
Sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
Auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.
Khalil Gibran: Der Prophet, Zürich u. a.: Walther, 1998, S. 24
(Übersetzung englisch: When love beckons to you, foolow him,/ Though his ways are hard and steep./ And when his wings enfold you yield to him,/ Though the sword hidden among his pinions may wound you. Aus: The Prophet, Khalil Gibran, Pan Books, 1993, S. 12)
ISBN: 3530100161
Info: Autor Thema ⇓- Folgen (Weg) (20)
- Hülle - Enthüllung (6)
- Liebe - Lieben (251)
- Orientierung (89)
- Partner - Partnerschaft (110)
- Schwert (4)
- Verstecken (7)
- Wink - Winken (2)
-
Interpretation:
Gibran-Zitat-Interpretation Nr. 5 von 5
Wenn die Liebe dir winkt, hast du nicht einmal einen Atemzug Zeit, dich ihr hinzugeben, oder deine Seele vor ihr zu verkapseln. In "Gebrochene Flügel" beschreibt Khalil Gibran die Liebe als "Tochter des geistigen Einverständnisses", das entweder augenblicklich entsteht oder niemals.
Wenn die Liebe dir winkt, lässt sie deinem Kopf keine Zeit, um die Vorteile der Hingabe oder Abweisung abzuwägen. Die Entscheidung fällt intuitiv und das Ergebnis hängt allein davon ab, was von beiden stärker ist: deine unbewusste Angst vor ihr oder deine unbewusste Sehnsucht nach ihr. Intuitiv weißt du, dass die Liebe dir das Tor zum Himmel öffnen wird, aber auch, dass sie dich auf eine harte Probe stellt, wenn du ihrem schweren, steilen Weg folgst.
Wenn die Liebe dich für würdig hält, sagt Gibran in "Der Prophet", dann lenkt sie deinen Lauf. Du kannst sie rufen, doch es liegt nicht in deiner Macht, von ihr ausgewählt zu werden. Und wenn sie dich auswählt, liegt es auch nicht in deiner Macht, dich ihr hinzugeben oder dich ihr zu verweigern. Welchen Sinn könnte dann die Ermunterung machen, dich ihr hinzugeben, "wenn ihre Flügel dich umhüllen"? Vielleicht möchte Khalil Gibran darauf hinweisen, dass die Entscheidung, ob du lieben wirst oder nicht, bereits gefallen ist, ehe sie dir winkt. Im Augenblick des Winkens bist du entweder für sie bereit oder nicht.
Was bedeutet es, bereit zu sein? Es bedeutet, dass du eine Ahnung davon hast, worauf du dich einlässt, wenn du dich ganz hingibst. Das unterm Gefieder versteckte Schwert der Liebe verlangt deine völlige Hingabe. Und dieses Schwert, das die Stricke durchtrennen kann, die dich vom Himmel trennen, droht gleichzeitig damit, dir den Kopf abzuschlagen oder dich zumindest so schwer zu verwunden, dass du durch die Hölle gehst. Um dich in der Hingabe ganz zu gewinnen, müsstest du bereit sein, dich ganz zu verlieren. Die Liebe müsste dir mehr bedeuten als dein Leben, denn wenn du dich auf ihren Wink eingelassen hast, gibt es kein Zurück mehr.
Bist du bereit, deinen Tod in Kauf zu nehmen, dann wird die Liebe dir im Leben und im Tod die Treue halten. Denn Liebe ist Ewigkeit, die Leben und Tod in sich vereint. Wenn sie dir winkt, mag es sein, dass sie in dir die Hingabe zu einem geliebten Menschen weckt. Doch nur wenn es euch gelingt, eure Liebe alles durchströmen zu lassen, was lebt, ergeben eure Worte "Ich liebe dich!" einen Sinn. Und wenn ihr das nicht könnt, dann sagt lieber "Ich begehre dich!", denn das Schwert der Liebe wird euch verwunden oder töten, wenn ihr sie nicht als das annehmen könnt, was sie ist: grenzenlose Hingabe.
Nichts erfordert mehr Mut von dir, als dich den Flügeln der Liebe hinzugeben, wenn sie dich umhüllen. Denn ehe sie dir Flügel verleiht, verlangt ihr Schwert von dir, alles loszulassen, woran du hängst. Wie Abraham einst seinen Sohn Isaak auf dem Altar zu opfern bereit war, musst du der Liebe alles anvertrauen, was dir lieb ist. Sie wird dir nichts wegnehmen, sondern alles geben, was du als ewiges Wesen brauchst. Deshalb schrecke nicht zurück vor dem hohen Preis, den dir die Liebe abverlangt und sei dir bewusst: Was sie dir schenkt, ist das Höchste, dem du auf Erden begegnen kannst.
Andreas Tenzer, Köln im März 2012 -
Wer nicht den Willen Gottes kennt, der kann kein Edler sein.
Konfuzius: Gespräche Lunyü, Wiesbaden: Marix, 2005, S. 274 (XX,3)
ISBN: 3865390080
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (14) -
Interpretation:
Konfuzius-Zitat-Interpretation Nr. 1 von 1
Konfuzius kannte in diesem Sinne keinen "Gott".
Diese Formulierung findet sich allerdings immer wieder in der Übersetzung Richard Wilhelms (ein Theologe), der Konfuzius gerne diese westliche / christliche Sichtweise überstülpte.
Wörtlich übersetzt müsste es heißen "Himmel", womit eher die Naturgesetze oder so etwas wie Schicksal gemeint ist als Gott.
Mann kann sich den "Himmel" bei Konfuzius ähnlich wie das "Tao" / "Dao" im Taoismus vorstellen: Es ist das Prinzip höchster Harmonie und Vollkommenheit, aber kein eigentliches Wesen, wie man es sich unter dem Begriff "Gott" vorstellen würde.
Dennis Rothfuchs im Juli 2008 -
Wer rudert, sieht den Grund nicht.
Wilhelm Busch: In: Spruchweisheiten & Gedichte, Leonberg: Garant, 2007, S. 15
(Aus: Ernstes und Heiteres)
ISBN: 3867662002
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (14) -
Interpretation:
Busch-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 2
Ob in einem stillen Gewässer, ob mit dem Strom oder gegen ihn: Der Ruderer setzt die Kraft seiner Arme ein, um sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Sein Blick ist horizontal ausgerichtet. Er steuert sein Boot an der Oberfläche des Elementes, das ihn trägt und dessen Tiefe ihn nur insoweit interessiert, wie sie ihm sein Vorankommen ermöglicht.
Der Ruderer kennt seine vordergründigen Beweggründe: Er will seine Muskeln stählen, seine Kondition verbessern, seine Kräfte messen, einen Preis gewinnen oder sich einfach nur in freier Natur bewegen. Der Grund, auf dem er sich bewegt, wird ihm einerseits durch sein Boot verstellt, andererseits durch die zielgerichtete Konzentration, die seine Aktivität begleitet. Jede Blickverengung wirkt punktuell leistungssteigernd. Aber wie beim Mikroskop wird auch jede Zunahme der Vergrößerungskraft mit einer Verkleinerung des Blickfeldes bezahlt.
Den Vergrößerungsapparaten - als Instrumente der Konzentration - verdanken wir ganz wesentlich den Fortschritt in Wissenschaft und Technik der letzten Jahrhunderte. Die damit verbundene Ausweitung von Konsummöglichkeiten haben wir uns jedoch mit einer Verstellung des Blicks für das Ganze, das heißt mit Sinnverlust, erkauft. Bereits vor mehr als zweieinhalb Tausend Jahren hat der Taoist Laotse vor den Konsequenzen einer rein immanenten Geschäftigkeit gewarnt, die die jeder Handlung innewohnende transzendente Dimension ignoriert.
Die Hauptströmungen der östlichen Philosophie, allen voran Taoismus, Buddhismus und Hinduismus, haben daraus jedoch nicht den falschen Schluss gezogen, dass der Mensch sich vom aktiven Leben gänzlich fernhalten solle. Der Ruderer braucht seine Paddel nicht abzugeben, wenn es ihm gelingt, bei seiner Tätigkeit weder den Grund des Gewässers, auf dem er sich bewegt, aus den Augen zu verlieren, noch den existenziellen Grund seines Daseins. Dem fest im Urgrund des Ganzen verankerten flexiblen Ruderer gelingt das Kunststück, gleichzeitig zu rudern und nicht zu rudern. Diese dem westlichen Denken paradox anmutende Betrachtungsweise wird im Taoismus als Wu wei bezeichnet und bedeutet Einsicht in die Tatsache, dass das absolute "Subjekt" allen Handelns das Tao ist - als Gesamtheit aller Möglichkeiten und Wirklichkeiten.
Andreas Tenzer, Köln im März 2008 -
Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet?
Franz Kafka: Er, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1968, S. 197
(Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg)
ISBN: B0000BRUGW
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (11) -
Interpretation:
Kafka-Zitat-Interpretation Nr. 2 von 2
Was bedeutet kafkaesk ? Eine kafkaeske Situation beschreibt letztlich immer die gleichzeitige Unmöglichkeit, in die Welt und aus der Welt zu fliehen. Es handelt sich um einen Schwebezustand, in dem beide Möglichkeiten theoretisch realisierbar erscheinen, jedoch praktisch unmöglich sind. Bei Kafka zeigt sich diese absurde Pattsituation zwischen zwei in entgegengesetzte Richtungen fliehenden Kräften am klarsten in Bezug auf sein Verhältnis zu Frauen.
Wie wir aus zahlreichen Briefen an seine Geliebten wissen, hat er sich zwei Jahrzehnte lang nach dem Ehebett gesehnt und ist immer wieder davor zurückgeschreckt, sich auf eine feste Bindung im bürgerlichen Sinne einzulassen. Die Flucht in die Welt war für Kafka eine permanente, latente, reale und gleichzeitig unrealisierbare Option.
Psychologen und Germanisten haben Kafka einen Ödipuskomplex unterstellt, wofür das Verhältnis des Schriftstellers zu seinen Eltern, insbesondere zum Vater, hinreichend Argumente liefert. Diese Deutung scheint mir jedoch zu einfach, da sie die existenzialistische und metaphysische Dimension, die Kafkas Leben und Werk prägten, außer Acht lässt. Franz Kafka war ein Sisyphus, der sich bewusst weigerte, den Stein zu Berge zu tragen, ohne im Tal seine Ruhe zu finden.
Menschen, die massenhaft wie die Lemminge in eine Welt der oberflächlichen Freuden flüchten, konnten für Kafka keine nachahmenswerten Vorbilder sein. Aber eine lebenstaugliche Alternative dazu war für ihn ebenso wenig in Sicht. In Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg schreibt er: «Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar.» Der Weg zurück zur verloren gegangenen Naivität einer kindlichen Freude am Leben war Kafka verbaut, ein Schicksal, das er mit allen Erwachsenen teilt. Jedoch weigerte er sich konsequent wie kaum ein anderer, in die Scheinfreuden der Erwachsenenwelt zu flüchten und blieb stattdessen beharrlich vor dem Tor sitzen, hinter dem er eine andere Welt dunkel zu erahnen glaubte.
Die Formulierung scheint im obigen Zitat deutet darauf hin, dass er es nicht für gänzlich unmöglich hielt, jenes Tor zu passieren, auch wenn es ihm persönlich nie gelang. Ein anderes Kafka-Zitat stützt diese Annahme: «Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.»
Der letzte Satz dieses Aphorismus ist vielleicht die beste Definition für eine Lebensweise, die die alten Chinesen wu wei = Handeln im Nicht-Handeln nannten. In der Parabel Vor dem Gesetz ist gerade das Verlangen nach Einlass in das Gesetz (hier im Sinne des altchinesischen Tao zu verstehen) der Grund dafür, warum der Eintritt nicht möglich war. Das Warten auf Godot verhindert die Wahrnehmung seiner ewigen Gegenwart. Dieser Tatsache war Kafka sich zweifellos bewusst. In seinen Betrachtungen heißt es: «Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld ...».
Vielleicht hängt die Faszination, die Kafkas Werk auch heute noch auf tiefgründige Menschen weltweit ausübt, damit zusammen, wie er vor dem großen Tor gescheitert ist. Wollen wir uns über die Welt freuen, ohne zu ihr zu flüchten, dann könnten wir aus Kafkas im bewussten Leid gefundenen Fehler die richtige Konsequenz ziehen, nach der sein gesamtes Werk schreit:
An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.
Andreas Tenzer, Köln im August 2007 -
Wo Liebe ist, da ist keine Pflicht und keine Verantwortung.
Krishnamurti: Vollkommene Freiheit, 5. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer, 2006, S. 214
ISBN: 3596150671
Info: Autor Thema ⇓ Aktionen: Verschicken Interpretieren Einbinden (14) -
Interpretation:
Krishnamurti-Zitat-Interpretation Nr. 3 von 3
Der weltliche Mensch beruft sich bei seinen Entscheidungen und Handlungen meist auf sein Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein. Damit verlegt er die Beweggründe seines Verhaltens von innen nach außen. Er unterwirft sich einer äußeren Ordnung, die per Gesetz oder Moralvorschrift eine bestimmte Handlungsweise vorschreibt.
Wer als Liebe tätig ist, kann für sein Tun keine Begründung angeben, außer der Berufung auf die Liebe selbst. Als Jesus am Sabbat einen Mann heilte, fragte er die ihn argwöhnisch beobachtenden Pharisäer: «Was darf man nach dem Gesetz am Sabbat tun? Gutes oder Böses? Darf man einem Menschen das Leben retten oder muß man ihn umkommen lassen?» (Markus 3,4) - Unmittelbar darauf fassten die Pharisäer den Beschluss: Jesus muss sterben!
Jesus war keineswegs ein Mensch, der die Gesetze willkürlich missachtete. Hier gab es für ihn aber einen Konflikt zwischen den religiösen Vorschriften und dem höchsten göttlichen Gebot der Liebe, das unvermittelt aus seinem Herzen sprach und ihm keine andere Wahl ließ, als eine formale Gesetzesübertretung zu begehen. Er verstieß gegen die Buchstaben des Gesetzes, auf das sich die Pharisäer beriefen, und verkörperte gerade dadurch dessen Geist. Wer bedingungslos im Geist der Liebe handelt, wird früher oder später mit den weltlichen Mächten in Konflikt geraten, die auf Pflicht und Verantwortung gegründet sind und für die die unadministrierbare Liebe ein Todfeind ist.
Anders als Jesus hat man Krishnamurti nicht ans Kreuz genagelt, doch haben ihn die Ordenshüter, die ihn mit Hosianna! aus seiner indischen Heimat gelockt hatten, später mit Schmährufen bedacht, nachdem er damit begonnen hatte, dieses Wort zu leben: «Wo Liebe ist, da ist keine Pflicht und keine Verantwortung.»
Andreas Tenzer, Köln im Mai 2007 Zur Liebe verführen
Wer sich selber haßt, den haben wir zu fürchten, denn wir werden die Opfer seines Grolls und seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selbst verführen!
Friedrich Nietzsche: Werke II - Morgenröte, 6. Aufl. Frankfurt/M u. a.: Ullstein, 1969, S. 1253 (Aphorismus Nr. 517)
(Übersetzung englisch: We have to fear who hates himself for we will be the victims of his resentment and revenge. So let's look how we can seduce him to self-love!)
ISBN: 354803229X
Info: Autor Thema ⇓- Furcht (37)
- Hass (18)
- Liebe - Lieben (251)
- Opfer (18)
- Rache (5)
- Selbsthass (3)
- Selbstliebe (15)
- Verführen (7)
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Interpretation:
Nietzsche-Zitat-Interpretation Nr. 3 von 3
«Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Dieser Bibelspruch hat fast zwei Jahrtausende maßgeblich dazu beigetragen, dass die Selbstliebe als eine Untugend angesehen wurde, die es zugunsten der Nächstenliebe aufzugeben gilt.
Diese Fehlinterpretation dürfte auf eine problematische Suggestion zurückzuführen sein, die in den vermutlich bekanntesten Worten Jesu enthalten ist. Der Spruch impliziert die Annahme, dass die Menschen sich selbst lieben. Wäre dies nicht der Fall; würden die Menschen sich selbst nicht lieben sondern hassen, hätte die Einhaltung des Gebots der Nächstenliebe fatale Auswirkungen, denn dann müssten sie ihren Nächsten hassen wie sich selbst.
Das durch den Spruch ausgelöste Missverständnis beruht vor allem auf der falschen Gleichsetzung von Selbstliebe und Egoismus. Wer diesem Irrtum auf den Leim geht, sieht sich nämlich plötzlich vor die Alternative gestellt, entweder sich selbst oder seinen Nächsten zu lieben und sich folglich entweder altruistisch oder egoistisch zu verhalten. Nietzsche hat diese Schwachstelle des Christentums früh erkannt und sich seine Finger wund geschrieben gegen einen scheinheiligen Altruismus, dem der Mut fehlt, sich zur Selbstliebe zu bekennen.
Liebe dich selbst, und wenn dir das gelingt, dann begegne deinem Nächsten mit der gleichen Liebe, die du dir selbst gegenüber empfindest. Interpretiert man Jesu Worte im Kontext der Bergpredigt, dann spricht vieles dafür, dass er das Gebot der Nächstenliebe auf diese Weise verstanden wissen wollte, denn Selbstliebe ist die unverzichtbare Voraussetzung dafür, um jemand anderen lieben zu können. Egoismus entsteht aus Mangel an Selbstliebe.
Aus diesem Grund warnt uns Nietzsche vor denen, die sich selber hassen. Wer dies tut, wird auch seinen Nächsten hassen müssen. Er wird sich an ihm rächen für den Groll, den er gegenüber sich selbst hegt. Und er wird alles daran setzen, sein negatives Selbstbild auf sein Gegenüber zu übertragen. Nachdem er sich selbst zum ungeliebten Opfer gemacht hat, wird er auch von seinen Nächsten Opfer verlangen. Wer sich dem entziehen will, hat als potenzielles Opfer nur zwei Möglichkeiten. Er kann den zur Selbstliebe Unfähigen aus dem Weg gehen, oder sie zur Selbstliebe verführen.
Nietzsche favorisiert die zweite Alternative. Will man jemanden zur Selbstliebe verführen, dann muss man nur auf einen einzigen Punkt achten. Sobald man einem zur Selbstliebe unfähigen Menschen begegnet, beginnt ein zäher Kampf um die Vorherrschaft von Hass und Liebe. Der Lieblose wird mit aller Gewalt versuchen, der Kommunikation den Stempel der Lieblosigkeit aufzudrücken. Nur wenn sein Gegenüber in seiner Selbstliebe und der daraus resultierenden Fähigkeit zur Nächstenliebe fest steht wie ein Fels in der Brandung, kann die Verführung gelingen. Indem er unbeirrt seinen Blick auf die Lichtseiten des Ungeliebten richtet, dessen verbannte Freude, Schönheit und Liebe wie durch die Betätigung von Klaviertasten zum Schwingen bringt, kann er erreichen, dass sein Partner sich irgendwann selbst in die Arme fällt. Dann ist der Bann gebrochen.
Solange dessen Selbstliebe noch nicht gefestigt ist, wird die Kommunikation mit ihm jedoch noch vorwiegend therapeutischen Charakter haben. Um sich als Freunde auf Augenhöhe begegnen zu können, dürften beide Kommunikationspartner nicht mehr auf therapeutische Hilfen des anderen angewiesen sein. Man müsste sich schonungslos auch mit Schattenseiten auseinandersetzen können, ohne befürchten zu müssen, dass der andere dann wieder in die Rolle des Ungeliebten zurückfällt.
Andreas Tenzer, Köln im März 2012