Zitate Aphorismen Lebensweisheiten
Zitat:
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Als gut gilt heute, was uns die Illusion gibt, daß es uns zu etwas bringen werde.
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 740
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Eine Leistungsgesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass der Wert eines Menschen wesentlich durch das bestimmt wird, was innerhalb dieser Gesellschaft als Leistung definiert ist. Das Besondere an der heutigen Leistungsgesellschaft besteht darin, dass Leistung im wesentlichen mit Produktivität gleichgesetzt wird.
Eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern, die von Sozialleistungen abhängig ist, gilt innerhalb dieser Gesellschaft als negatives Produktivelement, da sie nicht nur kein Geld erwirtschaftet, sondern auch noch von anderen erwirtschaftetes Geld verbraucht. Soviel diese Frau auch täglich leisten mag: Im Sinne des gesellschaftlich definierten Leistungssystems ist das, was sie tut, nicht gut. Demgegenüber gilt als gut, wer es zum Beispiel in der Rüstungsindustrie oder der industriellen Biotopvernichtung zu etwas gebracht hat.
Auch wenn heute viele Kritiker den produktivitätsorientierten Wachstumsfetischismus als Illusion durchschaut haben, dominiert in Ökonomie und Politik nach wie vor der Grundsatz: Gut ist, was das Bruttosozialprodukt steigert und Arbeitsplätze schafft.
Andreas Tenzer, Köln im November 2006
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Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.
Und wenn ihr nicht mit Liebe, sondern nur mit Unlust arbeiten könnt, dann ist es besser, eure Arbeit zu verlassen und euch ans Tor des Tempels zu setzen, um Almosen zu erbitten von denen, die mit Freude arbeiten.
Khalil Gibran:
Sämtliche Werke, Düsseldorf: Patmos, 2003, S. 896
(Orig.engl.: Work is love made visible./ And if you cannot work with love but only with distaste, it is better than you should leave your work and sit at the gate of the temple and take alms of those who work with joy. The Prophet, Pan Books. S.38 f.)
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Heute sind die Menschen froh, wenn sie Arbeit haben, aber die wenigsten arbeiten mit Freude. Was sind die Triebkräfte, die die Mehrheit zum Arbeiten bewegen? Neben dem menschlichen Grundbedürfnis nach materieller Sicherheit für sich und die Familie scheinen die folgenden Beweggründe zunehmend maßgeblich zu sein: Gier nach Besitz und Konsum, Prestigebedürfnis, Streben nach Macht und als negativer Stachel des Antriebs die Angst, die Objekte der Begierde nicht zu bekommen oder zu verlieren.
Nachdem der Gott des Westens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer langen schweren Krankheit erlegen war, haben diese Motive als Antriebskräfte zur Arbeit immer totalitärere Züge angenommen. Die daraus resultierende Verlieblosung der Welt wird allgemein gleichermaßen beklagt wie als ein schicksalhaftes Naturereignis hingenommen, offenbar, weil heute weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass es zur freiheitlichen Zwangsgesellschaft der Moderne keine Alternative gibt.
Wohl kaum ein anderer Denker und Poet des 20. Jahrhunderts hat so klar wie Khalil Gibran erkannt, dass unsere Gesellschaft an der "Immanenzpest" erkrankt ist durch die radikale Verbannung immaterieller Werte aus dem Leben des Einzelnen und der sozialen Gemeinschaft. Nur eine Arbeit, deren Triebkraft die Liebe ist, könne einem Menschen Freude bereiten. Als transzendente Kraft, die uns in Berührung bringt mit dem Unvergänglichen, sprengt sie die Ketten des materiellen Determinismus und verleiht unserer Seele Flügel. Was wir ohne Liebe tun, ist keine Arbeit, sondern Selbstversklavung durch Versklavung des Seienden selbst. Wer nur aus materiellem Interesse arbeitet, ist Materie.
Da unsere Gesellschaft wesentlich eine materielle ist, sind die Arbeiten selten, die man mit Liebe tun könnte und für die man gleichzeitig so bezahlt wird, dass man davon leben könnte. "Lieblose" Jobs gibt es dagegen en masse. Was sollte nun jemand tun, der mit Liebe in der Natur-, Kranken- und Altenpflege, der Kinderbetreuung oder in anderen Tätigkeitsbereichen mit Gewinn für die Gemeinschaft arbeiten könnte, die Gesellschaft aber nicht bereit ist, sein Engagement ausreichend zu entgelten? Soll er sich dann vom Staat zur Zwangsarbeit verurteilen lassen? Dazu Gibran unmittelbar nach dem hier interpretierten Zitat: «Denn wenn ihr mit Gleichgültigkeit Brot backt, backt ihr ein bitteres Brot, das nicht einmal den halben Hunger des Menschen stillt.»
Wer von einem Call-Center aus ungefragt Leute belästigt oder morgens für die Lügenpresse Zeitungen austrägt, backt ein bitteres Brot. Wenn er stark genug ist, sollte er lieber mit einem gekürzten Hartz IV-Satz darben, als Zwangsarbeiter zu werden. Und wenn materialistische Politiker die Daumenschrauben noch enger anziehen sollten, täte er besser daran, auf der Straße um Almosen zu betteln, was im Unterschied zur Zwangsarbeit keine Schande wäre.
Könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen uns aus diesem Dilemma befreien? Eine solche Maßnahme würde voraussetzen, dass die Werte "Liebe" und "Freiheit" gesellschaftliche Anerkennung fänden. Die Chancen dafür stehen zurzeit eher schlecht, da diese Werte mit einem dogmatischen Materialismus - auch in christlichem Gewand - unvereinbar sind. Der als Idealismus getarnte sozialistische Materialismus ist als ideologische Pädagogik des Zwangs zurecht gescheitert. Ein ähnliches Schicksal könnte auch unserer Gesellschaft drohen, wenn die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten die kritische Grenze überschreiten sollte. Dagegen könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen möglicherweise Kräfte freisetzen, die sich auch im ökonomischen Sinne rechnen, denn: Nur was man mit Liebe tut, tut man gut. Kann eine Volkswirtschaft wie die unsrige, die in besonderem Maße auf die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen angewiesen ist, es sich dauerhaft leisten, diesem Grundsatz zuwiderzuhandeln?
Andreas Tenzer, Köln im November 2007
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Auf der materiellen Ebene braucht man natürlich Zeit, um von hier nach dort zu gelangen, aber auf der psychischen Ebene existiert keine Zeit. Das ist eine ungeheuerliche Wahrheit, eine ungeheuer wichtige Tatsache, und wenn man sie entdeckt hat, hat man sich von allen Traditionen freigemacht.
Krishnamurti:
Das Licht in dir, 1. Aufl. München: Econ, 2000, S. 118
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Alles, was materiellen Gesetzen unterworfen ist, entsteht und vergeht. Materie ist Dasein in der Zeit. Das dürfte kaum jemand bezweifeln. Dagegen ist die Annahme, es gebe auf der psychischen Ebene keine Zeit, in der Tat ungeheuerlich. Von einigen Mystikern abgesehen, hat sich bisher kaum ein Denker diese Sichtweise zueigen gemacht. Die meisten Philosophen gingen und gehen davon aus, dass es auf materieller wie auf psychischer Ebene ein Nacheinander gibt. Vordergründig betrachtet spricht auch zunächst einiges dafür.
Als körperlich manifestiertes Wesen nimmt der Mensch sinnliche Empfindungen und geistige Vorstellungen nacheinander wahr. Im Wachzustand dominiert meist die historische Sichtweise der Dinge, wenn auch das Denken bereits die Möglichkeit bietet, eine eigene Ereignisfolge zu kreieren, die unabhängig ist von der starren Ereigniskette der sogenannten Tatsachen. Davon noch wesentlich unabhängiger sind Traumbilder, in denen die "reale" Zeit kaum noch eine Rolle zu spielen scheint. Der Regisseur unserer Träume – wer immer das sein mag – kann sich offenbar aus allen Zeitebenen bedienen. Er kann auf Elemente zurückgreifen, die bis in die fernsten Fernen von Vergangenheit und Zukunft reichen.
Wenn wir auch die Inszenierungen des Traumregisseurs sowie unsere Erinnerungen im Wachzustand stets an der Schnittstelle Gegenwart wahrnehmen, so schöpfen die Traumbilder doch aus allen Zeitebenen. Aus der Perspektive des Wahrnehmenden erscheinen diese Trauminhalte, als seien sie vergangenen oder zukünftigen Zeiten zuzuordnen. Die Inhalte selbst aber sind absolut zeitlos, vergleichbar etwa mit den Tausenden von Bildern auf einer Filmrolle, die alle der gleichen Zeitebene angehören, solange sie auf der Rolle eingespult sind. Wird dann die Rolle abgespult, sehen wir sie mit unseren Augen als bewegte Bilder, die uns eine Geschichte erzählen.
Es gibt allerdings einen bedeutenden Unterschied zwischen einer Filmrolle und dem, was der Quantenphysiker David Bohm die implizite Ordnung genannt hat, das heißt eine alles Sein und Nichtsein umfassende Urebene, aus der alle wahrnehmungsfähigen Wesen in jedem Augenblick einen Ausschnitt als ihre individuelle Wirklichkeit erleben. Ein anderer Quantenphysiker, David Deutsch, spricht von snapshots aus einem raum- und zeitlosen Kontinuum, die wir im jeweiligen Augenblick bewusst oder unbewusst aufsuchen, und mit denen wir uns dann identifizieren.
Östliche Philosophen wie Laotse oder Buddha haben schon vor über zweitausend Jahren vor solchen Identifikationen gewarnt. Bereits die Vorstellung von einem separaten, dauerhaften Ich sei eine Illusion, da jedes Wesen nur aus einer Kette von augenblicklich wechselnden Identifikationen mit integralen Teilen des Urgrunds bestehe. Buddha hat vehement davor gewarnt, seiner Lehre blind zu folgen, da Erleuchtung nicht gelehrt, sondern nur individuell erfahren werden könne, nämlich als Zustand des Verzichts auf falsche Identifikationen.
Wer erkannt hat, dass es auf der psychischen Ebene keine Zeit gibt, der kann solche Pseudoidentifikationen durchschauen und wird sich insbesondere von Traditionen fernhalten, die aus ihnen eine Weltanschauung machen, denn: Weltanschauliche Traditionen sind kollektive falsche Identifikationen.
Andreas Tenzer, Köln im März 2007
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Bei jedem Atemzug stehen wir vor der Wahl, das Leben zu umarmen oder auf das Glück zu warten.
Andreas Tenzer:
www.zitate-aphorismen.de
(Übersetzung englisch: With every breath we have the choice to embrace life or to wait for happiness. - (niederl.): Met elk ademtocht hebben wij de keuze het leven te omarmen of op het geluk te wachten.)
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Dass mir gerade heute dieser Spruch über den Weg gelaufen ist. Ehrlich, manchmal kann ich gut verstehen, dass es angenehmer ist, auf das Glück zu warten als die “Scheiße” im Leben auch noch umarmen zu müssen. Je heftiger die Krise, je unangenehmer die Begleitumstände, desto verführerischer ist es, von einem besseren Leben zu träumen und zu warten, bis alles besser wird.
Wird es aber nicht.
Lassen Sie mich mal Tacheles schreiben.
Die Wahl zu haben zwischen Warten und “das Leben umarmen”, ist nicht einfach und in Krisen auch nicht spaßig. Aber es ist tatsächlich so, dass ich der Einzige bin, der die Verantwortung dafür trägt, ob ich mich zum Opfer der Umstände erkläre und warte, bis Andere etwas tun, oder ob ich selbst aktiv werde. Das ist noch keine Garantie dafür, das Glück zu finden, aber in unseren Zeiten der einzige Weg, eine Chance zu haben.
Das Leben zu umarmen heißt für mich, ehrlich hinzuschauen, was ich machen kann. Manchmal bedeutet das auch, mir einzugestehen, dass ich Hilfe benötige, und dann aktiv nach dieser zu rufen. Denn von alleine wird auch selten Hilfe kommen.
Manchmal benötigt das Mut, um über ein Gefühl der Scham für “eigenes Versagen” hinwegzugehen. Es bringt mich aber auf den Weg aus der Krise hinaus.
August 2009, geschrieben von Dietrich im Blog: http://sosein.de/blog/
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Das sich unverstanden Fühlen und das die Welt nicht Verstehen begleitet nicht die erste Leidenschaft, sondern ist ihre einzige nicht zufällige Ursache. Und sie selbst ist eine Flucht, auf der das Zuzweiensein nur eine verdoppelte Einsamkeit bedeutet.
Robert Musil:
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, 52. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003, S. 41
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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß lassen vermuten, dass persönliche Erfahrungen aus der eigenen Jugendzeit Robert Musil zu dieser Aussage inspiriert haben. Nach meiner Einschätzung beschreibt das Zitat aber auch allgemeine Befindlichkeiten von Adoleszenten während ihrer ersten 'großen Liebe'.
Sobald Jugendliche die Erfahrung machen, dass die große weite Welt komplizierter und kälter ist, als das warme Nest, in dem sie aufgewachsen sind, regen sich erste Widerstände gegen die zunehmend als fremd empfundene Welt. Wer nicht gerade ein geborener Jasager und unkritischer Allesversteher ist, spürt bald, dass da draußen ein anderer Wind weht, als in der behüteten Kinderwelt, in der man sich geliebt und verstanden fühlte und noch naiv glaubte, mit der Zeit alles verstehen zu können.
Die meisten Kinder erleben ihren ersten großen 'Weltschock', wenn sie auf eine weiterführende Schule kommen, wo alles größer und unpersönlicher und wo die eigene Person nicht mehr der Nabel der Welt ist, sondern sich an deren Peripherie wiederfindet, von wo aus betrachtet die 'neue' Welt als fremd und bedrohlich erscheint. Frisch aus dem Nest gestoßen, verfügt das Kind noch nicht über die Gewissheit, alle Realität zu sein, also über Vernunft, wie Hegel sie definiert hat. Der Jugendliche befindet sich in einem Niemandsland zwischen nicht mehr bedingungslos geliebt und verstanden zu werden und die Welt noch nicht verstehen zu können.
Die erste große als Liebe empfundene Leidenschaft ist dann mit der Illusion verbunden, das Niemandsland blitzartig verlassen zu können, um sich in Gemeinschaft mit der 'geliebten' Person erneut im Zentrum der Welt wiederzufinden. Während es von vielen Zufällen abhängt, wer die auserwählte oder schicksalhaft zugeführte Person sein wird, ist die Tatsache, dass es zur ersten großen Leidenschaft kommt, notwendig, das heißt die einzige nicht zufällige Ursache. Die Notwendigkeit resultiert aus dem unbändigen Verlangen, aus dem Niemandsland herauskatapultiert zu werden, koste es, was es wolle.
So ist die Gemeinschaft der ersten Leidenschaft keine gereifte, sondern eine erzwungene. Sie ist die Flucht aus der einfachen Einsamkeit in eine verdoppelte. Der Einsamkeit kann nur entgehen, wer sie solange aushält, bis er sich aus eigener Kraft aus ihr herausgearbeitet hat. Kaum ein Jugendlicher ist in der Lage, diesen Weg zu gehen, weil er eine unermessliche Leidensbereitschaft und -fähigkeit voraussetzt. Stattdessen flüchten die Adoleszenten in eine Leidenschaft, ohne zu ahnen, welche neuen Leiden sie schafft.
Nach einer ersten Phase des durch wechselseitige Positivprojektionen hervorgerufenen Rosarotsehens, verbunden mit der Illusion, der Einsamkeit ein für allemal entkommen zu sein, folgt bald die ernüchternde Erkenntnis, dass die Flucht in das 'Zuzweiensein' auf dem Irrtum basierte, man könnte sein Selbst mit einem anderen teilen, ehe man eines besitzt. Der Jugendliche macht hier die Erfahrung, dass 1 mal Null plus 1 mal Null gleich Null ist.
Das einzige wirksame Mittel gegen die verdoppelte Einsamkeit ist eine vorausgegangene jeweilige Selbstfindung der sich auf eine Beziehung einlassenden Partner. Ist man erst einmal in einer verdoppelten Einsamkeit gefangen und besiegelt diese auch noch mit Eheringen, dann ist Selbstfindung als Voraussetzung für reife Liebe quasi unmöglich. Angesichts der stetig wachsenden Scheidungsraten scheinen reife Persönlichkeiten heute vom Aussterben bedroht zu sein.
Andreas Tenzer, Köln im Juli 2008
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Der Ermordete ist nicht ohne Verantwortung an seiner Ermordung.
Und der Beraubte nicht schuldlos an seiner Beraubung.
Der Rechtschaffene ist nicht unschuldig an den Taten des Bösen.
Khalil Gibran:
Der Prophet, Zürich u. a.: Walther, 1998, S. 66
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Die Aussage Khalil Gibrans basiert auf dem Grundsatz, dass alles, was geschieht, einen Sinn hat.
In der westlichen Philosophie stützt sich dieser Grundsatz vor allem auf das aristotelische Resonanzgesetz, demzufolge Gleiches Gleiches anzieht bzw. erzeugt.
Der östliche Begriff "Karma" geht noch weiter, insofern er postuliert, dass jedes einzelne Schicksal die notwendige Folge früherer Handlungen der betreffenden Personen darstellt.
Demzufolge wäre der Ermordete ein ehemaliger Mörder, der Beraubte ein früherer Räuber usw. Nach dem Karma-Gesetz wäre es aber ebenso möglich, dass sowohl der Mörder als auch der Ermordete durch eine Kette von verschiedenen Vergehen so viel negatives Karma angesammelt haben, dass es zu deren Ausgleich eines Mordes bedarf, dem sie im spirituellen Sinne beide zum Opfer fallen, da auch der Mörder - durch Ansammlung negativen Karmas - die Folgen seiner Tat für die Zukunft vorprogrammiert. Der Dalai Lama geht sogar so weit zu behaupten, das Opfer mache karmisch den besseren Deal, da es negatives Karma tilge, während der Täter neues schaffe.
Natürlich könnte man eine solche Betrachtungsweise als Verhöhnung der Opfer betrachten. Dies gilt jedoch nur im immanenten oder juristischen Sinne. Aus der transzendenten oder spirituellen Warte betrachtet, findet jede Tat ihren Ausgleich. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Perspektiven besteht also darin, dass die immanente Sichtweise auf eine einmalige physische Verkörperung eines Menschen ausgerichtet ist, und somit bei seinem Tod eine absolute Bilanz gezogen werden kann, die nach dem transzendenten Ansatz dagegen relativ ist, da er im physischen Tod nur eine Zwischenstation der unsterblichen Seele sieht.
Daraus ergibt sich eine für das menschliche Zusammenleben wichtige Konsequenz. Das immanent denkende Opfer, sofern es überlebt, kann nur in Strafe und/oder Rache Genugtuung finden, während der transzendente Mensch den Ausgleich für begangenes Unrecht getrost dem Schicksal überlassen kann.
Andreas Tenzer, Köln im September 2009
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Der Körper schließt den Geist in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein und zuletzt muß der Geist sich ergeben.
Marcel Proust:
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Bde. 1-3, 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, S. 4178
(Die wiedergefundene Zeit)
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"Ich bin hungrig", spricht der Körper zum Geist, "geh' hin und beschaffe mir Nahrung." "Ich bin sexuell erregt, suche mir ein Objekt der Befriedigung." "Ich fühle Schmerz, besorge mir ein Mittel zur Linderung." - Permanent erteilt der Körper dem zugehörigen Geist Aufträge zur Beschaffung von Wohlgefühl. Der Geist gehorcht und beschränkt seine Aktivitäten mehr und mehr auf die beschränkten Bedürfnisse des Körpers. Bald ist er in dessen Festung eingeschlossen. Will er ausbrechen, wird er feststellen, dass er von allen Seiten belagert ist. Wer aber ist der Feind, der ihn umzingelt?
Der Körper kommt nicht infrage, da er ganz und gar Festung ist und gar nicht die Möglichkeit hat, diese zu verlassen. Zwar produziert er stets neue Bedürfnisse, aber das kann er nur innerhalb der Festung. Diese kann allein der Geist verlassen. Also ist der belagernde Feind der Geist selbst. Es ist ein Geist, der sich so vollkommen mit den Bedürfnissen des Körpers identifiziert hat, dass ihm Wohlgefühl alles und Freiheit nichts bedeutet. So produziert er über die relativ bescheidenen primären Bedürfnisse des Körpers hinaus sekundäre geistige Bedürfnisse wie Ruhm, Ehre, Macht und Besitz, deren Pfeile und Kanonen von außen auf die Festung ausgerichtet sind. Der Geist hat sich mehr oder weniger freiwillig ins Gefängnis begeben und kapituliert schließlich vor sich selbst.
Solange sie ihre Gefangenschaft nicht bemerken und nicht allzu sehr darunter leiden, können Körper und Geist sich durchaus eine Zeit lang in ihrer Festung wohlfühlen, die ihnen relative Sicherheit und optimalen Schutz vor Freiheit bietet. Werden aber die Festungsgenossen sich ihres Lebens als Siechtum in Gefangenschaft bewusst - was oft im Alter, gelegentlich erst auf dem Sterbebett geschieht -, dann ist alles um sie herum dunkel und fest wie in einem Schwarzen Loch. Auf ihrem Grabstein könnte stehen:
Der Geist schließt den Körper in eine Festung ein; bald aber wird diese von allen Seiten belagert sein und zuletzt muss der Körper sich ergeben.
Andreas Tenzer, Köln im März 2007
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Der Mensch fürchtet nämlich den Teufel, der ihm ins Fleisch fährt, auch wenn er so tut, als bekämpfe er ihn, lange nicht so sehr, wie die Erleuchtung, die ihm vom Geiste kommt.
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 847
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Der ins Fleisch gefahrene Teufel hat einiges zu bieten: Macht, Ruhm, Reichtum, sinnliche Genüsse usw. Die Erleuchtung ist demgegenüber in einer schwachen Position. Sie hat zunächst nichts weiter auf der Habenseite als das Wissen um die relative Nichtigkeit jener teuflischen Angebote, ist also primär negativer Natur.
Das gilt auch für den größten Trumpf in ihrer Hand: die Aufhebung der Aufspaltung in Sein und Bewusstsein. Positiv formuliert ist Erleuchtung die Erfahrung des Einsseins. Dafür kann man sich in einer Welt, der der Teufel ins Fleisch gefahren ist, jedoch wenig kaufen. Aus diesem Grund fürchtet der diesseitig eingebundene Mensch die Erleuchtung wie der Teufel das Weihwasser. Er weiß, was die Erleuchtung ihm nehmen, nicht aber, was sie ihm bringen wird.
So erklärt sich, weshalb nur selten ein Mensch sich ohne Not für die Erleuchtung öffnet. Die besten Rahmenbedingungen für eine "Erleuchtung, die vom Geiste kommt" sind deshalb persönliche Krisen und Katastrophen, die mit Urgewalt die relative Nichtigkeit des bisherigen Daseins offen legen und so das Auge für die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit öffnen.
Andreas Tenzer, Köln im November 2006
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Der wirkliche Zustand des Menschen ist der, wo alles Zeichen ist!
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 928
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Wo alles Zeichen ist, ist nichts das, was es zu sein scheint, sondern wesentlich das, wofür es sich zeigt. In der Terminologie des Quantenphysikers David Bohm: Jeder Erscheinung in der expliziten Ordnung, das heißt der sinnlich wahrnehmbaren Welt, liegt eine unmanifestierte Essenz im Urgrund der impliziten Ordnung zugrunde.
Dieser Gedanke ist über 2500 Jahre alt und ist noch heute die philosophische Kernthese im Taoismus, Buddhismus und Hinduismus. Mit obiger Aussage möchte Musil verdeutlichen, dass das Eigentliche des Menschen sich nicht in seinem Sosein erschöpft. Ein Mensch, der ohne jede Transzendenz vollkommen im faktisch Realen aufgehe, befinde sich in einem unwirklichen Zustand.
Wie Musil an anderer Stelle betont, sei der Mensch nur im ekstatischen Zustand der Liebe wirklich. Liebe ist für Musil der Zustand, wo alles Zeichen ist, weil nur in ihr die Trennung zwischen Manifestationen und Urgrund aufgehoben sei. So ist die Liebe die transformierende Kraft, in der alles Diesseitige als Zeichen in unmittelbarer Verbindung zum Jenseitigen steht und somit die Trennung zwischen Diesseits uns Jenseits aufhebt.
Andreas Tenzer, Köln im Dezember 2006
Luan schrieb am 19.8.2007 folgenden Kommentar:
Das Eigenste des Menschen, - das, was den Menschen als Mensch auszeichnet -, liegt darin, zu sehen, was sich im Gesehenen verbirgt.
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Die Hölle, das ist die Unvorstellbarkeit des Gebets.
Emile Michel Cioran:
Die verfehlte Schöpfung, 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, S. 17
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Was uns das Leben schenkt, nehmen wir gern als selbstverständlich hin. Deshalb sind Dankgebete relativ selten. Größerer Beliebtheit erfreut sich das Wunschgebet, bei dem es um etwas geht, was der Betende entbehrt, aber stark begehrt. Kaum einem Menschen fremd ist die dramatischste Form des Gebets, das Notgebet.
Man muss nicht einmal ein gläubiger Mensch sein, um in einer existenziellen Notsituation göttlichen Beistand zu erbitten. Das gilt besonders für die extremste Form des Notgebets, dem Verzweiflungsgebet. Selbst eingefleischte Atheisten haben davon berichtet, dass sie in Momenten völliger Verzweiflung, wo sie nicht mehr in der Lage waren, das ihnen aufgebürdete Leid zu ertragen, gebetet haben bzw. beten mussten. Die Unvorstellbarkeit des Gebets in solchen Augenblicken wäre die Hölle, das heißt Verzweiflung als Dauerzustand.
Man stelle sich einen Menschen vor, der auf bestialische Weise zu Tode gequält wird, ohne reale Aussicht auf Rettung. Vorausgesetzt, es handele sich nicht um einen unerschütterlichen Zen-Meister, der diese Situation gelassen auszuhalten imstande wäre: Was bliebe einem solchen Menschen anderes übrig, als die Zuflucht zu einer höheren Macht und die Bitte, ihn aus dem gegenwärtigen Höllenzustand zu befreien? Ohne diese Zufluchtsmöglichkeit wäre er in der Hölle.
Andreas Tenzer, Köln im November 2006
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Die Kraft des Adlers im Flug bewährt sich nicht dadurch, daß er keinen Zug nach der Tiefe empfindet, sondern dadurch, daß er ihn überwindet, ja ihn selbst zum Mittel seiner Erhebung macht.
Friedrich Schelling:
Zur Geschichte der neueren Philosophie, 4. Aufl. Leipzig: Reclam, 1984, S. 189 f.
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Wie ein gigantischer Magnet ziehen die Leidenschaften den Menschen in die tiefsten Abgründe. In der Hölle der Unterwelt hausen Spielsüchtige, Drogenabhängige, Kinderschänder, Lustmörder, Bankiers, Politiker, Richter, sofern sie dem Zug nach der Tiefe nicht standgehalten haben und so an ihrer Leidenschaft zugrunde gegangen sind.
Doch wie ein Adler, der sich dem Tiefenzug gelassen hingibt, plötzlich einen gewaltigen Auftrieb erfahren und in die höchsten Gefilde aufsteigen kann, so können auch jene Gestalten sich über ihre Leidenschaften erheben und kraft ihrer über sich selbst hinauswachsen.
Die Moral lehrt uns, wir müssten unsere Leidenschaften bändigen. Folgen wir ihr, dann sind wir kraftlos und werden – aller geistigen Höhenflüge und gesellschaftlichen Anerkennung zum Trotz – in die Tiefe hinab gezogen. Der Adler kennt keine Moral. Er fürchtet die Hölle nicht und kann deshalb so tief fallen, bis dem Zug der Tiefe die Kraft ausgeht. Dann erst setzt sein kraftvoller Flügelschlag ein und katapultiert ihn wie eine Sprungfeder nach oben.
Wer seine Leidenschaften bekämpft, wird nie ein Adler sein. Nur wem es gelingt, deren Ziehkraft in Schubkraft zu verwandeln, wird sich - wie einst Buddha - von den Leiden, die sie schafft, befreien können. Moralisch in Ketten gelegte Leidenschaften sind der Weg, der aus Angst vor der Tiefe direkt in psychosomatische Höllenlandschaften führt, während den mutigen Adler der Auftrieb des Abgrunds in die Höhe treibt.
Andreas Tenzer, Köln im Januar 2007
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Die Prophezeiung des Ereignisses führt zum Ereignis der Prophezeiung.
Paul Watzlawick:
Anleitung zum Unglücklichsein, 15. Aufl. München, Zürich: Piper, 1984, S. 61
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Warum gehen bestimmte Prophezeiungen in Erfüllung, andere dagegen nicht, und was geschieht, wenn zwei sich gegenseitig ausschließende Ereignisse prophezeit werden? - Niemand wird bezweifeln, dass nicht jede Prophezeiung in Erfüllung geht, denn wie oft ist nicht schon der Weltuntergang vorhergesagt worden. Und wer hat nicht bereits die Erfahrung gemacht, dass ihm - im Guten wie im Schlechten - etwas prophezeit wurde, oder er selbst fest an ein Ereignis geglaubt hat, das sich nicht bewahrheitet hat? Ist es also Zufall, ob eine Vorhersage sich erfüllt oder nicht, oder gibt es doch die sogenannte self-fulfilling prophecy ?
In der Allgemeingültigkeit suggerierenden Form, mit der Watzlawick es im obigen Zitat beschreibt, existiert der Zusammenhang zwischen Prophezeiung und Ereignis zweifellos nicht. Das war auch dem Autor bewusst, der an anderer Stelle die Einschränkung machte, dass eine Prophezeiung geglaubt werden müsse, dass sie "als eine in der Zukunft bereits eingetretene Tatsache gesehen" werden müsse, um sich erfüllen zu können.
Reicht es aber aus, wenn jemand an die Erfüllung einer Prophezeiung glaubt? Zweifellos nicht! Würde uns jemand prophezeien, dass wir noch heute ohne Schutzanzug auf dem Mond spazieren gehen werden, würde auch unser fester Glaube an das vorhergesagte Ereignis dessen Eintreten nicht ermöglichen können. So ergibt sich eine weitere Einschränkung der obigen Aussage: Die Prophezeiung muss erfüllbar sein, um sich ereignen zu können.
Angenommen, die bisher genannten Voraussetzungen sind gegeben, das heißt eine bestimmte Prophezeiung ist erfüllbar, und jemand glaubt fest an sie, tritt sie dann mit Notwendigkeit ein? Auch hier muss die Antwort Nein lauten, wie das folgende Beispiel verdeutlicht. Setzen an einem Roulettetisch mehrere Spieler auf unterschiedliche einzelne Zahlen (Pleins) in dem festen Glauben, dass die Kugel in das entsprechende Nummernfach fallen wird, so kann maximal ein Spieler den Gewinn eines Plein einstreichen. Ist damit Watzlawicks Aussage vollends widerlegt? Um sie zu rechtfertigen, könnte er behaupten, es gewinne jeweils der Spieler, der am stärksten an das Eintreten der qua Spieleinsatz dokumentierten Prophezeiung glaubt. Eine solche Behauptung lässt sich weder bestätigen noch widerlegen, da die Intensität des jeweils Geglaubten nicht objektiv messbar ist.
Ist demnach Die Geschichte mit dem Hammer, in der Watzlawick das wohl berühmteste Beispiel für eine selbstkonstruierte Wirklichkeit liefert, nicht mehr als ein konstruktivistischer Mythos? Meine Antwort lautet Ja und Nein. Es ist unbestreitbar, dass Gedanken eine ihnen entsprechende Wirklichkeit anziehen. Wer hat diese Erfahrung nicht schon tausendfach gemacht? Aber konstruieren wir diese Wirklichkeit auch, und zwar in dem Sinne, dass die Gedanken notwendig zu einem Ereignis führen, das ihrem Muster entspricht?
"Die Sterne machen geneigt, aber sie zwingen nicht." Dieses Thomas von Aquin zugeschriebene Zitat gilt nach meiner Einschätzung auch für den Konstruktivismus. Prophezeiungen im Sinne von für wahr gehaltene Vorstellungen erhöhen offenbar die Wahrscheinlichkeit, dass das Geglaubte zum Ereignis wird, führen aber nicht zwingend dazu (vgl. das Zitat von Thomas Hobbes: "Häufig ist die Prophezeiung die Hauptursache für das prophezeite Ereignis."). Deshalb halte ich den sogenannten radikalen Konstruktivismus für eine verkürzte Interpretation von Wirklichkeit und würde einen ganzheitlichen Konstruktivismus bevorzugen, der neben dem Fürwahrhalten des Einzelnen die geglaubten Vorstellungen aller am Zustandekommen eines Ereignisses beteiligten Wesen sowie die relevanten äußeren Rahmenbedingungen berücksichtigt und schließlich eine Intentionalität des Ganzen zumindest als Möglichkeit ins Auge fasst, sei es als Schöpfer, Natur, Tao, Dharma, Karma usw. (spiritueller Konstruktivismus).
Andreas Tenzer, Köln im Mai 2007
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Die Sonne lehrt alle Lebewesen die Sehnsucht nach dem Licht. Doch es ist die Nacht, die uns alle zu den Sternen erhebt.
Khalil Gibran:
Sämtliche Werke, Düsseldorf: Patmos, 2003, S. 1243
(Aus: Die Rückkehr des Propheten - Übersetzung (engl.): The sun teaches all creatures the longing for the light. But it is the night that raises all of us to the stars.)
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Die Sonne repräsentiert das Licht, das Lebendige, das Leben. Dagegen steht die Nacht für die Dunkelheit und den Tod.
Die Sterne hingegen stehen für den Schutz, die Geborgenheit, das Aufgehobene und letztlich für ein metaphysisches Versprechen - die Erlösung.
Im Zitat scheint die Reihenfolge der Signalwörter nicht zufällig gewählt. Der Autor zeichnet in dialektischer, also in thetischer und antithetischer Weise den Gang des Lebens nach, der sich schließlich synthetisch vollendet (hier: Erhebung zu den Sternen) und Transzendenz verspricht.
Wolfgang Schmitz, Hamburg im Oktober 2007
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Die wenigsten Menschen wissen, daß das wirklich Große immer unbegründet ist; ich meine: alles Starke ist einfach!
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 571
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Ein Mann hat unter Einsatz seines Lebens ein fremdes Kind vor dem Ertrinken gerettet. Jemand fragt ihn, warum er das getan habe. „Ich hatte gar keine Zeit zum Überlegen. Ich musste es einfach tun“, antwortet der Mann. Hätte der Retter vor dem Sprung ins Wasser die Gründe für und wider seine Hilfeleistung rational abgewogen, hätten ihn diese möglicherweise von seinem Eingreifen abgehalten, oder es wäre zu spät gekommen.
War das Verhalten des Mannes unbegründet? Ein Psychologe würde vielleicht antworten, der Selbsterhaltungstrieb eines Menschen sei gemäß der Bedürfnispyramide gewöhnlich stärker als das Mitgefühl für andere. Insofern wäre die Rettungstat rational kaum zu begreifen, ja sogar als irrational einzustufen im Sinne der psychologischen Bedürfnishierarchie. Liegt aber nicht gerade hierin der Grund dafür, dass kaum etwas unsere Herzen so rühren kann wie eine solche „irrationale“ Tat?
Das Verhalten des Retters verweist uns auf eine Dimension jenseits aller äußeren Rationalisierungssysteme. Nur von innen ist die Tat zu verstehen, als das Befolgen seiner inneren Stimme, die ihm klar sagt, was er zu tun habe, und die Frage des „Warum“ gar nicht erst aufkommen lässt. Ohne Gründe gibt es auch keine Zweifel, die die Situation verkomplizieren und die Entschlusskraft des Helden schwächen könnten, dessen Stärke gerade in der Loslösung von äußeren Vorschriften und Moralvorstellungen liegt.
Andreas Tenzer, Köln im Dezember 2006
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Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar.
Franz Kafka:
Er, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1968, S. 196
(Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg)
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Siehe Interpretation zum Kafka-Zitat:
Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet?
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Egoismus entsteht aus Mangel an Selbstliebe.
Andreas Tenzer:
www.zitate-aphorismen.de
(Übersetzung (englisch): Egoism arises from the lack of self-love. - (niederländisch): Egoisme ontstaat door het gebrek van selfliefde.)
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"Egoismus entsteht aus Mangel an Selbstliebe." - Andreas Tenzer
Ich glaube, sich selbst zu lieben heißt: sich so akzeptieren und zu mögen, wie man ist, inklusive aller Ecken und Kanten - und trotzdem alles dafür tun bzw. zuzulassen, dass man selbst Fortschritte macht. Man muss sich selbst als wertvollen Menschen erkennen, ohne sich auf eine Stufe über alle anderen zu stellen.
Wer sich selbst nicht für einen wertvollen Menschen hält, sich nicht selber akzeptiert und mag, wie kann der andere für wertvoll halten, andere akzeptieren und mögen - und zulassen, dass er selbst gemocht, akzeptiert bzw. als wertvoll erachtet wird? Man zieht doch nur die Jacke an die einem passt - und wer sich selbst für nicht liebenswert hält, der glaubt auch den feurigsten Liebesbekundungen nicht wirklich, sondern fühlt sich evtl. davon sogar verkohlt.
Wenn ein Mensch nicht eine gewisse Zuneigung zu sich selber hat, "holt" er sich entweder die Zuneigung durch eine Abhängigkeitsbeziehung, oder lehnt (teils unbewusst) Zuneigungsbekundungen generell ab. Andererseits kann das dann auch als Egoismus mutieren, indem der Mensch sich trotzig sagt: Wenn ich schon keinen dazu bekomme mich so zu lieben wie ich bin, dann muss ich mir um so mehr gutes tun, und die andern können sonst wo bleiben ...
19.01.2007 - Beitrag von Thorin Moderator im Forum magic-way-of-life
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Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in Gottes neue Welt.
Bibelzitate:
Die Bibel in heutigem Deutsch, Liechtenstein: Deutsche Bibelgesellschaft, 1994, NT S. 26
(Matthäus 19.24)
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Wohl kaum eine andere Bibelstelle ist so missverstanden worden wie Jesu Gleichnis vom Kamel und Nadelöhr. Wie so oft beginnt die Verwirrung bereits bei der Übersetzung. Einige Exegeten glauben, dass es wegen der Ähnlichkeit der griechischen Wörter für «Tau» und «Nadelöhr» zu einem Schreib- bzw. Übersetzungsfehler gekommen ist, was allerdings wenig an der Bedeutung des Gleichnisses ändern würde. Plausibler erscheint mir die Deutung, die sich auf die antiken Stadtmauern (zum Beispiel von Jerusalem) bezieht, die an manchen Stellen offenbar so schmal waren, dass ein Kamel nur mit Mühe hindurchkommen konnte und die deshalb - wie im heutigen Sinne - als «Nadelöhr» bezeichnet worden sein sollen.
Legt man die letztere Interpretation zugrunde, dann sah Jesus den Himmel für die Reichen keineswegs hoffnungslos versperrt, sondern wollte nur darauf hinweisen, dass das Himmelstor eng sei und man seine Habe hinter sich lassen müsse, um es durchschreiten zu können. Eine solche Deutung deckt sich sowohl mit der Haltung vieler weiser Menschen von Laotse bis Gandhi als auch mit der Volksweisheit, dass man beim Tod nichts mit sich nimmt. Was es für den Reichen so schwer macht, die Himmelspforte zu passieren, wäre demnach die Versuchung, am Reichtum anzuhaften, das heißt, sich weitestgehend über materiellen Besitz zu definieren und immaterielle Werte zu vernachlässigen. Eine ähnliche Haltung vertraten die Stoiker, deren Gedanken um die Zeitenwende auch in der römischen Provinz Palästina verbreitet waren. Das stoische habere ut non besagt, dass man materiellen Gütern gegenüber immer die gleiche Haltung bewahren solle, unabhängig davon, ob man über sie verfügt oder nicht, anders formuliert: Es ist nicht wichtig, was man besitzt, sondern wie man besitzt.
Hat ein Armer es leichter, in den Himmel zu kommen als ein Reicher? Der Tiefenpsychologe C.G. Jung zitiert zu dieser Frage ein schweizerisches Sprichwort: «Hinter jedem Reichen steht ein Teufel, und hinter jedem Armen - zwei.» Der Teufel, der hinter dem Reichen steht, ist wie gesagt die Versuchung, sich am Reichtum festzuklammern. Der zweite Teufel, der bei den Armen noch hinzukommt, ist die Gier nach Reichtum. So gesehen hätten es die Reichen also leichter, in den Himmel zu kommen, da sie sich «nur noch» vom Anhaften befreien müssen, während die Armen noch den Schritt vor sich haben, erst einmal zu Reichtum zu gelangen. Diese Schlussfolgerung trifft aber nur auf den Armen zu, der im Reichtum eine unabdingbare Voraussetzung für Glück und Zufriedenheit sieht. Nimmt er dagegen eine stoische Haltung zum Reichtum ein, oder betrachtet er im christlichen Sinne Reichtum als Instrument, um im Sinne Gottes zu wirken, so steht ihm die Himmelspforte genauso weit offen, wie dem Reichen, der nicht an seinem Besitz klebt.
Heute wird in Deutschland viel über die Sozialverpflichtung des Eigentums (nach Artikel 14 des Grundgesetzes) diskutiert. Da sich die Politik im Zuge der Globalisierung mehr und mehr aus der Verantwortung gegenüber der Armut in der Welt zurückzieht, hängt das Überleben vieler Millionen von Menschen und ein menschenwürdiges Leben von Milliarden davon ab, inwieweit die Reichen dieser Erde bereit sind, ihren Besitz - soweit er über das hinausgeht, was sie zu einem zufriedenen Leben brauchen - freiwillig ihren notleidenden Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Wer als Reicher sich so verhält, braucht gar nicht auf einen Himmel im Jenseits zu warten. Jeder, der seinen Reichtum - sei er materiell oder ideell - in den Dienst der Schöpfung stellt, ist in dem Augenblick im Himmel, wo er es tut: Der Himmel ist Schöpfung in Liebe. Diejenigen aber, die in Leid und Tod von Mensch und Natur investieren, um sich immer mehr persönlich zu bereichern, schmoren bereits in der Hölle, ehe sie ihren letzten Atemzug getan haben. Kein Luxus dieser Welt kann über die innere Leere des Nimmersatten hinwegtrösten: Die Hölle ist ein unstillbarer Hunger.
Ich habe den Eindruck, dass die Zahl der Reichen, die ihren Besitz sozialverantwortlich einsetzen, im Zeitalter der Globalisierung eher steigt als sinkt. Vielleicht ist hier ein Gesetz am Werke, dass Hölderlin mit den Worten beschrieb: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Sicherlich sind viele darunter, die sich überwiegend aus Prestigegründen sozial engagieren und dann trotz ihrer «guten Taten» in der Hölle oder im Bardo der Hungrigen Geister verweilen. Die Reichen aber, deren Gaben aus dem Herzen strömen, kommen nicht in den Himmel, sie sind der Himmel.
Andreas Tenzer, Köln im Juni 2007
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Es gibt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußeren Betragens.
Johann Wolfgang von Goethe:
Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 6, Romane und Novellen I, Die Wahlverwandtschaften, 10. Aufl. München: dtv, 1981, S. 397, II,5
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Die Höflichkeit des Herzens entspringt einer auf Selbstliebe gegründeten Liebe zur Schöpfung. Selbstliebe bedeutet, sich mit all seinem Licht und Schatten annehmen und herzlich umarmen. Die Haltung, die wir uns selbst gegenüber einnehmen, spiegelt sich in allem, was uns begegnet, besonders in der Kommunikation mit anderen Menschen. Können wir uns selbst ganz annehmen, ist die Folge eine natürliche Wahrnehmung und liebevolle Begrüßung des anderen als das, was es ist, sei es Stein, Pflanze, Tier oder Mensch.
Die Höflichkeit des Herzens zeigt sich vor allem darin, dass ein Mensch in seinem Denken, Fühlen und Handeln frei ist von hierarchischen Strukturen. Er schaut weniger auf das Trennende als auf das Verbindende. Sein Fokus ist auf das Sonnenhafte gerichtet, das in jedem Lebewesen latent oder manifest vorhanden ist, und das sich in jedem Akt des lichthaften Wahrnehmens und Wahrgenommenwerdens entflammt. Hierin unterscheidet sich die Höflichkeit des Herzens vom Zynismus des Zweifels, dessen schattenhaft fokussierter Blick zwanghaft auf das Dunkle im anderen gerichtet ist.
Aber auch von einer narzistischen Projektion des Lichthaften auf andere Wesen ist die Höflichkeit des Herzens zu unterscheiden. Idealisierungen und Verteufelungen sind gleichermaßen pathologische Formen von Wirklichkeitsflucht. Die im Herzen verankerte Höflichkeit basiert dagegen auf einer Grundhaltung, wie sie in der modernen Psychologie von Thomas A. Harris so formuliert wurde; "Ich bin o.k., Du bist o.k."
Das "Bequeme" dieser Haltung erkennt man leicht am Betragen der Menschen, die sie verkörpern. Sie erzeugen keine blockierenden Widerstände in der Kommunikation. Selbst die kritischsten Worte können freundlich aufgenommen und positiv verarbeitet werden, da die gegenseitige Wertschätzung jederzeit vorausgesetzt werden kann. Wo Höflichkeit des Herzens die Kommunikation regiert, da ist das "äußere Betragen" von einer herzerfrischenden Offenheit geprägt.
Andreas Tenzer, Köln im Januar 2007
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Es gibt Wahrheiten, aber keine Wahrheit.
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - II. Aus dem Nachlaß, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000, S. 1835
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Gott ist Liebe und WAHRHEIT! Am Ende aller Erkenntnis steht der lebendige Gott. Und Gotteserkenntnis korreliert mit Selbsterkenntnis. Aber: w i e kann ich mich selber erkennen? Selbsterkenntnis ist nicht Menschen- sondern Gotteswerk. Denn sonst könnte der Mensch in seinem geistigen Hochmut wieder etwas machen. Um den Kern des christlichen Glaubens befindet sich ein schützender Mantel, den kein Mensch aus eigener Kraft aufzuschließen vermag. Gott schaut das Herz des Menschen an, ob da jemand ist, der ehrlich und aufrichtig nach IHM in aller Demut sucht! WAHRHEIT UND HOCHMUT VERTRAGEN SICH NICHT!
Nur durch die Gnade Gottes und durch das Licht des Trösters (Hl. Geist), das der Herrgott dem ernsthaft, mit ganzem Herzen (!!) nach ihm Suchenden schenkt, kann der Mensch seine eigene Sündhaftigkeit und Projektivität erkennen und auch ertragen, da Gott den Menschen, wenn er ihm durch sein Licht reinen Wein (Jesus) einschenkt, in aller LIEBE (durch Jesus) auffängt! In der Schrift steht: "Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt Ihr nicht in das Himmelreich eingehen." D. h. für mich aufgrund meiner höchstpersönlichen Erfahrung, dass sich Gott "nur" dem Menschen nähert, der IHN einfältig und demütig mit ganzem Herzen und nicht mit dem Kopf sucht! Auch Nikodemus, der hochgelehrt und gebildet war und in der Gesellschaft ein sehr hohes Ansehen besaß, wurde von Jesus gesagt, dass er von neuem geboren werden müsse, von oben her aus Wasser und Geist, um in das Himmelreich eingehen zu können. Auch sehr gute Bildung, hoher IQ oder Prestige nützen der Seele nichts, um wirklich zur Ruhe kommen zu können und glücklich zu werden.
Ein sehr gutes Beispiel ist das Gleichnis des verlorenen Sohnes, der, vergleichbar mit dem Narren des Tarots, strotzend vor jugendlicher Kraft und Stärke, die ganze Vielfalt der Welt durchschritten hatte und schlussendlich "bei den Schweinen" landete, sich dann neu besinnen m u s s t e, um dann in aller Einfalt "not"-wendigerweise demütig den Weg der UMKEHR zurück in seine ewige Heimat zu beschreiten. - "DAS VATERHAUS IST IMMER DA - WIE WECHSELND AUCH DIE LOSE - ES IST DAS KREUZ AUF GOLGATHA - HEIMAT FÜR HEIMATLOSE!" - Ein Leben ohne Anbindung an Gott, die ewige Wahrheit, ist wie ein Leben ohne sein eigentliches Element zu führen, quasi wie ein Fisch ohne Wasser. Es führt ad Absurdum und ins tiefe, dunkle Tal der Tränen, in die dunkle Nacht des Todes - wie sie von dem spanischen, christlichen Mystiker Juan de la Cruz beschrieben wird. ("Der Sünde Sold ist der Tod!")
Denn wir sind alle abgefallene Schöpfungskinder und damit dem Los des Ur-falls ausgeliefert und deshalb nicht mehr mit dem göttlichen Vater verbunden. Mit seiner fleischlichen Geburt läuft der Mensch verblendet und geistig blind hinaus in die Welt, um sein vermeintliches Glück zu suchen. Und jedes vermeintliche irdische Glück - eine Fata Morgana - hält ihn eine Weile gefangen - bis sie sich als Illusion erwiesen hat. So sucht man immer verzweifelter im Außen in der Hoffart der Welt nach Liebe, Wahrheit und Angenommensein - bis man so verzweifelt ist, dass man aufgrund der immer wiederkehrenden Desillusionierungen schicksalhaft zur Kapitulation mit der Welt gezwungen wird und in der tiefen dunklen Nacht, wenn man den Mut und die Demut aufzubringen wagt, Gott in seinem Sohn in Jesus Christus - der ewigen Wahrheit - begegnen darf. "Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." (NT Johannesevangelium)
Diese Erfahrung ist nicht leicht; man muss mutig sein, um den Blick in die eigenen Abgründe und plutonischen Tiefen zu wagen und seine eigenen Projektionen zu erkennen und damit die eigene Sündhaftigkeit - insofern, als ich das eigene Schlechte auf andere projiziere, um selber "gut" dazustehen. Man wird in diesem Prozess im Glutofen der Hölle bereits im Diesseits in Form eines tiefen, sehr schmerzhaften alchemistischen Prozesses so geläutert, dass man geistig-seelisch völlig nackt, dem Wahnsinn fast nahe - ganz ohne jegliche Schnörkel und blendende Maskerade - vor dem Gekreuzigten kniet und um Vergebung bittet. "VERGIB UNS UNSERE SCHULD - WIE AUCH WIR VERGEBEN UNSEREN SCHULDIGERN!"
In dieser dunklen Nacht hat man oft das Gefühl, im absoluten Nichts zu stehen, ja, ein völliges Nichts zu sein, da einem bei diesem Tiefpunkt alle weltlichen Masken und Verstellungen der adamitischen Natur von GOTT genommen werden. Es ist ein innerer Prozess des Todes, eine tiefe, sehr, sehr schmerzhafte innere Erfahrung, dem Stolz der Masken der eigenen Fehler absterben zu müssen als tiefe innere Not-"wendigkeit", ins wahre, echte und authentische Leben finden zu können. Ein Stirb und Werde, um dann zu einem neuen Leben in Liebe und Wahrheit erwachen und auferstehen zu dürfen und im Geist der Wahrheit weiter zu leben.
Dann kann ich mit der gesamten Christenheit jubelnd singen: "KOMM SCHÖPFER GEIST, KEHR BEI UNS EIN, BESUCH DAS HERZ DER KINDER DEIN, ERFÜLL UNS ALL MIT DEINER GNAD, DIE DEINE MACHT ERSCHAFFEN HAT!" Denn denen, die IHN (Christus, der Weg die Wahrheit und das Leben) aufnehmen, gibt er die Macht der Gotteskindschaft! Mit dieser tiefen geistigen Erkenntnis weiß ich, durch meine Neugeburt im Geiste Gottes ich bin kein einsames, verlassenes Individuum mehr im Sinne von " e i n s a m e (!) Spitze - sondern ich bin lebendiges Mitglied am Leib Christi, jener einzigen, allumfassenden (i.e. "katholisch" im etymologischen Sinne) Geistkirche, die jedwede Dualität überwunden hat! Denn: UNTER DEM KREUZE JESU ERFAHREN ALLE MENSCHEN DIE GLEICHE GNADE!
Ich weiß jetzt, dass alles mit allem verbunden ist, die ganze Menschheit eine große Familie ist - wir alle mit unserem himmlischen Vater brüderlich und schwesterlich vereint sind. Alles andere weltliche Denken ist eine große Illusion und führt ins Nichts. Doch, um es zum Abschluss noch einmal mit den Worten von Juan de la Cruz zu benennen, kann man erst, wenn man das NICHTS in tiefer, dunkler Nacht erfahren hat, zum ALLES finden! Ohne die Wahrheit ist alles NICHTS! Ohne Jesus, dem Weg, die Wahrheit und das Leben, ist nur Leid, nur Streit, nur Not nur Tod! "WENN JESUS WIRKLICH ZUGEGEN IST, GIBT ES WEDER SIEGER NOCH BESIEGTE - SONDERN NUR VERSÖHNTE!" (Gertrud von Lefort)
Shankara beschrieb die Unteilbarkeit der Wirklichkeit mit den Worten:
"Es gibt weder Schauende noch Schauen noch Geschautes.
Es gibt nur eine Wirklichkeit. Sie ist wandellos, formlos, absolut
Wie kann sie geteilt werden?
Es gibt nur eine Wirklichkeit - wie ein Meer zur Flutzeit, in dem sich alle Erscheinungen auflösen. Sie ist wandellos, formlos, absolut. Wie kann sie geteilt werden?
Die Ursachen unserer Täuschung lösen sich in ihr auf, wie Finsternis vor dem Licht schwindet. Sie ist das Höchste, das Absolute, das Eine ohne ein Zweites.
Wie kann sie geteilt werden?"
Aus der Zeitschrift "Transpersonale Psychologie und Psychotherapie" (1, 2008)
Dorothée Sondermann, Münster im April 2008
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Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.
Khalil Gibran:
Der Prophet, Zürich u. a.: Walther, 1998, S. 29
(Übersetzung (engl.): Fill each other\'s cup but don\'t drink from one cup. Aus: The Prophet, Khalil Gibran, Pan Books, 1993, S. 21)
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Alles, was in uns steckt, drängt nach Entfaltung. Vieles können wir allein aus dem Reich der Möglichkeit in die Wirklichkeit überführen. Jeder Mensch verfügt aber auch über ein schlummerndes Potenzial, das wachgeküsst werden möchte. Für Freundschaften, Partnerschaften und Ehen gilt gleichermaßen: Ihre Qualität hängt wesentlich davon ab, in welchem Maße es den Partnern gelingt, sich gegenseitig das Beste herauszukitzeln. Solche Beziehungen sind gekennzeichnet von einem stetigen Wachstum, das die Gegenwart anfüllt und mit Vorfreude in die Zukunft blicken lässt. Füllen Menschen einander den Becher, dann gehen sie aus Krisen gestärkt hervor und brauchen keine Angst vor dem gemeinsamen Altern zu haben. Wie liebevoll gelagerter Wein gewinnt ihre Beziehung mit den Jahren an Reife, Tiefe und Persönlichkeit.
Das Gegenteil ist der Fall bei Freunden oder Paaren, die aus einem Becher trinken. Sie gehen den Weg der künstlichen Angleichung und verlieren dabei ihre Persönlichkeit. Nur die Schnittmenge ihres Potenzials wird gelebt. So entsteht ein wachstumshemmendes, langweiliges Gebräu, und der Inhalt des Bechers schmeckt mit der Zeit immer bitterer und fader.
Einander den Becher füllen, bedeutet wechselseitige Erfüllung - aus einem Becher trinken, Verzicht auf individuelle Entfaltung.
Wolfgang Schmidt, Stuttgart im April 2007
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Gebt auf die Heiligkeit, werft weg die Erkenntnis, und die Welt kommt in Ordnung!
Dschuang Dsi:
Das wahre Buch vom südlichen Blütenland (Übersetzung von Richard Wilhelm), 1. Aufl. Köln: Anaconda, 2007, S. 130
(Buch XI,2 - Die Not der Zeit)
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Interpretation:
Hier werden gleich zwei Werte, die vielen im Westen heilig sind, fundamental infrage gestellt. Dabei war der Taoist Dschuang Dsi alles andere als ein Fundamentalist. Im Gegenteil: Dieses Zitat ist eine klare Absage an jede Form des Fundamentalismus.
Aber auch die meisten östlichen Lehren tun sich schwer mit dem radikalen Verzicht der Taoisten auf Wissens- und Wertesysteme jeglicher Art. Was würde wohl Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, zu Dschuang Dsis provokanter Aufforderung sagen? Würfe er seine Heiligkeit weg, bliebe dann etwa nur ein profanes Lama übrig, das seine Erkenntnis in die Welt hinausspuckt? Ich persönlich würde diese Frage verneinen, zumal auch die Taoisten nicht ganz ohne Werte auskommen. Inhaltlich unterscheiden sich nämlich die Lehren des Buddhismus im Allgemeinen - und die des Dalai Lama im Besonderen - gar nicht so sehr von dem, was Taoisten wie Laotse und Dschuang Dsi unter einem taoorientierten Leben verstehen. Der Hauptunterschied ist auf dem ersten Blick zwar nur ein formaler, aber dennoch von fundamentaler Bedeutung.
Es geht prinzipiell um die Frage, ob das Tao - als universelles Schöpfungsprinzip, das alle wirkliche und mögliche Erkenntnis umfasst - selbst erkannt werden kann. Die Taoisten verneinen dies. Sie sagen, man könne das Tao zwar leben, jedoch niemals erkennen. Daraus ziehen sie die Schlussfolgerung, dass es für alle verbindliche Erkenntnisse und Werte nicht geben kann. Wer mit dem Anspruch der Heiligkeit auftritt, maßt sich ihrer Einschätzung nach an, als Einzelwesen die Weisheit des Tao in vollkommener Weise zu verkörpern. Dies sei aber nicht möglich, da das Tao weder heilig noch unheilig sei, sondern sowohl das Heilige als auch das Unheilige verkörpere, sowie das permanent sich im Fluss befindliche Spannungsfeld zwischen beiden Polen (im Taoismus als Yin und Yang bezeichnet).
Dschuang Dsis Aufforderung, Heiligkeit und Erkenntnis wegzuwerfen, ist der Appell, auf egozentrische Werte und Erkenntnisse zu verzichten und sich stattdessen der universellen Weisheit des Tao anzuvertrauen. Heilig und weise ist ein Mensch demnach nur, wenn er im Einklang mit dem Tao lebt und nicht der Versuchung erliegt, einen Teilaspekt des Tao auf seine Fahnen zu schreiben und diesen in Form einer allgemein verbindlichen Lehre für die ganze Wahrheit zu erklären.
Damit die Welt in Ordnung kommt, muss nach Dschuang Dsi also nichts getan, sondern etwas unterlassen werden (Wu wei). Wer darauf verzichtet, dem Tao seine subjektive Heiligkeit und Erkenntnis entgegenzustellen und sich ihm stattdessen freiwillig als Instrument zur Verfügung stellt - wie etwa die Geige dem Geiger - "tut" alles, was notwendig ist, um die Welt in Ordnung zu bringen. Wer dagegen die Welt nach seinen eigenen Prinzipien ordnen oder gar retten will, bringt nicht nur andere, sondern auch sich selbst in Gefahr:
«Unser Leben ist endlich; das Wissen ist unendlich. Mit dem Endlichen etwas Unendlichem nachzugehen, ist gefährlich. Darum bringt man sich nur in Gefahr, wenn man sein Selbst einsetzt, um die Erkenntnis zu erreichen.»
(Quellennachweis siehe Autor > Dschuang Dsi)
Andreas Tenzer, Köln im November 2007
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Gerade die einfachsten, die klarsten Ideen, gerade die sind meist schwerer zu verstehen.
Fjodor M. Dostojewski:
Der Jüngling, Sämtliche Werke in zehn Bänden, 1. Aufl. München: Piper, 2004, S. 125
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Interpretation:
Es gibt drei Hauptarten von Einfachheit. Die am weitesten verbreitete ist die dumme Einfachheit, auch Einfältigkeit genannt. Aus Mangel an Wissen, Differenzierungsvermögen und Urteilskraft neigen die Einfältigen zu verallgemeinernden Werturteilen nach dem Muster "Alle x sind y." wie etwa "Hartz IV-Empfänger sind faul". Ein weiteres typisches Merkmal der Einfalt sind einfache Patentrezepte für komplexe Zusammenhänge wie etwa "Ausländer raus, und das Problem der Arbeitslosigkeit ist gelöst".
Während die dumme Einfachheit auf Mangel an Wissen beruht, basiert die naive Einfachheit auf Intuition. Ob eine Intuition richtig oder falsch ist, hängt wesentlich davon ab, aus welcher Quelle sie gespeist wird. Steht man in Verbindung mit einer höheren Intelligenz, die als innere Stimme stets die optimale Lösung bereithält, oder geht man seinen eigenen fehlgeleiteten Obsessionen auf den Leim? Kinder haben oft eine verblüffend gute Intuition, solange sie noch mit sich im reinen sind. Wer sich dagegen im Zustand innerer Zerrissenheit befindet, kann sich auf seine Intuition nicht verlassen.
Die dritte Form der Einfachheit ist die eines weisen Menschen. Es handelt sich dabei um eine aus Beobachtung, Reflexion und Intuition entstandene kristallisierte Einfachheit. Sie resultiert daraus, dass die in ihrer Komplexität wahrgenommenen Zusammenhänge auf die einfachste denk- bzw. kommunizierbare Form zurückgeführt werden. Diese Einfachheit können nur diejenigen verstehen, die durch die Komplexität hindurchgegangen sind, das heißt, weder vor ihr stehen geblieben (wie die Dummen) noch in ihr stecken geblieben sind (wie die Gelehrten).
Da diese Form der Einfachheit eine Seltenheit ist, sind die einfachsten und klarsten Ideen für die gespaltene, unreflektierte Mehrheit schwer verständlich.
Andreas Tenzer, Köln im April 2007
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Geschwätz ist jede Konversation mit einem, der nicht gelitten hat.
Emile Michel Cioran:
Die verfehlte Schöpfung, 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, S. 105
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Interpretation:
Cioran spricht hier nicht von einer leidvollen Erfahrung, die am darauffolgenden Tag bereits wieder vergessen ist, denn in diesem Sinne hat schließlich jeder Mensch mehr als ein Mal gelitten. Gemeint ist ein Leid, das den Menschen in seinen Grundfesten erschüttert, ihn an den Rand der Verzweiflung bringt. Die meisten Menschen versuchen sich vor einem solchen existenzbedrohenden Leid zu verbarrikadieren, was dieses jedoch nicht daran hindert, immer wieder erneut anzuklopfen.
Die einzige Möglichkeit, dieses Leid nicht direkt einzulassen, besteht darin, es nicht fühlen zu wollen. So kann man es sich wenigstens eine Zeit lang vom Leibe halten. Der Preis dafür ist eine schleichende Verkümmerung des Gefühls, bis schließlich Freude und Leid nur noch innerhalb einer engen Bandbreite empfunden werden können. Deshalb weiß – wer nie existenziell gelitten hat – weder was Freude, noch was Leid ist.
Wer dagegen die Höllenqualen eines herzzerreißenden Leids durchlebt hat, bleibt empfänglich für die gesamte Palette menschlicher Gefühle von der höchsten Ekstase bis zum qualvollsten Schmerz. Gelingt es ihm dann noch, beliebige Gefühlszustände mit Gleichmut hinzunehmen, das heißt in der Ekstase den Schmerz und im Schmerz die Ekstase mitzufühlen, was wäre dann für einen solchen Menschen die Konversation mit einem gefühlsgestutzten Gegenüber anderes als sinnloses Geschwätz?
Andreas Tenzer, Köln im Dezember 2006
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Ist Liebe ein Gefühl? Ich glaube nein. Liebe ist eine Ekstase.
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - II. Aus dem Nachlaß, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000, S. 1130
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Hier ist nicht die Rede von einer bestimmten Form der Liebe, wie etwa die Liebe zum Partner, zu seinen Kindern oder zur Natur. Solange die Liebe sich auf bestimmte Objekte richtet, bleibt sie relativ in dem Sinne, dass man bestimmte Gefühle für einen Menschen oder einen Gegenstand empfindet.
Die eigentliche Liebe aber, das heißt Liebe als Ekstase, existiert nur losgelöst von Subjekt-Objekt-Beziehungen. Damit ist nicht gemeint, dass die „unrelative“, absolute Liebe als Ekstase sich nicht in Beziehungen offenbarte. Im Gegenteil: Diese Form der Liebe ist reine Beziehung ohne Bezugspunkte.
Das lateinische Wort exstasis (= Verzückung) ist von exstare abgeleitet, was herausstehen bedeutet. Die Verzückung der wahren Liebe erfährt nur, wer aus sich heraustritt, das heißt, seine subjektive Intentionalität mit all ihren Wünschen und Trieben übersteigt und sich in einen unbedingten Raum begibt, in dem Beziehungen frei von gegenseitigen Projektionen sind. Liebe als Ekstase haftet nicht; sie ist frei schwebend und kennt weder Du noch Ich.
Musil hatte allerdings Zweifel, ob diese reine Form der Liebe für irdische Wesen lebbar sei. Das folgende Zitat lässt vermuten, dass er sie eher als ein regulatives Prinzip verstand: "Man kann wahrscheinlich auf Erden nicht vollkommen lieben!" (Der Mann ohne Eigenschaften, a.a.O., S. 814)
Andreas Tenzer, Köln im November 2006
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Jedes andere Gefühl als das grenzenlose ist wertlos.
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 576
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Viele Menschen erleben Gipfelerfahrungen, in denen momenthaft die Dualität von Sein und Bewusstsein aufgehoben ist, so als hätten sich für einen winzigen Augenblick die Himmelsschleusen geöffnet.
Wie Heroin kann eine einzige Erfahrung dieser Art süchtig machen. Bei den Schamanen spricht man von einer Schamanenkrankheit, wenn eine zwanghafte Veranlagung zu chronischer Liminalität gegeben ist, das heißt zu einer Haltung zum Leben, in der fast ausschließlich den grenzüberschreitenden Momenten Bedeutung beigemessen wird. Krankhaft ist eine solche Lebenseinstellung jedoch nur, wenn es dem chronischen Grenzgänger zwischen Diesseits und Jenseits nicht gelingt, seine mystischen Erfahrungen in das alltägliche Leben zu integrieren.
Bedenkt man, dass es zu Musils Zeiten noch keine transpersonale Psychologie gab, die bei der Integration eine wertvolle Hilfestellung hätte bieten können, ist es nicht verwunderlich, dass Musil sich zunehmend einsam gefühlt haben soll und sich immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzog. Zu groß wurde für ihn die gefühlsmäßige und geistige Diskrepanz zwischen äußerer und innerer Wirklichkeit. Wer – wie Musil – das grenzenlose Gefühl mystischer Gipfelerfahrungen (als bedingungslose Hingabe/Liebe) kennt, kann nachvollziehen, warum für ihn jedes andere Gefühl wertlos werden konnte.
Andreas Tenzer, Köln im März 2007
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Man kann seiner eignen Zeit nicht böse sein, ohne selbst Schaden zu nehmen.
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 59
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Robert Musil war seiner eigenen Zeit böse und hat dabei offensichtlich Schaden genommen. Seine Biografen berichten fast übereinstimmend, Musils Lebenswille habe in seiner zweiten Lebenshälfte deutlich abgenommen.
Der kristallklare Spiegel, den er wie kaum ein anderer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts auf subtile Weise seiner eigenen Zeit vors Gesicht hielt, hat bei ihm selber Lähmungserscheinungen ausgelöst, die aufzulösen sein eigentlicher literarischer Antrieb war. Das war der Preis, den er für sein konsequentes „Nichtwegsehenwollen“ bezahlte.
Quantenphilosophisch und tiefenpsychologisch informiert wie inspiriert, ist er in Tiefenregionen des individuellen und gesellschaftlichen Daseins vorgedrungen, die ihn die drückende Last seiner Zeit ebenso schwer auf seinen Schultern spüren ließ wie das Drama seiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Hier sind Parallelen zu Franz Kafka unverkennbar. Anders als dieser hat Robert Musil jedoch der desillusionierenden kalten Wirklichkeit etwas entgegengestellt, was er den „Möglichkeitssinn“ nannte, das heißt die Fähigkeit, hinter allem Realen das zu sehen, was ebensogut hätte Wirklichkeit werden können.
Für Musil war diese Sichtweise nie eine Flucht ins Irreale, sondern eine Überlebensstrategie in einer Zeit, die sich auf Gedeih und Verderb mit dem Tod verbündet hatte. Dabei hat er eine Perspektive eingenommen, die weit über seine Zeit hinausweist, quasi eine philosophia perennis im Zeitalter von Auschwitz und Quantenphysik.
Andreas Tenzer, Köln im Februar 2007
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Man will besitzen und wird besessen.
Andreas Tenzer:
www.zitate-aphorismen.de
(Übersetzung (engl.): Wanting to possess you get possessed.)
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Interpretation:
Als ich dieses Zitat zum ersten Mal las, war die Weltfinanzkrise 2008 in aller Munde. Zunächst dachte ich, das Zitat sei ein Kommentar zu diesem Thema, doch dann wurde mir klar, dass es hier um eine fundamentale Daseinsweise menschlicher Existenz geht (angedeutet durch das unpersönliche "Man" am Anfang).
Der Gedanke ist gewiss nicht neu, doch mir gefällt die Prägnanz, mit der hier auf den Punkt gebracht wird, was die Menschheitsgeschichte wesentlich ausmacht. Man muss kein Skeptiker sein, um das so zu sehen. Es reicht völlig aus, von der Geschichte der Menschheit alles abzuziehen, was mit dem Besitzenwollen und der daraus resultierenden Besessenheit zusammenhängt. Was bliebe dann noch übrig?
Alliterationen sind oft konstruiert und künstlich. Hier erscheinen mir aber beide als natürlich, weil ich zu keinem einzelnen Wort eine sinnvolle Alternative sehe. "Will" steht für das, was der Mensch erreichen will und "wird" für das, was er tatsächlich erreichen wird. Und das ist das genaue Gegenteil dessen, was er beabsichtigt und sich gewünscht hat.
Die akausale Verknüpfung ("und") von Besitzenwollen und Besessenwerden erscheint mir konsequent, denn der Zusammenhang zwischen beiden ist den meisten Menschen offenbar nicht klar - sonst würden sie sich wahrscheinlich anders verhalten.
Die doppelte Bedeutung des Wortes "besessen" verleiht der Aussage eine zusätzliche Dimension: Das Streben nach Besitz macht das Subjekt zunächst zum Objekt des Besitzes, was eine dialektische Umkehrung des Besitzverhältnisses bedeutet. Da das Streben unausweichlich zum Gegenteil dessen führt, was man will, wird schließlich immer verbissener nach Besitz gejagt, was zwangsläufig zur Besessenheit führt. Opfer dieses fatalen Teufelskreises sind Mensch und Natur gleichermaßen.
Auch wenn die Aussage des Zitats zeitlos ist, so beschreibt es in meinen Augen doch im besonderen das Dilemma, in dem sich die Erde und seine Bewohner am Beginn des dritten Jahrtausends befinden.
Ferdinand G., Wien im Dezember 2008
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Moral ist Zuordnung jedes Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand!
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 869
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Interpretation:
Die Basis jeder Moral ist die Annahme, dass verschiedene Lebenssituationen vergleichbar seien. Moralische Grundsätze haben insofern eine entlastende Funktion, als sie den Menschen, der sich nach ihnen richtet, von dem Zwang befreien, in jedem Augenblickszustand neu zu entscheiden, was zu tun ist. Stattdessen braucht der moralische Mensch seine Grundsätze einfach nur auf die Kategorie anzuwenden, in die er die jeweilige Situation eingeordnet hat.
Hier stellt Musil die entscheidende Frage: Sind verschiedene Lebenssituationen prinzipiell vergleichbar? Wenn ja, wäre die Entlastungsfunktion der Moral gerechtfertigt, andernfalls aber würde sie den Menschen daran hindern, eine der jeweiligen Lebenssituation angemessene Entscheidung zu treffen.
Robert Musil geht davon aus, dass jeder Augenblickszustand einzigartig ist und seine Zuordnung zu einem Dauerzustand somit „unmoralisch“. Dazu schreibt er an anderer Stelle: „Der moralischste von allen Sätzen ist der: die Ausnahme bestätigt die Regel!“ (a.a.O., S. 747). Häufig führt Musil Beispiele aus dem Rechtswesen als Belege für seine These an. Jedes Verbrechen sei einzigartig und unvergleichbar, während das Strafmaß in der Regel gleich sei oder sich in relativ engen Bandbreiten bewege. Urteile jeder Art, besonders aber richterliche, seien deshalb lediglich durch die praktische Unmöglichkeit zu begründen, eine einzigartige Augenblickssituation angemessen einzuschätzen.
Andreas Tenzer, Köln im März 2007
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Nie ist das, was man tut, entscheidend, sondern immer erst das, was man danach tut!
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 735
(Übersetzung (engl.): Never is decisive what you do, but only what you do after that!)
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Interpretation:
Ein Sohn verlässt seinen Vater, dann kehrt der verlorene Sohn zurück. Nicht der Weggang ist das Entscheidende, sondern die Wiederkehr.
Ein Mensch liebt einen anderen, dann tritt er ihn mit Füßen. Nicht die Liebe ist entscheidend, sondern der Fußtritt.
Würde jemand versuchen, eine Überschrift für die Bergpredigt zu finden, könnte er sie treffender formulieren, als Musil in jenem prägnanten Satz? Wer Musils Aussage verinnerlicht, den befreit sie mit einem Schlag von allem, was er bisher getan hat. Der Preis dieser Befreiung ist die volle Verantwortung für das, was man danach tut.
Denkt man den Satz konsequent zu Ende, dann kommt unserer letzten Tat, unserem finalen Blick auf die Welt, die wir im Augenblick unseres Todes verlassen, eine entscheidende Bedeutung zu: Scheiden wir in Hass, Gleichgültigkeit, Liebe?
Wer daran glaubt, dass es auch im Tod noch ein „Danach“ gibt, für den hat die Geschichte hier noch kein Ende. In aller Ewigkeit wird entscheidend bleiben, was wir danach tun, das heißt: JETZT!
Andreas Tenzer, Köln im Dezember 2006
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Philosophen sind Gewalttäter, die keine Armee zur Verfügung haben und sich deshalb die Welt in der Weise unterwerfen, daß sie sie in ein System sperren.
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 253
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In der Tat haben die Philosophen nach Sokrates die Idee einer Welt in ständigem Wandel (Heraklit) recht gewaltsam verdrängt, und die modernen Wissenschaftler haben viel von dem dann entstandenen und auch von Christen übernommenen idealisierenden Weltbild - ihren Idealismus-Glauben - übernommen und bis heute in die Form universalistischer Naturgesetze gesperrt.
Alfred aus Bern (CH), Juli 2007
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Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.
Franz Kafka:
Er, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1968, S. 202
(Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg)
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Interpretation:
Siehe Interpretation zum Kafka-Zitat:
Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet?
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Unser Leben ist endlich; das Wissen ist unendlich. Mit dem Endlichen etwas Unendlichem nachzugehen, ist gefährlich. Darum bringt man sich nur in Gefahr, wenn man sein Selbst einsetzt, um die Erkenntnis zu erreichen.
Dschuang Dsi:
Das wahre Buch vom südlichen Blütenland (Übersetzung von Richard Wilhelm), 1. Aufl. Köln: Anaconda, 2007, S. 64
(Buch III,1 - Stilles Bescheiden)
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Interpretation:
Siehe Interpretation zum Zitat von Dschuang Dsi:
«Gebt auf die Heiligkeit, werft weg die Erkenntnis, und die Welt kommt in Ordnung!»
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Vorsicht vor den Gutmütigen! Der Umgang mit ihnen erschlafft.
Friedrich Nietzsche:
Werke IV - Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre, 6. Aufl. Frankfurt/M u. a.: Ullstein, 1969, S. 393
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Interpretation:
"Ich meine es doch nur gut mit dir!" Wer hat diesen Spruch nicht schon mal gehört? Dahinter steckt ein psychologischer Imperialismus, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass man selber besser als der andere weiß, was gut für ihn ist. In Kombination mit "guten" Ratschlägen und einer scheinbar altruistischen Hilfsbereitschaft ist dieser Spruch für jedes ratgeschlagene und verholfene Opfer entwaffnend.
Der missionarisch Gutmütige bietet kaum Angriffsfläche, da er es offenbar immer gut meint. Hat er die imperiale Grundmotivation seiner Gutmütigkeit erfolgreich verdrängt, ist er besonders gefährlich, weil er von seiner Güte vollkommen überzeugt ist. Da in diesem Fall ein Kampf gegen die Invasion der Güte mangels Angriffsfläche als wenig aussichtsreich erscheint, bleiben dem mit imperialer Güte bombardierten Opfer in der Regel nur zwei Alternativen: Kapitulation vor dem "guten" Imperator durch Unterwerfung unter seinen guten Willen - oder Flucht vor dem übermächtig freundlichen Feind.
Für Nietzsche kam weder Kapitulation noch Flucht vor dem Feind infrage. So blieb ihm nur der scheinbar aussichtslose Kampf. Vier Jahre war er alt, als sein Vater starb. Von da an wurde er erzogen von seiner Mutter, zwei unverheirateten Tanten, einem Kindermädchen und seiner Großmutter. Als Reaktion auf die mit überfürsorglicher Gutmütigkeit bewaffnete weibliche Armada erklärte Nietzsche nicht nur der familiären Gutmütigkeit den Krieg, sondern allen Weltanschauungen und Mächten, die auf dem Prinzip Güte aufgebaut sind.
Dass Nietzsche im Christentum seinen Hauptfeind entdeckte, war naheliegend. Im Kampf gegen seinen heimischen Weiberclan hatte er einen detektivischen Spürsinn entwickelt für alle schwachen Menschen und Institutionen, die ihre eigene Stärke aus der Schwächung anderer beziehen. Der Hauptvorwurf gegen das nach Nietzsches Überzeugung dekadente Christentum bestand darin, dass es mit missionarischem Eifer den Menschen einen fremden Willen einimpfen will, um ihren eigenen Willen zur Macht und zur freien Entfaltung zu betäuben.
Wer die paralysierenden Injektionen bereitwillig über sich ergehen lässt, dessen Muskeln erschlaffen ebenso wie sein Geist. Er mutiert zum willfährigen Sklaven einer Herdenmoral, die am geistigen Fließband schwache Schafsnaturen erzeugt.
Als gebranntes Kind war Nietzsche der Blick für eine Gutmütigkeit der Stärke zunächst verstellt. Erst in der Gestalt des Übermenschen im Zarathustra finden sich Hinweise darauf, dass er genau diese Form der Gutmütigkeit gesucht hat: den freien, willensstarken Menschen, dessen Vater nicht im Himmel wohnt, sondern auf Erden; ein Mensch, der keinen Gott mehr braucht, weil er sein eigener Vater ist. Nietzsches Übermensch ist immun gegen alle Injektionen der imperialen Schwäche.
Der Preis, den er für die Befreiung von einer als Gutmütigkeit getarnten falschen Liebe bezahlen muss, ist ein Leben, das im wesentlichen aus Kampf besteht. Der Lohn dieser Befreiung besteht in der Möglichkeit, in sich und in der Welt eine Gutmütigkeit zu entdecken, die frei ist von jeglicher Instrumentalisierung, das heißt die seltene Form der übermenschlich mächtigen, unsterblichen Liebe, in der Eigenwille und Schöpfungswille eine unzertrennliche Einheit bilden.
Andreas Tenzer, Köln im September 2007
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Wann verstehst du einen Menschen? Du mußt ihn mitmachen [...]. Du mußt sein wie er: aber nicht du in ihn hinein, sondern er in dich hinaus!
Robert Musil:
Der Mann ohne Eigenschaften - Roman/I. Erstes und zweites Buch, 16. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2002, S. 713
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Interpretation:
Unter „Verstehen“ versteht der gewöhnliche Mensch - ebenso wie der konventionelle Wissenschaftler - die Einordnung äußerer Erscheinungen in das kategoriale System des eigenen Wissens. Wer so vorgeht, macht sich alles Äußere zu eigen und entfremdet auf diese Weise die Objekte seines „Verstehens“ von dem, was sie eigentlich sind.
Um jemanden wirklich zu verstehen, muss man ihm den Raum geben, in den hinein er sich selbst verstehen kann. Ein solches Verstehen ist das Gegenteil eines zergliedernden Analysierens: Es ist das stille, durch achtsame Anteilnahme formende Beobachten des Prozesses, in dem der andere sich auf heilsame Weise zu einem Ganzen zusammensetzt.
Einfühlungsvermögen bedeutet also nicht, sich in den anderen hineinfühlen, sondern den anderen in sich zu fühlen. Statt eines wissenden Belehrens ist diese Art des Verstehens liebendes Entflammen. So ist es kein Zufall, dass wir uns dann am besten verstanden fühlen, wenn uns jemand auf präsente Weise zuhört.
Andreas Tenzer, Köln im November 2006
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Was immer du anschaust, schaut dich an.
Andreas Tenzer:
www.zitate-aphorismen.de
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Interpretation:
Dieser Satz hat mich zu folgendem Gedicht animiert:
Das Auge und seine Augen
Mein Blick ist unendlich - und das Erdengeschehn
nur ein winziger Punkt auf der Bühne.
Wer könnte mit meinen Augen sehn,
der vergäße Verbrechen und Sühne.
Wenn ihr diese Worte auch deutlich vernehmt,
sie stammen nicht aus meinem Munde,
denn wer auch immer nach Wahrheit sich sehnt,
der hat von Hier keine Kunde.
Doch könnte ein menschliches Ohr mich hören,
dem würde ich folgendes sagen:
"Lass dich von nichts und niemand betören,
durch unnützes Wissen und Fragen!"
Und fragt mich doch jemand: "Wer bist du nun?",
auch dem könnt ich nichts andres sagen,
als ein Zustand des Schauens im ewigen Ruhn,
an dem keine Zeiten je nagen.
Mein Auge blickt leuchtend aus allem, was lebt,
heiter dir mitten ins Herz.
So seh ich die Freude, die in ihm bebt,
wie auch Sorge, Kummer und Schmerz.
Willst du dich von falschen Bildern befrein,
dann schau den Dingen ins Auge hinein.
In Mensch und Tier, in Pflanze und Baum,
wirst du nur dein eigenes Antlitz erschaun.
Jetzt siehst du kein Haus, keinen Stuhl, keinen Tisch,
in dem du was andres entdeckst als mich.
Und fürchtest du nun, dich selbst zu verlieren,
so frage dein Herz, was es meint.
Und meint es: "Jetzt werde ich nie mehr frieren!" -
Dann sind wir in Liebe auf ewig vereint.
Andreas Tenzer, Köln, Heiligabend 2009
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Wer nicht den Willen Gottes kennt, der kann kein Edler sein.
Konfuzius:
Gespräche Lunyü, Wiesbaden: Marix, 2005, S. 274 (XX,3)
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Konfuzius kannte in diesem Sinne keinen "Gott".
Diese Formulierung findet sich allerdings immer wieder in der Übersetzung Richard Wilhelms (ein Theologe), der Konfuzius gerne diese westliche / christliche Sichtweise überstülpte.
Wörtlich übersetzt müsste es heißen "Himmel", womit eher die Naturgesetze oder so etwas wie Schicksal gemeint ist als Gott.
Mann kann sich den "Himmel" bei Konfuzius ähnlich wie das "Tao" / "Dao" im Taoismus vorstellen: Es ist das Prinzip höchster Harmonie und Vollkommenheit, aber kein eigentliches Wesen, wie man es sich unter dem Begriff "Gott" vorstellen würde.
Dennis Rothfuchs im Juli 2008
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Wer rudert, sieht den Grund nicht.
Wilhelm Busch:
Spruchweisheiten & Gedichte, Leonberg: Garant, 2007, S. 15
(Aus: Ernstes und Heiteres)
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Ob in einem stillen Gewässer, ob mit dem Strom oder gegen ihn: Der Ruderer setzt die Kraft seiner Arme ein, um sich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Sein Blick ist horizontal ausgerichtet. Er steuert sein Boot an der Oberfläche des Elementes, das ihn trägt und dessen Tiefe ihn nur insoweit interessiert, wie sie ihm sein Vorankommen ermöglicht.
Der Ruderer kennt seine vordergründigen Beweggründe: Er will seine Muskeln stählen, seine Kondition verbessern, seine Kräfte messen, einen Preis gewinnen oder sich einfach nur in freier Natur bewegen. Der Grund, auf dem er sich bewegt, wird ihm einerseits durch sein Boot verstellt, andererseits durch die zielgerichtete Konzentration, die seine Aktivität begleitet. Jede Blickverengung wirkt punktuell leistungssteigernd. Aber wie bei Mikroskop und Teleskop wird auch jede Zunahme der Vergrößerungskraft mit einer Verkleinerung des Blickfeldes bezahlt.
Den Vergrößerungsapparaten - als Instrumente der Konzentration - verdanken wir ganz wesentlich den Fortschritt in Wissenschaft und Technik der letzten Jahrhunderte. Die damit verbundene Ausweitung von Konsummöglichkeiten haben wir uns jedoch mit einer Verstellung des Blicks für das Ganze, das heißt mit Sinnverlust, erkauft. Bereits vor mehr als zweieinhalb Tausend Jahren hat der Taoist Laotse vor den Konsequenzen einer rein immanenten Geschäftigkeit gewarnt, die die jeder Handlung innewohnende transzendente Dimension ignoriert.
Die Hauptströmungen der östlichen Philosophie, allen voran Taoismus, Buddhismus und Hinduismus, haben daraus jedoch nicht den falschen Schluss gezogen, dass der Mensch sich vom aktiven Leben gänzlich fernhalten solle. Der Ruderer braucht seine Paddel nicht abzugeben, wenn es ihm gelingt, bei seiner Tätigkeit weder den Grund des Gewässers, auf dem er sich bewegt, aus den Augen zu verlieren, noch den existenziellen Grund seines Daseins. Dem fest im Urgrund des Ganzen verankerten flexiblen Ruderer gelingt das Kunststück, gleichzeitig zu rudern und nicht zu rudern. Diese dem westlichen Denken paradox anmutende Betrachtungsweise wird im Taoismus als Wu wei bezeichnet und bedeutet Einsicht in die Tatsache, dass das absolute "Subjekt" allen Handelns das Tao ist - als Gesamtheit aller Möglichkeiten und Wirklichkeiten.
Andreas Tenzer, Köln im März 2008
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Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet?
Franz Kafka:
Er, Frankfurt am Main: S. Fischer, 1968, S. 197
(Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg)
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Was bedeutet kafkaesk ? Eine kafkaeske Situation beschreibt letztlich immer die gleichzeitige Unmöglichkeit, in die Welt und aus der Welt zu fliehen. Es handelt sich um einen Schwebezustand, in dem beide Möglichkeiten theoretisch realisierbar erscheinen, jedoch praktisch unmöglich sind. Bei Kafka zeigt sich diese absurde Pattsituation zwischen zwei in entgegengesetzte Richtungen fliehenden Kräften am klarsten in Bezug auf sein Verhältnis zu Frauen.
Wie wir aus zahlreichen Briefen an seine Geliebten wissen, hat er sich zwei Jahrzehnte lang nach dem Ehebett gesehnt und ist immer wieder davor zurückgeschreckt, sich auf eine feste Bindung im bürgerlichen Sinne einzulassen. Die Flucht in die Welt war für Kafka eine permanente, latente, reale und gleichzeitig unrealisierbare Option.
Psychologen und Germanisten haben Kafka einen Ödipuskomplex unterstellt, wofür das Verhältnis des Schriftstellers zu seinen Eltern, insbesondere zum Vater, hinreichend Argumente liefert. Diese Deutung scheint mir jedoch zu einfach, da sie die existenzialistische und metaphysische Dimension, die Kafkas Leben und Werk prägten, außer Acht lässt. Franz Kafka war ein Sisyphus, der sich bewusst weigerte, den Stein zu Berge zu tragen, ohne im Tal seine Ruhe zu finden.
Menschen, die massenhaft wie die Lemminge in eine Welt der oberflächlichen Freuden flüchten, konnten für Kafka keine nachahmenswerten Vorbilder sein. Aber eine lebenstaugliche Alternative dazu war für ihn ebenso wenig in Sicht. In Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg schreibt er: «Dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreichbar.» Der Weg zurück zur verloren gegangenen Naivität einer kindlichen Freude am Leben war Kafka verbaut, ein Schicksal, das er mit allen Erwachsenen teilt. Jedoch weigerte er sich konsequent wie kaum ein anderer, in die Scheinfreuden der Erwachsenenwelt zu flüchten und blieb stattdessen beharrlich vor dem Tor sitzen, hinter dem er eine andere Welt dunkel zu erahnen glaubte.
Die Formulierung scheint im obigen Zitat deutet darauf hin, dass er es nicht für gänzlich unmöglich hielt, jenes Tor zu passieren, auch wenn es ihm persönlich nie gelang. Ein anderes Kafka-Zitat stützt diese Annahme: «Theoretisch gibt es eine vollkommene Glücksmöglichkeit: An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.»
Der letzte Satz dieses Aphorismus ist vielleicht die beste Definition für eine Lebensweise, die die alten Chinesen wu wei = Handeln im Nicht-Handeln nannten. In der Parabel Vor dem Gesetz ist gerade das Verlangen nach Einlass in das Gesetz (hier im Sinne des altchinesischen Tao zu verstehen) der Grund dafür, warum der Eintritt nicht möglich war. Das Warten auf Godot verhindert die Wahrnehmung seiner ewigen Gegenwart. Dieser Tatsache war Kafka sich zweifellos bewusst. In seinen Betrachtungen heißt es: «Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld ...».
Vielleicht hängt die Faszination, die Kafkas Werk auch heute noch auf tiefgründige Menschen weltweit ausübt, damit zusammen, wie er vor dem großen Tor gescheitert ist. Wollen wir uns über die Welt freuen, ohne zu ihr zu flüchten, dann könnten wir aus Kafkas im bewussten Leid gefundenen Fehler die richtige Konsequenz ziehen, nach der sein gesamtes Werk schreit:
An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben.
Andreas Tenzer, Köln im August 2007
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Wo Liebe ist, da ist keine Pflicht und keine Verantwortung.
Krishnamurti:
Vollkommene Freiheit, 5. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer, 2006, S. 214
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Der weltliche Mensch beruft sich bei seinen Entscheidungen und Handlungen meist auf sein Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein. Damit verlegt er die Beweggründe seines Verhaltens von innen nach außen. Er unterwirft sich einer äußeren Ordnung, die per Gesetz oder Moralvorschrift eine bestimmte Handlungsweise vorschreibt.
Wer als Liebe tätig ist, kann für sein Tun keine Begründung angeben, außer der Berufung auf die Liebe selbst. Als Jesus am Sabbat einen Mann heilte, fragte er die ihn argwöhnisch beobachtenden Pharisäer: «Was darf man nach dem Gesetz am Sabbat tun? Gutes oder Böses? Darf man einem Menschen das Leben retten oder muß man ihn umkommen lassen?» (Markus 3,4) - Unmittelbar darauf fassten die Pharisäer den Beschluss: Jesus muss sterben!
Jesus war keineswegs ein Mensch, der die Gesetze willkürlich missachtete. Hier gab es für ihn aber einen Konflikt zwischen den religiösen Vorschriften und dem höchsten göttlichen Gebot der Liebe, das unvermittelt aus seinem Herzen sprach und ihm keine andere Wahl ließ, als eine formale Gesetzesübertretung zu begehen. Er verstieß gegen die Buchstaben des Gesetzes, auf das sich die Pharisäer beriefen, und verkörperte gerade dadurch dessen Geist. Wer bedingungslos im Geist der Liebe handelt, wird früher oder später mit den weltlichen Mächten in Konflikt geraten, die auf Pflicht und Verantwortung gegründet sind und für die die unadministrierbare Liebe ein Todfeind ist.
Anders als Jesus hat man Krishnamurti nicht ans Kreuz genagelt, doch haben ihn die Ordenshüter, die ihn mit Hosianna! aus seiner indischen Heimat gelockt hatten, später mit Schmährufen bedacht, nachdem er damit begonnen hatte, dieses Wort zu leben: «Wo Liebe ist, da ist keine Pflicht und keine Verantwortung.»
Andreas Tenzer, Köln im Mai 2007
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